Dieter David Scholz

„ ‚Kinder! macht Neues!‘ “ – 125 Jahre Bayreuther Festspiele, 50 Jahre Neubayreuth (deutsch/englisch). 159 S., Parthas Verlag 2001

Rezensionen

Vergnüglicher Crash-Kurs für Bayreuth-Anfänger

Feuilletonistisches Büchlein für Grüne-Hügel-Erstbesteiger

Von Reinhard Wengierek

1852 ermutigte Richard Wagner brieflich den späten Schwiegerpapa Liszt und indirekt na-türlich sämtliche Zeitgenossen und künftigen Kollegen Künstler mit dem Schlachtruf "Kinder! macht Neues!". Das mag zugleich als Motto der vom Schlachtrufer just vor 125 Jahren ins Leben gerufenen Bayreuther Festspiele gelten.

Dieter David Scholz, Berliner Rundfunk-Opernkritiker, der vor allem durch seine Arbeit über Wagners Schrift "das Judentum in der Musik " bekannt wurde, schrieb ein feuilletonistisches Büchlein für Grüne-Hügel-Erstbesteiger. ... Der Text, basierend auf einer Sendereihe der Deutschen Welle, ist zweisprachig (deutsch und englisch). Pointiert wird u. a. Wagners Wol-len skizziert ("Gesamtkunstwerk"), anschaulich die desaströse "Ring"-Uraufführung von 1876 dokumentiert und die sensationelle Uraufführung von "Parsifal" 1882 - überleitend zum Jubiläums-"Parsifal" 1982 an dem sich die Debatten um Wagner Antisemitismus sonderlich entzündeten. Spannend die Kapitel über Nazi-Bayreuth, "Vergangenheitsbewältigung" sowie die Erneuerung der Spiele ab 1951 unter Wieland und Wolfgang Wagner.

 

DIE WELT , Donnerstag 10. Januar 2002

 


Scholz hat sich gründlich in die Materie eingearbeitet und beweist viel Detailkenntnis. Dezi-diert wird die Wagner-Idolisierung durch Cosima beschrieben und ausführlich die Zeit des Nationalsozialismus, die Bayreuth durch Hitlers Wagner-Kult in Verruf brachte. ...Sehr gut gelungen ist die Charakterisierung Siegfried Wagners. Man erkennt, daß aufgrund seins frühen Todes die Entwicklung eine andere Richtung nahm, wenngleich er als "labile Künstlernatur" bezeichnet wird. ... Wolfgang Wagner wird sehr gerecht beurteilt. ... Ein sehr informatives Buch, eine Art Einführung für Noch-nicht-Bayreuthianer. Zahlreiche Illustrationen bilden eine gute Ergänzung.

Ingrid Hermann in: Das Orchester (Schott) 1/2002

 


In diesem Sommer feiert man auf dem Grünen Hügel 125 Jahre Festspiele und 50 Jahre "Neubayreuth". Anlaß genug, Rückschau zu halten auf die Festspiele, die Mancher, die Wer-ke und deren Wirkungen.

Dieser Aufgabe hat sich Dieter David Scholz in seinem jüngst als Begleitung zu einer Sende-reihe auf DW-Radio erschienenen Buch "Kinder! Macht Neues!" angenommen. In dreizehn Kapiteln, die den einzelnen Folgen der Radiosendung entsprechen, beschriebt er je eine Epoche der Wagnerfestspiele. Als objektiver Beobachter liefert er viele interessante Details, ohne sich jedoch in diesen zu verlieren. Der "rote Faden" ist immer klar erkennbar, das Beschriebene wird durch zahlreiche Fotos sinnvoll ergänzt.

Als kritischer Journalist beleuchtet er aber auch die Wirkungen, die von den Festspielen - vor allem während der Zeit der nationalsozialistischen Herrschaft - auf die Gesellschaft ausgingen. ... Dann verläßt Scholz jedoch die Position des Beschreibenden und bezieht zu diesen Vor-gängen Stellung, indem er - m.E. richtigerweise - Wagner und das, was man aus ihm und seinem Werk machte, trennt. Er stellt klar heraus, daß die Ideen Wagners keinesfalls mit de-nen des NS-Regimes gleichzusetzen sind, sondern diese sich z.T. diametral widersprechen. Im letzten Kapitel, Wagner im Dritten Jahrtausend, geht Scholz auch auf die aktuelle Diskussion um die Nachfolge Wolfgang Wagners als Leiter der Festspiele in. Dabei greift er aber nicht aktiv in die in den Medien geführte "Schlammschlacht" ein, sondern beleuchtet deren Hintergründe und stellt die sich in der Diskussion befindlichen Kandidaten vor. Zwar verweist er auf die Notwendigkeit einer baldigen Nachfolge, im Gegensatz zu vielen anderen Kommentatoren der Geschehnisse vermeidet er es aber, Wolfgang Wagner als einen rück-wärtsgewandten Alleinherrscher darzustellen; vielmehr weist er auf dessen nicht unbedeutende Leistungen für die Festspiele hin.

Das sich durch seine Zweisprachigkeit auch an ein internationales Publikum wendende Buch gibt dem Leser schnell und informativ all das, was er braucht, um das Phänomen "Bayreuth" und die sich daran anschließenden Diskussionen zu verstehen. Angesichts mancher Kommen-tierungen in der Tagespresse sollte man das Buch auch in den Literaturempfehlungen für Kulturjournalisten aufnehmen.

 

G.Diesinger/ Kurt Pahlen "Aktuelle Buchkritiken" 7.01.2002