Dieter David Scholz

Frühkritik MDR Figaro,19.12.2009, 08.40 Uhr


Richard Wagner: Lohengrin
Oper Leipzig, Premiere 18.12.2009

Moderator Thomas Bille:  Bei Figaro im Kulturradio kommen wir zu  Wagners Lohengrin. 1850 wurde er in Weimar uraufgeführt. 1998 brachte Peter Konwitschny seine Inszenierung in Hamburg erstmals heraus. Eine Inszenierung, die für Furore sorgte. Jetzt ist sie für die Oper Leipzig, von Peter Konwitschny neueinstudiert worden. Und ich frage unseren Kritiker Dieter David Scholz: Neueinstudiert, was heißt das konkret? Ist das etwas ganz Neues, oder ist das in etwa das, was sie schon 1998 in Hamburg gesehen haben?

Es ist im Grunde genommen genau das Gleiche, was man in Hamburg gesehen hat. Die Ku­lissenstaffage, die Inszenierung ist Eins zu Eins übernommen worden. Mit ganz geringfü-gigen, nicht erwähnenswerten Änderungen. Konwitschny hat damals in Hamburg für ziem-lichen für Unmut gesorgt. In Hamburg ist das Stück ja mit Protestgeschrei des Publikums in der Premiere fast erstickt worden. Hinterher wurde es dann zum Kultstück erklärt. Und hier in Leipzig ist natürlich Peter Konwitschny eine Kultperson. Er zeigt im Grunde genommen nicht das, was man beim Lohengrin normalerweise erwartet, ein mythisch entrücktes, romantisches Märchen, sondern  ein Stück über scheiternde Schülerträume. Das Ganze spielt in einer Schulklasse eines altmodischen Gymnasiums, so zwischen 1900 und Erstem Weltkrieg, würde ich mal sagen. Alle treten auf in kurzen Hopsen, Kniestrümpfen, Schulmützen, die Mädels haben natürlich knielange Schulkleider an. Also eine richtige Halbstarkenbande, die  zwischen Schultafel und Linoleumboden mittelalterliche Ritterwelt phantasiert und spielt. Das Ganze soll sein ein Stück über die Sehnsüchte der Jugendlichen, über das Erwachsenwerden, die erste Liebe, aber auch das erste große Scheitern einer Utopie, einschließlich Sexualkundeunterricht an der Tafel. Das Brautbett der Elsa besteht aus zusammengelegten Turnmatten. Zu ihrem Brautschleier dient ein Vorhang des Klassen-fensters. Was man da sieht, ist eine Burleske, eine Ironisierung. Am Schluss kippt das Ganze dann im dritten Akt. Da wird dann aus Jux Ernst des Lebens. Die Schule ist aus. Die Schüler finden sich in schwarzem, leerem Raum wieder. Wenn man so will, auf dem Schlachtfelfeld. Der kleine, totgeglaubte Gottfried entsteigt der Versenkung mit Stahlhelm und Maschinen-gewehr. Aha: Der Vorschein des totalitären Deutschlands.

 

Moderator Thomas Bille:  Wie empfinden Sie das, wenn wilhelminische Gymnasiasten von Erwachsenen gespielt werden?

Das ist natürlich immer ein Problem, wenn Sänger, wenn erwachsene Menschen Kinder spie-len sollen. Das gelingt ja nicht vielen. Das Ganze bekommt Etwas von einer Pennälerposse, von Komödienstadel. Es hat etwas Travestiehaftes á la „Feuerzangenbowle“. Und es wird auch etwas zu viel mit Holzpfählen gewunken. Ich finde dieses Konzept – nun habe ich es schon zweimal gesehen – ehrlich gesagt etwas langweilig und fad. Bei allem Respekt vor Peter Konwitschny: Man fragt sich immer wieder, was hat das Stück, das er erzählt, mit dem Stück zu tun, das Wagner erzählt. Nicht viel, muß man ehrlich sagen. Ob man sich für die Schul- und Pubertätsprobleme von Herrn Konwitschny mehr interessiert als für die mythi-schen, die politischen, die psychologischen des Stückes von Wagner, das muss natürlich jeder für sich selbst beantworten. Im übrigen möchte ich hinzufügen, dass die Banalisierung ins Kleinkariert-Spießige, zu der Konwitschny neigt, die Stücke meist nicht interessanter macht als sie sind. Außerdem lässt er von den Schülern die vordergründige Handlung des Lohengrin so brav, so harmlos spielen, zöge man ihnen historische Kostüme an, würde jeder schreien: Opas Oper!

Moderator Thomas Bille:  Von Interpretationsfragen zu objektiveren Dingen: Wie waren die Leistungen der Sänger?

Die Sänger haben sich erstaunlicherweise gut in dieses Konzept eingefunden. So gut es eben geht, wenn Erwachsene in  Kinderkleidern auftreten. Es ist nur sehr wenigen großen Schau-spielern gegeben, so etwas glaubwürdig über die Rampe zu bringen. Nun kann man natürlich sagen, Sänger sollen in erster Linie sängerisch glaubwürdig sein. Das war aber auch nur ein-geschränkt der Fall. Immerhin Stefan Vinke, den ich zuletzt als Rienzi in Leipzig und als Paul in der „Toten Stadt“ von Korngold in Venedig sehr angeschlagen hörte, hatte als Lohengrin keinen schlechten Abend gestern, aber lyrisch kann man sein Gebrülle nicht wirklich nennen. Die Elsa von Gun-Brit Barkmin war dagegen sehr schön, ein sehr lyrischer Sopran. Und der inzwischen schon betagte Hans-Joachim Ketelsen hat einen sehr überzeugenden Telramund gesungen. Ansonsten war die Besetzung sehr mittelprächtig und was Gabriele Schnaut, die die Ortrud gab, mit Verlaub gesagt, an Schreileistungen zustande brachte, hat mit dem, was Wagner vorschwebte - er hat ja immer wieder betont, er wünsche sich für den Wagner-Gesang einen „deutschen Belcanto“ - nun wirklich nichts zu tun.

Moderator Thomas Bille:  In Hamburg hat 1998 Ingo Metzmacher dirigiert. Wie war das Dirigat in Leipzig mit dem neuen GMD Ulf Schirmer?

Es gibt ja böse Zungen, die behaupten, Ulf Schirmer sei doch im Grunde nur ein sehr mittel-mäßiger, mittelprächtiger Kapellmeister. Ich habe Ulf Schirmer oft gehört, in verschiedenen Opernhäusern. Ich muss sagen, nach dem gestrigen Lohengrin-Dirigat kann ich diesen bösen Zungen nicht wirklich widersprechen, auch wenn  das Gewandhausorchester auf erfreulich hohem Niveau spielte. Ulf Schirmer hat vor allem sehr laut dirigiert, es gab kaum dynamische Abstufungen. Er hat sehr breit dirigiert. Das waren über weite Strecken Tempi zum Ein-schlafen. Die wirklichen Geheimnisse und die Raffinessen dieser wunderbaren Partitur, die hat er dem Zuhörer vorenthalten. Und wenn es denn so ist, was ich zitiert habe, dass er ein mittelmäßiger Kapellmeister ist, dann ist er ja vielleicht für dieses Leipziger Opernhaus genau der Richtige, denn leider Gottes muß man ja sagen, ist das Mittelmass seit einiger Zeit an der Leipziger Oper das Maß aller Dinge.

Moderator Thomas Bille:  „He was not amused“, unser Kritiker Dieter David Scholz.