|
|
Dieter David Scholz
Lukullus zum Lachen
Die Verurteilung des
Lukullus
Bert Brechts Hörspiel “Lukullus vor Gericht”, das Roger Sessions im Stil einer Schauspiel-musik 1947 vertont hatte, bildete die Grundlage der Oper „Die Verurteilung des Lukullus“, die Brecht mit dem Komponisten Paul Dessau 1949 in Analogie zum Nürnberger Prozess in Angriff nahm: Der römische Feldherr Lukullus aus vorchristlicher Zeit wird nach seinem Tod über Wert und Sinn seiner Taten für das Volk befragt. Als Zeugen treten die im Lukullus-Fries verewigten Gestalten auf, Opfer der Eroberungskriege des Lukullus. Das Einzige, was für ihn spricht, ist die Tatsache, dass er den Kirschbaum aus Asien nach Europa brachte. 80.000 Menschen brachte er den Tod. Das Urteil darüber wird im Hörspiel dem Publikum überlassen. Nach der im Nordwestdeutschen Rundfunk gesendeten Radiooper entschieden sich Brecht und Dessau für die finale Verdammung des Lukullus: "Ins Nichts mit ihm..." 1950 reichte Berlins Staatsopernintendant Ernst Legal, im Ostberliner Ministerium für Volks-bildung das Libretto der Lukullus-Oper ein. Während der Einstudierung der Oper attackierte das Ministerium die Oper, ebenso wie die von der sowjetischen Militäradministration heraus-gegebene „Tägliche Rundschau“. Das Stück geriet ins Kreuzfeuer der seit Stalin entfachten Debatte über sozialistischen Realismus. Die Premiere wurde abgesagt. Aber am 17. März 1951 wurde im Admiralspalast, dem damaligen Ausweichquartier der Staatsoper, eine ge-schlossene Aufführung vor handverlesenen Gästen des Volksbildungsministeriums unter Leitung von Hermann Scherchen anberaumt. Was zur Zurückweisung des Stücks gedacht war, wurde wider Erwarten zu seinem triumphalen Durchbruch. Am 12. Oktober 1951 wurde schließlich die „Verurteilung des Lukullus“ mit großem Erfolg an der Berliner Staats-oper uraufgeführt, die das Stück allein dreimal von Ruth Berghaus über den Fall der Berliner Mauer hinaus inszenieren ließ: ein moralisches Vorzeigestück der DDR. Die Komische Oper Berlin hat sich nun des Stücks erinnert.
Der niederländische Tenor Kor-Jan Dusseljee leiht in Katja Czellniks Ausgrabung der Lukullus-Oper Paul Dessaus dem antiken Diktator seine Stimme. In weißer Generalsuniform widersetzt er sich dem Tribunal mit Arroganz, Zynismus und Humor. Wer hätte das gedacht: In der todernst moralisierenden wie im Sinne des Sozialismus politisierenden Brechtver-tonung Paul Dessaus darf gelacht werden! Die junge Regisseurin Katja Czellnik und ihr Bühnenbildner Hartmut Meyer heben das Stück aus den Angeln. Schon in einer Art filmischem Vorspann wird vom der Videokünstler-Kooperative „Falschfilm“ sozusagen im Zeitraffer Geschichte und Gegenwart von Politik und Demagogie, Propaganda und Wirklich-keit abgehandelt. Was folgt ist dann die Entlarvung, ja Verspottung des Stücks. Unter einem schäbigen, aufblasbaren „Zelt der Solidarität“ (als Unterwelt mit buddhistischem Zen-Garten) zeigt Katja Czellnik das Stück als knallbunte, angeschmuddelte und lächerliche Farce aus Versatzstücken unserer realen Welt. Anleihen aus Pseudo-Popart, Unterhaltungsfernsehen, Computerspielen und sozialistischer Parteipropaganda von Einst lassen die 12 Szenen dieser Oper, deren Text und Partitur sich übrigens handfeste Eingriffe haben gefallen lassen müssen, zu einer ironisch-absurden Revue von Knallchargen und Clowns verkommen, in der sich die berührende Klage des Fischweibs über den Tod ihres Sohnes Faber – als Plädoyer für den linken Klassenstandpunkt – fast absurd ausnimmt. Gabriela Maria Schmeide als Fischweib ist eine der überzeugendsten Darstellerinnen der Lukullus-Neuinszenierung an der Komischen Oper, die wieder einmal ihr Hauptaugenmerk aufs Inszenatorische, nicht auf die sängerisch-musikalische Qualität legt. Zwar singt Christiane Oertel eine solide Kurtisane und Erika Roos eine koloraturenstandfeste Königin. Doch ausgerechnet die Hauptfigur bleibt weithin unverständlich. In einem Stück, in dem jedes Wort verstanden werden muß. Auch Eberhard Kloke am Pult vermag der plakativen, trockenen Musik Paul Dessaus mit ihren Anleihen, Selbstzitaten, Stilkopien und Parodien kein wirklich überzeugendes Format abzugewinnen. Und so bleibt am Ende, das Katja Czellnik auch szenisch vollends zur karnevalesken Parodie gerinnen läßt, in der alle Mitwirkenden rote Pappnasen und Karnevalsperücken tragen, die Frage: Warum eigentlich die Reanimierung dieses Stücks? Das Eingangstor zur Unterwelt, das sich zu Beginn der Aufführung öffnete, schließt sich wieder: „Tutto nel mondo e burla“ denkt man, „Die ganze Welt ist eine Komödie“. Aber das ist eigentlich ein anders Stück. Und Lukullus ist nicht Falstaff, auch wenn Katja Czelnik ihn bei seiner Verdammung lachen läßt.
Rezension für SWR 2 Journal am 26.11.2007:
|