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Dieter David Scholz

Christa Ludwig zum 80. Geburtstag


 

Eine der schönsten Stimmen
des 20. Jahrhunderts

 

Heute, am 16. März, 2008 feiert sie ihren 80sten Geburtstag., die Sängerin Christa Ludwig. Zwischen Salzburg und New York war sie fast 5 Jahrzehnte eine der gefeiertsten Mezzoso-pranistinnen der internationalen Opern- und Konzertszene. 1994 verabschiedete sich von der Bühne.  Auf der diesjährigen Musikmesse Midem, wurde sie für ihr Lebenswerk mit dem Lifetime Achievement Award ausgezeichnet. Ein kleines Porträt.

Christa Ludwig hatte, was man eine „schöne Stimme“ nennt. Die Tochter der Sängerin Eugenie  Bessalla-Ludwig und des Theatermannes Anton Ludwig stand schon mit 17 erstmals singend auf der Bühne. Für heutige Verhältnisse undenkbar, dass eine Sängerin so früh anfängt. Die meisten machen da gerade ihr Abitur, und dann studieren sie erst einmal ein paar Jahre Gesang. Aber bei Christa Ludwig war das anders. Ihr wurde das Singen buchstäblich in die Wiege gelegt: Von ihrer Mutter wurde sie schon als Kind unterrichtet.

„Die war meine einzige Lehrerin, eigentlich. Es steht manchmal geschrieben, daß auch Felicie Hüni-Mihaczek meine Lehrerin gewesen sei, das stimmt nicht. Ich hab ihr nur einmal vorgesungen, weil ich im Zweifel war, da war ich 19, 20 Jahre alt, ob meine Mutter mich auch richtig unterrichtet. Dieser Zweifel kommt ja.“

Ihre Mutter hat wohl alles richtig gemacht! Schon mit 18 debütierte Christa Ludwig – mit vor-bildlich ausgebildeter Stimme - an der Oper in Frankfurt am Main.  Sechs Jahre blieb sie dort, es folgten Engagements in Darmstadt und Hannover, dann holte sie Karl Böhm an die Wiener Staatsoper, das war 1955. Von da an war Christa Ludwig ein Star, und das im Alter von 27 Jahren.

Mit Karl Böhm, mit Herbert von Karajan und mit Leonard Bernstein hat Christa Ludwig besonders gern zusammengearbeitet,  über Jahrzehnte, und auf den großen Bühnen der Welt, im Konzertsaal und auf Schallplatte bzw. CD. Die Hinterlassenschaft  der Tonkonserven ihrer edlen Stimme ist fast unüberschaubar. Die Anzahl der internationalen Auszeichnungen und Ehrungen, die ihr zuteil wurden, stattlich. In der großen Zeit der New Yorker Met, der Wiener Staatsoper und der Salzburger Festspiele war die Ludwig eine Institution perfekten Gesangs und eine gefeierte Diva. Doch die gebürtige Berlinerin war privat alles andere als eine Primadonna .

„Eine Primadonna läßt sich also neue Garderoben hinter der Bühne bauen, weil sie mit den anderen nicht zufrieden ist, sie sitzt nicht mit den normalen Leuten in einer Gar-derobe, nicht einmal dort, wo früher auch die Callas gesessen hat, und man muß sich ganz anders benehmen, man muß bewundert werden wie ein Kalb mit zwei Köpfen.“  

Das war nichts für Christa Ludwig. Sie war immer eine  bodenständige Frau, ganz von dieser Welt, Christa Ludwig hat immer geradeheraus gesagt, was sie dachte, sie kannte keinerlei Allüren, aber sie hat für den Schönklang ihrer Stimme einen Grossteil  ihres Privatlebens geopfert. Trinken, Rauchen, zu viel Reden war jahrzehntelang für Sie Tabu. Dafür hat sie alle für Sie in Frage kommenden Partien ausprobiert, Belcanto-Partien, aber auch Ausflüge ins hochdramatische Sopran-Fach hat sie gewagt.  Die Vielseitigkeit ihres Rollen-Repertoires von Händel über Mozart, Verdi, Wagner, Puccini und Richard Strauss bis hin zu  Leonard Bernstein ist enorm. Christa Ludwig wollte einfach wissen wo ihr Limit war.  

