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Dieter David Scholz
Rezension
Der Faschist Hans Sachs Katharina Wagners Bayreuther Meistersinger-Premiere am 25. Juli 2007
Wohl kaum eine Bayreuther Inszenierung wurde mit so viel Spannung erwartet, aber auch mit soviel medialem Interesse zum Event hochgetrieben. Landauf, landab gab Katharina Wagner Interviews und kein anders Thema beherrscht die Richard Wagner-Stadt als die Frage: Wird Katharina Wagner die künftige Festspielchefin? Auch wenn sie den Zusammenhang zwischen ihrer Meistersinger-Inszenierung und der Nachfolgefrage am Hügel verneinte: Katharinas Meistersinger - und die Welt schaute auf diese Produktion - sollten doch so etwas wie ein Meisterstück werden, sozusagen eine Antrittsinszenierung am Hügel. Hat ihre Inszenierung Erfolg, so glauben Viele, steigen ihre Chancen, am Hügel die Nachfolgerin ihres gesund-heitlich arg angeschlagenen, fast 88-jährigen Vaters zu werden. Wie auch immer Es war auf jeden Fall eine sehr aufwendige Inszenierung. Maschinen und Prospekte wurden nicht geschont. Über die Kosten kann nur spekuliert werden. Das Teuerste schien gerade gut genug für Wolfgang Wagners Tochter, die Wunschmaid seiner Nachfolgevorstellungen. Unkonventionell war diese Inszenierung zweifellos. So hat man die Meistersinger gewiss noch nicht gesehen. Man vergesse alles, was in Wagners Libretto steht. Die Handlung des ersten Aktes spielt nicht etwa in einer Kirche, sondern in einem quadra-tischen, braun getäfelten Saal mit zwei unlaufenden Galerien, auf denen 12 Klassikerbüsten postiert sind, Schiller und Goethe, Bach und Lessing, Wagner, natürlich, und Dürer, aber auch Kleist und Schinkel, Knobelsdorf und Beethoven, Hölderlin und Schadow. Halb Walhalla, halb Wahnfried, ein Ort der Tradition, dessen Dürerhafte Deckengemälde von Restauratoren auf hohem Gerüst konserviert werden. Am Kopfende des Saals gibt es neun, übereinander gestapelte Zimmer. In Ihnen steht alles, was an Requisiten benützt wird: Möbelteile, die die Lehrbuben und Gesellen rituell choreographiert zusammenbauen zu Tischen und Stühlen, ein Cello, auf das Walther von Stolzing, der Bürgerschreck, später mit weißer Farbe den Namen Eva malen wird. Überhaupt scheint er eigentlich Maler zu sein, oder so eine Art Schlingensief-Existenz, die immer und überall mit einer Bildermappe herum-läuft, oder mit einem Bühnenbildmodell, vor allem mit einem Farbkübel und alles bekleckst und bemalt.
Aus einem Flügel darf er auftreten. Wie originell… Er darf auf Tische springen und liefert sich mit Beckmesser eine Art Puzzle-Wettstreit. Wer das Bild der Stadt Nürnberg zuerst richtig zusammengesetzt hat, ist Sieger. Bei der Singschule zeigt David einen Diavortrag mit Historischem aus Nürnberg. Hans Sachs ist Kettenraucher, in schwarzer Jeans, mit schwar-zem Hemd darüber, er läuft vornehmlich barfuß über die Bühne. Aha. Ein Unangepasster, ein Altachtundsechziger im Kreis der ansonsten adrett im Stil der Sechzigerjahre akademisch-professoral gekleideten Meister und der wie Highschool-Schüler ausstaffierten Lehrbuben und Gesellen. Als Stolzing die Faxen dicke hat, am Ende des ersten Aktes, besudelt er das Interieur der Meistersinger-Gesellschaft mitsamt der Meister, ein Meisterkleckser - immerhin. Der zweite Akt: Dort sitzen nicht nur Eva und Magdalene, dickleibige ältliche Mädchen im Gouvernantendress, die wie rothaarige, eineiige Zwillinge gezeigt werden, einfach so herum, sondern auch Sachs, lässig rauchend, an seiner Schreibmaschine. Sie wird bei Beckmessers Ständchen Hammer und Amboss ersetzen, auch sonst darf Hans Sachs lustig in die Musik Wagners hineintippen.
