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Dieter David Scholz
Wagner-Festtage 2009 an der Berliner Staatsoper Unter
den Linden
Grandioses Scheitern
Nach seinem grandios gelungenen
"Parsifal" in Bayreuth ist Regisseur Stefan Herheim gemeinsam mit Dirigent
Daniel Barenboim an Wagners „Lohengrin“ an der Berliner Staatsoper grandios
gescheitert.

Es war eine Farce, die der eigentlichen
Premiere dieses „Lohengrin“ vorausging. In der Zei-tung „DIE WELT“ wurden
gepfefferte kritische Äußerungen Stefan Herheims über Daniel Barenboim, die
Mitwirkenden und den inneren Zustand der Lindenoper abgedruckt. In einer
eilig verfaßten und per Email an die Journalisten gesendeten Presssemeldung
des Hauses dis-tanzieret sich Herheim davon und machte einen öffentlichen
Kniefall vor Daniel Barenboim. Auch wenn da verantwortungsloser
Sensationsjournalismus manches verzerrt und überspitzt haben mag: Dieses
Vorspiel war kein gutes Omen. Das Ergebnis sprach für sich.
Der smarte Norweger Stefan Herheim ist
ein kluger, sympathischer, liebenswürdiger Mann und eines der inzwischen
weltweit gefragtesten Enfants terrible heutiger Musiktheaterregie. In
Sachen Wagner hat er mit seinem Bayreuther „Parsifal“ von 2008 Furore
gemacht. Entspre-chend hoch waren die Erwartungen an die glamouröse "Lohengrin"-Premiere
der österlichen Barenboim-Festtage an der Berliner Lindenoper.
Gewiss, er hat viel gelesen, er hat
viele einleuchtende Einzeleinfälle und auch bildnerisch schö-ne Momente auf
die Bühne gebracht, Stefan Herheim ist halt ein sinnlicher Theaterzauberer.
Doch diesmal hat er offensichtlich dem Stück und der Musik nicht getraut,
hat zuviel links-ideologisch-intellektuellen, rezeptionskritischen Überbau
mit ins Bühnengeschehen einbe-zogen und damit das Werk parodiert, ja
letztlich denunziert.
Die Idee, das Stück aus dem Geist des
Marionettentheaters zu denken und zu inszenieren, ist nicht abwegig. Da muß
im Programmheft gar nicht Kleists berühmter Aufsatz wieder einmal abgedruckt
werden. Aber nichts erschöpft sich auf der Bühne schneller als zitiertes
Mario-nettentheater. Schon während des Vorspiels zum ersten Aufzug, das
Daniel Barenboim und seine in erbärmlicher Verfassung (vor allem die Bläser
verspielen sich unentwegt) sich prä-sentierende Staatskapelle nichtssagend
zum Besten geben, wird der Komponist als Mario-nette eingeführt. Auf einem
Eichenstumpf liegend erhebt sich Richard Wagner zum Beherr-scher und Magier
seines Musiktheaters. Er hängt an Fäden, am Ende des zweiten Aktes zieht er
selbst die Strippen. Darüber hinaus wird er immer wieder dutzendweis
vervielfältigt, vom Chor als Marionette herumgetragen, bevor sich dieser
selbst Richard Wagner-Outfit zulegt, Samtjacke, Backenbart und Samtbarett.

Aber was, bitte sollen schon wieder
diese Mannen mit Stierhörnern, Holzschwertern und Bierhumpen in Händen ? Ja
ja, die bösen Deutschen! Und dann plötzlich müssen sich die Choristen – wie
auch die Solisten – ihre pseudohistorischen Theaterkostüme ausziehen und in
holzgemaserten Nackt-Trikots dastehen, mit Eichenlaub statt Feigenblatt an
pikanter Stelle, peinlich berührt, in schonungsloser Darbietung ihrer nicht
immer ansehnlichen Körperstatur. Man sieht den Sängern förmlich an,
wie unglücklich sie sich fühlen, und so singen sie auch.

Aber auch die pseudohistorischen,
wilhelminischen Lohengrin-Theaterkostüme, in die sie dann wieder schlüpfen
müssen und die lieblos gemalten Pappkulissen (Burghof und Münster) das
Spielen auf mehreren Ebenen, der konkreter Bühnenproben (Elsa mit
Klavierauszug in der Hand) und plakative Vorführung historischen Kulissen-
und Illusionstheaters, dazu Unmengen an Videoüberblendungen, Lichtzaubereien
und aufwendigsten technischen Tricks (eine Meisterleistung der Haustechnik)
verwirren eher, als dass sie das Stück für den Zu-schauer erklären. Der wird
schlicht überfordert und verwirrt angesichts der Flut ideologie-kritisch wie
rezeptionsgeschichtlich belehrenden und szenisch epischen
Verfremdungstheaters frei nach Altvater Brecht.

