Dieter David Scholz

DVD-Besprechung MDR Figaro


Es muss nicht immer Bayreuth sein!
Der Lübecker "Ring" endlich auf DVD
7 DVDs, Musicaphon  M56929

 

Wagners monumentaler „Ring“-Vierteiler mit nahezu 16 Stunden Spielzeit ist noch immer eine der größten Herausforderungen eines jeden Theaters, was Regie, Ausstattung, Sänger und Orchester angeht. Dass die Bayreuther Festspiele sich schwer tun damit, einen „Ring“ fürs Jahr 2013 zu schmieden, sagt einiges über den gegenwärtigen, bedauernswerten Zustand der Richard-Wagner-Festspiele aus. Ausgerechnet die Hansestadt Lübeck, fern der Opernme-tropolen und Wagnerhochburgen, hat einen der konzeptionell überzeugendsten und musi-kalisch-sängerisch besten „Ringe“ der Republik auf die Beine gestellt. Nun ist dieser Lü-becker „Ring“ , der im vergangenen Jahr vollendet wurde, auf sieben DVDs des Labels Mu-sicaphon erschienen. 

Es war ein Spartenübergreifendes Projekt „Wagner trifft Mann“, das in der Thomas-Mann-Stadt Lübeck die Neuinszenierung des „Rings“ zwischen 2007 und 2010 wesentlich beein-flusste. Immerhin ist Thomas Mann der wichtigste Vertreter der literarischen Wagner-Rezeption im 20. Jahrhundert. Der Roman „Buddenbrooks“  hat denn auch die Konzeption des Regisseurs Anthony Pilavachi inspiriert: Der Untergang einer großen Familie, der im „Rheingold“ mit dem Bau eines neuen Hauses beginnt und im „Siegfried“ bereits im Altersheim des Zwergen Mime ankommt, das an den Roman „Der Zauberberg“ erinnert.

Stuart Patterson  macht aus Mime einen trotteligen, autistischen Chemielehrer und Stuben-gelehrten, eine Charakterstudie von großem  singschauspielerischem Format. Auch der Wotan bzw. Wanderer von Stefan Heidemann kann sich hören lassen. Er verfügt über einen kernigen, höhensicheren Heldenbariton und darstellerische Autorität, mit dem er den Götter-vater im Nadelstreifenanzug als überzeugenden Clan-Chef gibt.

 

Es fällt auf, wie sorgfältig Operndirektor Roman Brogli-Sacher das Lübecker Sängerensem-ble ausgewählt hat. Insgesamt absolut rollendeckend und besser, als in manchem großen Wagnertempel! Besonders herausragend ist Ulrike Schneider als Urmutter Erda.

Aber auch Broglis dirigentischer Zugriff als Musikchef des Hauses ist fulminant. Er animiert das Philharmonische Orchester der Hansestadt Lübeck zu genauem, transparentem und schlankem Spiel, aber auch zu dramatischer Gangart und überwältigendem Sound.

 

Die Walküren sind Kampfjet-Pilotinnen einer Elite-Einsatztruppe Wotans, die beim Walküre-nritte auf gestapelten Särgen ein ausgelassenes Champagnergelage abhalten. Dahinter Videos mit militärischen Flugvorführungen. Fast filmisch beginnt auch das „Rheingold“ unter Wasser: Die verstoßene Göttertochter Brünnhilde im „Siegfried“ lebt in einer Wohnküche von heute, umgeben von zehn kleinen Walküren und Recken. Und im Vorspiel der Götterdämmerung blättern die Nornen vor Wagner- und Cosima-Büsten im Buch der Bayreuther- und der Weltgeschichte.  Eine einleuchtende Vergegenwärtigung der Saga von der Welt Anfang und Ende und eines Intrigendramas um Liebe, Verrat und Tod in heutiger Anschau­lichkeit. Dieser Livemitschnitt des Rings demonstriert, dass man auch jenseits von Bayreuth ein exzeptionelles Ring-Ensemble zusammenstellen kann, mit unverbrauchten, textverständlichen, jungen Sängern und Darstellern, die fern aller Opernroutine genau das verwirklichen, was Richard Wagner einmal vorschwebte. Und was man in Bayreuth nur noch selten erlebt. Die ganz große Sensation dieses Rings ist die Brünnhilde der Amerikanerin Rebecca Teem. Die Durchschlagskraft und Höhensicherheit ihrer Stimme, ihr tabuloser  darstellerischer Mut dürften ihr eine Zukunft als einer der beeindruckendsten hochdramatischen Soprane sichern. 

Am Ende dieses „Rings“ sieht man Brünnhilde, nachdem sie Welt und Wotan vom Fluch des Goldes erlöst hat, wie sie neben dem versteinerten Siegfried in einer Ruhmeshalle Platz nimmt, ein Pappmaché-Walhalla der Erinnerung an scheiternde Helden und starke Frauen. Zurecht wurde dieser „Ring“ vom Publikum mit Jubelstürmen quittiert, an dem sich auch der kom-mende in Bayreuth wird messen lassen müssen,.