Nicht nur der Pedant Beckmesser, der ebenfalls wie ein im abgetragenen, zu kurzen Anzug dahergelaufener Professor aussieht, geht das auf die Nerven. Im Hintergrund steht eine mahnende, schwörende Rodin-Hand, für Stolzing knickt sie ein zum Objekt seiner Kunst-ausübung. Literweise beschmiert er sie mit Farbe, um sich danach mit Eva auf ihr nieder-zulassen. Die armen Garderobieren des Festspielhauses! Die Prügelfuge schließlich wird zum ausgelassenen Karneval. Die Klassiker treten aus ihren Nischen leibhaftig wie verlebendigte Geister hervor und tanzen. Choristen üben sich in Ringelpiez mit Anfassen und schlängeln sich durchs Getriebe einer lustig ausflippenden Gesellschaft, die sich mit dem Inhalt von Campbells Tomato-Soup bewirft. Aha: Andy Warhole. Es geht um die moderne Kunst. Wir verstehen. Ein gewaltiges Tohuwabohu, doch nichts von Spießbürgers aggressiven Ab-gründen wie bei Wagner. Im dritten Akt sitzt Sachs, der angeblich die Welt nicht mehr versteht, zwischen weißen Designermöbeln vor einem großen Fenster, dahinter die schon bekannten neun Räume mit den zu Karikaturen mit Riesenköpfen mutierten Alten Meistern in Bademänteln. Sie treiben Sachs mit ihren Phallustänzen in den Wahn, über den er dann monologisiert. Warum Eigentlich, denn die gezeigten Marotten dieser satyrhaften Meisterkarikaturen sind ziemlich possierlich: Wagner spielt mit einem Schwan, andere bohren in der Nase ... Man versteht die ganze Aufregung nicht. Das schöne Quintett verkitscht Katharina Wagner zu zwei Familienbildern in Neogotik-Rahmen: Pogner und David mit Wunschanhang. Dann geht es zur Sache: Die Karikaturen der alten Meister mit Wasserköpfen fesseln Sachs an den Stuhl und tanzen Cancan. Diese Meisterrevue zu den Klängen der Festwiese werden zum alptraumhaften Pandämonium. Ordnungskräfte verjagen die Meistertänzer, stopfen alle Requisiten der Truppe in einen Container, mitsamt der drei Choreographen (Regisseure), dann tritt auf Hans Sachs, im Anzug, erstmals in Schuhen, und zündet die Menschen an. Flammen schlagen aus dem Container. Sachs wird später einen goldenen Hirsch aus ihm heben. Das ist offenbar sein Kunstideal, das er dem Stolzings (mit seinen modernen Gemälden) entgegensetzt. Warum sich Sachs zum Angepaßten, zum Reaktionär, ja zum Faschisten wandelt, der am Ende Menschen verbrennt, ist ebenso unverständlich wie die Verwandlung des spießigen Beckmesser (der von Michael Volle hervorragend gesungen wird) zum Turnschuh-Rebellen. Wagners Text liefert dafür keine Erklärung. Regisseurin Katharina Wagner aber auch nicht. Jedenfalls nicht auf der Bühne. Sie zeigt dafür Beckmessers Auftritt mit mit schlangenhaftem Riesenphallus, mit Luftballons, Leiterwagen voller Äpfel und Gummipuppe samt lebendigem, nacktem Begatter, bevor Stolzing, nun ebenfalls wunderbarerweise zum Konservativen im Frack gewandelt, sein Preislied singen darf. Das Ganze als telegene Show mit parodistischem Operntableau am Ende. Der Chor wird stehend auf einer Tribüne aus der Unterbühne hochgefahren. Er wirft seine farbigen Fetzen weg, um sich uniform als gleichgeschaltet zu outen: Die Damen im roten Abendkleid, die Herren im schwarzen Anzug. Am Ende übergeben zwei Mietzen im Glitzerfummel Herrn von Stolzing einen Riesenscheck. Hans Sachs überreicht ihm den güldenen Hirschen. Links und rechts fahren martialische Arno Breker-Plastiken (Schiller und Goethe?) aus der Unterbühne hoch. Natürlich, das Dritte Reich darf ja nicht fehlen. Die buhstarke Entrüstung des Premierenpublikums ist nur zu verständlich, denn Katharinas Deutung des Stücks ist leeres, im übrigen so konfuses wie hyperaktives Behauptungstheater, konsequent am Text vorbei und überfrachtet mit bedeutungsschwangeren Assoziationen und Gags. Katharina hat die Meistersinger verschlingensieft. Doch was bei Schlingensief, ihrem Regie-Idol, wie sie gern gesteht, originell ist, wirkt bei Katharina Wagner nur abgeschaut und