Zugegeben: Zauberhaft gelingt Herheim
der Auftritt des strahlenden Ritters aus einer sich herabsenkenden Gazewolke
(eine Kreuzung aus Lampenschirm und zusammengebundenem Tüll-Rundhorizont),
aus der zuvor eine riesige Feder herabfällt. Keine Schwanenfeder eher eine
Schreibfeder). Im Programmheft liest man „Hoffung ist das Ding mit Federn“
von Emily Dickinson. Aha! Auch der Abschied Lohengrins als ´gen Himmel
fahrender (an Strippen hängender) Ritter in voller Rüstung ist poetisch,
wenn er nur nicht anschließend als Quasi-Ikarus-Puppe vom Schnürboden
herabfiele. So etwas ist immer unglaubwürdig. Und dann senkt sich auch noch
die ganze Bühnentechnik auf den Betroffenheit mimenden Chor herab.
Nun ist „Lohengrin“ kein einfach zu
erklärendes, ja ein verdammt schwer zu inszenierendes Stück. Aber wenn man
ihm nicht traut und die säbelrasselnden, nationalistischen,
männer-chorbündischen Sequenzen nicht mag, sollte man das Stück nicht
inszenieren, jedenfalls nicht als Parodie: Man zerstört damit auch die
Musik, zumal, wenn sie ohnehin suboptimal (um nicht zu sagen weit unter
Festspielniveau) dargeboten wird.
Der die die Premiere rettende Kwangchul
Youn (eigentlich sollte René Pape singen), den man in Bayreuth als
prachtvollen Gurnemanz erlebte, singt, sichtbar von Scham ob seiner
Zwangs-entkleidung gezeichnet, unter seinen Möglichkeiten. Eine Zumutung
ist – gelinde gesagt – der Heerrufer Arttu Katajas, der als Berliner Bär
daherstapfen muß. Eine so kleine, ausdrucks-lose und in keiner Weise der
Partie genügende Stimme hat man kaum je in dieser Partie ge-hört. Peinlich
für die Staatsoper, unverständlich, warum Daniel Barenboim eine solche
Bese-zung akzeptiert. Auch der Telramund des viel zu kleinstimmigen und
ausdrucksschwachen, auch gestalterisch nicht über die nötige Autorität
verfügende Gerd Grochowski enttäuscht, ebenso Michaela Schuster als Ortrud ,
die mal als Operndiva aus der Proszeniumsloge zu-schaut, mal die böse
Intigantenhexe spielt (und vor dem bedrohlich anwachsenden Filmschat-ten
eines Baumes zu "Entweihte Götter" als germanische Runenzauberin erscheint)
verbrennt sich im extremem Geschrei ihres nicht eben edlen Stimmmaterials.

Die Szene Telramund-Ortrud im zweiten
Akt, eine der stärksten Opernszenen überhaupt, hat man noch nie so blass
erlebt wie in dieser Aufführung. Da war die Elsa Dorothea Röschmanns, die
natürlich keine Elsa ist, sondern eine lyrische Sopranistin mit dem Willen
zum Dramatischen, geradezu eine Wohltat, auch wenn sie im Grunde fehlbesetzt
ist. Sie singt mit ihrem schönen Timbre in der Mittellage vorzüglich, aber
über ihre naturgegebenen Grenzen, und mit viel Vibrato und Überdruck in den
Höhen, zumal bei Barenboims Hang zum Lauten und Lärmenden. Wenigstens ein
Sänger erfreute mit rollendeckender Leistung uneingeschränkt: Der zweite
Ein-springer des Premierenabends, Klaus Florian Vogt sang satt Burkhard
Fritz. Vogt singt den Ritter aus Glanz und Wonne mit beinahe androgynem,
hell timbrierten, nie forciertem, strahlend leichtem Tenor, hinreißend
lyrisch, textdeutlich und intonationssauber auch in der Höhe. Eine bessere „Lohengrin“-Stimme
gibt es derzeit weit und breit nicht. Immerhin! Nur auch er schien sich in
der Mummung mit Blechpanzer und Schwanenhelm nicht eben wohlzufühlen. Er
durfte nur schematische Operngesten vollführen und wirkte als
Bühnenfigur nur steif und lächerlich. Schade!

Lächerlich (und für die vielen von
weither angereisten Zuschauer völlig unverständlich) ist auch der
Regieeinfall, dass schon im ersten Akt der Chor in Zivil während einer
offen-sichtlichen Theaterprobe Transparente hochhalten muß, auf denen zu
lesen ist. "Deutsche", "Komische", "Staats" und "Oper". Mehrfach werden die
Worte anders zusammengestellt zu albernen Sätzen mit kulturpolitisch lokalen
Anspielungen, die aber im Verlaufe der Insze-nierung weder erklärt noch
weiter verfolgt werden. Auch des Regierenden Bürgermeisters Wowereits
geflügeltes Wort "Und das ist auch gut so" darf nicht fehlen. Was soll das?
Das kollagenhaft zusammengekleisterte,
überambitionierte, ja überstrapazierte Inszenierungs-konzept Stefan Herheims
(Kostümbildnerin Gesine Völm, Bühnenbildnerin Heike Scheele ) und seines
Dramaturgen Alexander Meier-Dörzenbach, der im Programmheft einen
beispiel-los verquasten Essay schreibt, läßt mehr Fragen offen, als es
beantwortet und es verärgert eher, als dass es den „Lohengrin theatralisch
realisiert und als Kunstwerk beglaubigt.
Und Daniel Barenboim widmet sich dem
Werk wieder einmal in halbherziger Routine. Er lässt es phonstark dröhnen
und paukenknallen wie eh und je, vom romantischen Zauber und Glanz der
mehrfach geteilten Streicher keine Spur. Auch im Graben alles fauler
Bühnenzauber!
Da rettet auch der finale Regieeinfall
nichts mehr, am Ende der Oper den oft zitierten, vom Premierenpublikum
allerdings nur belachten Ausspruch Wagners als Gruß vom Himmel
herabzulassen: „Kinder! Schafft Neues!“.
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