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Dieter David Scholz
Dem Vergessen entrissen: Marc Minkowski holt "Das Liebesmahl der Apostel" in die Dresdner Frauenkirche zurück. Sie zählt zu den Gelegenheitskompositionen, die "biblische Scene für Männerstimmen und großes Orchester" DAS LIEBESMAHL DER APOSTEL von Richard Wagner (der Witwe seines Kompositionslehrer Weinlig gewidmet). Erst vor 13 Jahren erwarb die Sächsische Landesbibliothek Dresden für rund 700.000 DM die Reinschrift der Partitur des Stücks aus dem Kunsthandel. Eine Sensation. Vorgestern abend hat kein Geringerer als Marc Min-kowski das nahezu vergessene Stück in der wieder aufgebauten Dresdner Frauenkirche, dem Ort der Uraufführung wiederaufgeführt. Auch das hatte Sensationscharakter.
Bruckners „nullte“ Sinfonie gehört wie Wagners „Liebesmahl der Apostel“, mit dem sie Marc Minkowski in seinem mit Spannung erwarteten Konzert in der Dresdner Frauenkirche kombinierte, zu den vielgeschmähten Jugendwerken beider Komponisten. Zu Unrecht, wie sein energisches, klug durchdachtes und fein ausziseliertes Dirigat bewies. Bruckners „Nullte“ ist eine ebenso raffiniert, ja souverän durchgestaltete Komposition wie Wagners 1843 kom-ponierte „biblische Szene“ „Das Liebesmahl der Apostel“. Nur ein halbes Jahr, nachdem Wagner zum „Königlich-Sächsischen-Hofkapellmeister“ ernannt wurde, bat ihn der Vorstand der renommierten „Dresdner Liedertafel“, den Posten des „Liedermeisters“, des Dirigenten zu übernehmen und zugleich ein großes, geistliches Chorwerk für das Zweite Dresdner Männer-gesangsfest zu komponieren, zu dem Männerchöre aus ganz Sachsen anreisten. Am 6. und 7 Juli 1843 führte Wagner höchstselbst seine gewaltige Chorkantate auf, mit der er die Dresdner überraschte und überwältigte: Eine vierteilige Chor-Kantate über die Zusammenkunft der Apostel und die Ausgießung des Hl. Geistes, mit dreifach geteilten Chö-ren der Jünger, einer zwölfköpfigen Bassgruppe der Apostel und Stimmen aus der Höhe. Drei Jahrzehnte später wird er diesen Effekt auch im „Parsifal“ einsetzen. Mit einer gewaltigen Sängerschar von 1200 Sängen führte Wagner das Stück auf, das er am 17. Juni 1879 rück-blickend im Gespräch mit Cosima »eine Art Ammergauerspiel« nante. Es wurde ein spek-takulärer Erfolg. Der Überraschungseffekt der Aufführung war damals das plötzlich Einsetzen eines unsichtbaren, hinter dem Chor verborgenen Riesenorchesters beim Heranbrausen des Heiligen Geistes.
Mark Minkowski, Barockmusikspezialist, bekennender Offenbachianer und inzwischen auch versierter Kenner und Könner der frühen Musik des 19. Jahrhunderts, zumal Wagners und Meyerbeers hat zwar nicht 1200 Sänger im Kirchenschiff platziert (wie ehemals Wagner), aber doch immerhin 220 Herren aus den Philharmonischen Chören Dresden, Brünn und Prag sowie des Vocal Concerts Dresden in den Emporen der Frauenkirche (unter Leitung von Peter Kopp) singen lassen. Und er hat sie zu einer außerordentlich präzisen und beein-druckenden Darbietung des zuletzt 1913 von Ernst von Schuch in der Frauenkirche auf-geführten Stücks animiert. Die Sächsische Staatskapelle Dresden hat in verkleinerter For-mation, ohne Harfen, wie sie Wagner noch verwendete, dafür aber inklusive historischer In-strumente wie Ophikleide und Serpent, weithin sichtbar in der Apsis der prachtvolle ba-rocken Frauenkirche gespielt und ihrem von Wagner verliehenen Titel einer „Sächsischen Wunderharfe“ alle Ehre gemacht. Neben dem Altar sangen die 12 Apostel und, unsichtbar fürs überwältigte Publikum, sang der Dresdner Kreuzchor aus der gewaltigen Kuppel der Frauenkirche. Schon der dreißigjährige Richard Wagner war ein musikdramatischer Rattenfänger und gewievter Theaterkomponist, er hatte ja bereits die Opern „Die Feen“, „Das Liebesverbot“, „Rienzi“ und „Den Fliegenden Holländer“ komponiert. Auch die musikdramatischen Effekte des „Liebesmahls der Apostel“ verfehlten ihre Wirkung nicht, weder bei der Uraufführung, noch bei der Ausgrabung von Marc Minkowski vor zwei Tagen. Minkowski setzt sich erklärtermaßen für diese Stück Musik zwischen Theater und Kirche ein, allen Kritikern wie etwa Arnold Bennet zum Trotz, die das Stück „etwas drittrangig Grandioses“ nennen mögen. Minkowski hat „Das Liebesmahl der Apostel“ schon in Spanien mit dem größten Pu-blikumserfolg aufgeführt. Auch in der Dresdner Frauenkirche war das aus aller Welt ange-reiste Publikum von der Aufführung dieses fast unbekannten, fast nie dargebotenen Wagner trotz akustischer Unzulänglichkeiten (zu großer Nachhall) gerührt und enthusiasmiert. Es lohnt sich eben, auch den frühen Wagner aufzuführen. Und da gäbe es noch Manches wieder zu entdecken!
Frühbericht für BR 4 Klassik, 16.06.2008
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