aufgesetzt. Die verquasten Gedanken ihres Dramaturgen Robert Sollich lesen sich im Fest-spielbuch durchaus nicht interessant. Doch Katharinas Umsetzung auf der Bühne bleibt – so reibungslos ihre handwerklich und technisch bewundernswert funktionierende Inszenierung organisiert und bewerkstelligt ist - leere Behauptung! Natürlich: Sachsens Schlußansprache gegen „wälschen Dunst mit wälschem Tand“ klingt verdächtig, doch bei genauem Lesen erweist sie sich eher als harmlose Kunstpolemik gegen die erstarrten Prinzipien der italie-nische Oper, der Beckmesser das Wort redet, denn als politischer Appell aus prähitlerscher Perspektive. Und die große, schöne Utopie, die Richard Wagner in den Meistersingern entwarf, die Utopie einer Kunst, die die politische und sozialen Unterschiede zwischen den Menschen aufhebt und Neues mit Altem versöhnt, Adel mit Bürgertum, und die Kunst über alle Politik stellt, diese Utopie hat Katharina Wagner gründlich denunziert und demontiert. Und sie hat alte, dumme Vorurteile und Missverständnisse der Wirkungsgeschichte Wagners einmal mehr bestätigt. Warum und wozu eigentlich? Was ist an dieser Utopie verwerflich? Und was hat ihr Katharina Wagner dagegenzusetzen? Sie gibt letztlich Hitler (und seinem Wagner-Mißbrauch) mehr recht als Wagner. Dabei lebt die Komponisten-Urenkelin doch einzig und allein vom Namen Ihres Urgroßvaters. Und ohne ihren Vater Wolfgang wäre sie wohl niemals Opern-regisseurin geworden und an den Grünen Hügel engagiert. Wie dumm von ihr, das familiäre Kapital so zu verspielen. Und wie schade für das Werk Richard Wagners, das humaner ist, als Katharina Wagner es begreift und mit ihrer Insze-nierung die Welt glauben machen möchte! Dass Katharina Wagners Debüt am Grünen Hügel auch musikalisch ein Tiefpunkt Bayreuther Aufführungsgeschichte wurde, ist besonders bedauerlich, aber wohl symptomatisch für derlei „innovatives“ Theater. Innovativ ist ein Lieblingsadjektiv Katharina Wagners. Typen-Casting scheint ihr (wie Schlingensief) wichtiger zu sein als musikalische, sängerische Befähigung. Nie hat man einen so schlechten Hans Sachs gehört. Franz Hawlata war stimmlich überfordert. Aber auch Amanda Mace als Eva wartete nur mit schrillem, unverständlich-unschönem Sopran auf. Selbst die winzige Partie des Nachtwächters (Friedemann Röhling) war ein sängerischer Ausfall, wie man ihn kaum je erlebte. Wenigstens der David von Norbert Ernst hatte sängerisches Format. Der Lichtpunkt des Abends war Klaus Florian Vogt als Stolzing. Doch selbst sein Schöngesang konnte die durch und durch mißratene und letztlich langweilige, ärgerliche Aufführung nicht retten. Auch Sebastian Weigle am Pult, der zwar mit immer wieder aufhorchen lassenden Klängen und erfreulich pathosfreiem, straffem Ansatz eine unkonventionelle Lesart versuchte, gelang es nicht, musikalisch zu überzeugen. Mit der spezifischen Bayreuther Akustik hatte er große Probleme. Zugegeben: Man hörte viel Detailarbeit aus dem verdecken Graben, die Vorspiele waren gut ausgearbeitet, aber ansonsten gab es schlimme Durststrecken, die gutes Sitzfleisch und Contenance forderten. Wenn diese Produktion der Meistersinger Katharina Wagners Vision von einem künftigen, um es noch einmal zu sagen, „innovativen“ Bayreuth mit musikalisch und regielich "frischem Wind" exemplifizieren sollen, muß man sehr um Bayreuths Zukunft fürchten. Wolfgang Wagner, man mag gegen ihn vorbringen, was man will, hat es immerhin geschafft, Bayreuth vor dem uninformierten und verantwortungslosen "Zeitgeist-Theater" zu bewahren. Katharina scheint es ihm hoffnungslos ausliefen zu wollen. Die Mitglieder des im September tagenden Stiftungsrates, die über des gesundheitlich arg angeschlagenen Wolfgang Wagners Nach-folger/in beraten, werden dies gewiß bei ihrer Beratung über die Zukunft Bayreuths mit bedenken.
Beitrag für SWR 2, „Musik aktuell“:
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