„Ich habe in meinem Leben überhaupt immer  alles probiert. So bin ich. Ich wollte immer alles probieren. Und wenn’s dann nicht geklappt hat, dann bin ich  halt wieder zurückgegangen.“

Christa Ludwig verfügte nicht nur über Humor und Bühneninstinkt, sie hatte eine seltene Klangüppigkeit im Mezzo- und Altregister, verbunden mit einer strahlenden hohen Lage, was sie ja auch in die Lage versetzte, das dramatische Sopranfach zu singen. Die Ludwig hat ein ganz unverwechselbares, sinnlich changierendes Timbre, eine sattelfeste Technik und vollen-dete Gesangskultur. Ihre präzise Textverständlichkeit und ihre Kunst des differenziertesten stimmlichen Ausdrucks bis in die kleinsten psychologischen Nuancen hinein ist bis heute vor-bildlich. Selbst die dämonischsten Partien sang sie mit dunkler Eleganz. Keine andere Mezzo-sopranistin der letzten 60 Jahre kann sich mit ihr vergleichen.

Die Ortrud in Richard Wagners Lohengrin war eine der Paradepartien von Christa  Ludwig nicht nur bei den Bayreuther Festspielen, wo sie 1966 debütierte. Die Sängerin war eigentlich in allen großen Opernhäusern der Welt zuhause, in der Met in New York, in Londons Covent Garden, an der Mailänder Scala und vor allem in der Wiener Staatsoper, der sie fast 50 Jahre ihrer Bühnenlaufbahn hindurch besonders verbunden war. 1994 veröffentlichte Christa Ludwig ihre Autobiographie und verabschiedete sich von der Bühne. Ganz unsentimental. Und noch im Vollbesitz einer wunderbaren Stimme.   

„Wenn der Kuchen am schönsten schmeckt , sollte man aufhören, nicht wahr… lacht ….“

Im Übrigen bekennt Christa Ludwig, die ohne Wehmut zurückblickt auf eine beispiellose Karriere, die ihr nichts vorenthielt :

„Ich war froh, dass ich es hinter mich gebracht habe, dieses Leben mit Angst, und mit nicht Erkälten dürfen, und nicht mit Freunden kommunizieren können, weil alles ist verbunden mit Sprechen. Deshalb war ich natürlich heilfroh, dass ich das hinter mich gebracht habe. Im übrigen bin ich ein Mensch, der nie zurück schaut. Was zählt, ist nur die Zukunft!“

Seit Christa Ludwig sich von der Bühne und dem Konzertsaal zurückgezogen hat, lebte sie mit ihrem zweiten Mann, dem französischen Schauspieler und Regisseur Paul-Emile Deiber an der Côte d´Azur. Vor kurzem Zogen Christa Ludwig und Paul-Emile Deiber nach Öster-reich.  Nach einem fast fünf Jahrzehnte währenden Künstlerleben war Christa Ludwigs Sehnsucht nach einem ganz normalen Leben groß. Gelegentlich gibt sie zwar noch Meister-kurse. Aber am Liebsten lebt sie heute einfach so in den Tag hinein. Sie kann es sich leisten und sie hat es verdient. Sie hatte eine der schönsten Stimmen des 20. Jahrhunderts.

„Ich koche mit Leidenschaft. Ich werde immer dicker, furchtbar. … der Tag geht so schnell vorbei, dass ich mir noch nicht einmal die Frage gestellt habe, was habe ich eigentlich heute getan, und wenn ich dann zurückdenke, denke ich: Eigentlich hast Du gar nix getan. Und manchmal gucke ich nur Löcher in die Luft…"

 

 DW, SWR, MDR, BR