Dieter David Scholz

Rezension

DER GANZE KANTATEN-BACH

Es ist eines der ehrgeizigsten Unternehmen der Schallplattengeschichte: Die Einspielung sämtlicher geistlicher und weltlicher Kantaten Johann Sebastian Bachs, die der niederländische Spezialist für alte Musik, Ton Koopman 1994 begann, und die nun abgeschlossen wurde. Gerade eben ist die zwanzigste und letzte Kantaten-Box auf den Markt gekommen.

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Daß Ton Koopman den bisher nie eingespielte D-Dur- Sinfoniesatz aus einer verloren gegangenen, nur als Fragment erhaltenen Kantate Bachs aus den Jahren 1743-1746 in seine Gesamtaufnahme sämtlicher Bach-Kantaten aufnahm, ist bezeichnend für die philologische Gründlichkeit mit der er den ganzen Kantaten-Bach einzuspielen sich vornahm.

"Ich habe entschieden mit meinem Freund Christoph Wolff, was nicht zweifelsfrei nicht Bach ist, soll man aufnehmen."

Der Standpunkt ist insofern berechtigt, als man nicht genau weiß, wie viele Kantaten Bach über­haupt komponiert hatte. Allein 224 dokumentiert das Bachwerkverzeichnis. Eine ganze Reihe von  Kantaten sind verschollen, andere nur fragmentarisch erhalten. Koopman nahm der Voll­ständigkeit zuliebe alle "opera dubia", also nicht zweifelsfrei echten der Bach zugeschriebenen Kantaten mit auf. Er ist der Erste, der das wagte.

"Ich glaube, in diesem Fall, wenn man das Gesamt­werk macht, soll man das, wo man den Komponisten nicht kennt, und es ist unter Bachs Namen herausgegeben, aufnehmen, weil es ist besser, ein Stück zuviel aufzunehmen, als zwei Stücke zuwenig."

Gemeinsam mit dem wohl bedeutendsten der heutigen Bach-Forscher, Christoph Wolff, seit 2001 Leiter des Leipziger Bach-Archivs, und so etwas wie der „Bach-Papst“ persönlich, hat sich Ton Koopman zum Ziel gesetzt, sämtliche weltlichen und geistlichen Kantaten einzuspielen. Und zwar die Jahrgänge, die Bach für Weimar und für Leipzig geschrieben hat, soweit sie erhalten sind. In der Koopman-Edition finden sich aber auch Raritäten wie die erst 2005 entdeckte Sopranarie“ Alles mit Gott und nichts ohne ihn“, ein Huldigungsgedicht anlässlich des 53. Geburtstages von Herzog Wilhelm Ernst von Sachsen-Weimar, dem Dienstherrn Bachs von 1708-1717. Lisa Larsson singt die Ersteinspielung bei Koopman.

Es gibt vieles zu entdecken, zu vergleichen und zu bestaunen in der Gesamtaufnahme sämtlicher Bachkantaten, die Ton Koopman jetzt erstmals vorgelegt hat. Vor allem die Vielfältigkeit und die Weltlichkeit Bachs, der so gerne Opern komponiert hätte, aber keinen Auftraggeber und kein Engagement dafür fand. Daß an dieser Kantaten-Edition niemand vorbeikommt, der sich für Bach ernsthaft interessiert, bestätigt auch der Musikwissenschaftler und Publizist Michael Stegemann:

„Es ist eine Gesamtedition, die Koopman gelungen ist, die natür­lich aufbaut auf der alten Telefunken-Das Alte Werk-Edition, die Harnoncourt seinerzeit angefangen hatte, es gibt diese mehr oder weniger gesamte Aufnahme von Helmut Rilling, die ich ganz gräuslich finde, wenn ich das so sagen darf. Daneben ist Koopman sicherlich ein exzellenter Interpret. Mir persönlich ist Manches zu spröde, zu pietistisch,  was aber nichts an der Qualität der Ausführung, sondern mehr an der Interpretationshaltung zu kritisieren wäre.“ 

Auf 67 CDs ist das kompromißlose Bach-Projekt Ton Koop­mans ange­wachsen. Ursprünglich startete das Unternehmen 1994 beim Label Erato. Das Label Channel Classics hat das Projekt fortgesetzt und nun auch abgeschlossen: ein diskographisches Jahrhundertunternehmen, das kon-kurrenzlos ist, denn sowohl Gustav Leonhardt und Nikolaus Harnoncourt haben in ihren vorliegenden Einspielungen der Bach-Kantaten den Anspruch auf Vollständigkeit gar nicht erst gestellt. Und die weltlichen Kantaten ohnehin ausgeklammert. Was die Interpretation angeht, über die man sich natur­gemäß streiten kann: Natürlich kann man Bach, wie Harnoncourt, auch etwas opernhafter, sinnlicher, drastischer spielen und singen. Warum nicht? Ton Koopman hat den mittleren Weg gewählt zwischen philologischer Vorsichtigkeit und phantasievollem  Leichtsinn.

Von dem viel benutzten Begriff "authentische- bzw historische Aufführungspraxis" hält Ton Koop-man übrigens wenig. Er lässt Bach zwar auf alten Instrumenten spielen. Er hat dafür eigens das Am-sterdamer Bachorchester und einen eigenen Chor gegründet und mit handverlesenen Musikern bestückt. Auch rekonstruierte er für seine Auf­nahmen Besetzungen und Aufführungsbedingungen der Bachzeit,  aber bei aller präzisen und detailgenauen Arbeit mit den Noten ist Koopman doch ein vitaler Musiker, der sich nicht als Rekonstrukteur, sondern eher als Vermittler Bachs an uns heute begreift:

"Mein Credo bei alter Musik ist, zu verstehen, was der Komponist will, zu versuchen, ein Schüler von ihm zu sein und zu hoffen, daß man als Schüler akzeptiert würde."