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Dieter David Scholz
"Das Wunder Karajan"
Trilogie zum 05. 04. 2008 Heute vor 100 Jahren wurde Herbert von Karajan – eigentlich hieß er ja Heribert Ritter von Karajan - in Salzburg geboren. Er wuchs in einer musikalischen Arztfamilie auf und legte im Dritten Reich den Grundstein zu einer beispiellosen Karriere, die sich nach dem Zweiten Weltkrieg verwirklichte. Als er 1954 das Berliner Philharmonische Orchester übernahm, war er der führende Dirigent Europas. Er hat alle wichtigen Musikzentren Europas geleitet, er hat ein enormes Vermögen angehäuft, und ein Medienimperium regiert. Er war schon zu Lebzeiten Ikone der Klassischen Musik und lebende Legende globalisierter Musik.
Teil 1 - Selbstvermarktung
Mit Richard Wagners „Tristan“ in der Preußischen, heute Deutschen Staatsoper in Berlin und einer fetten Zeitungsschlagzeile begann es. „Das Wunder Karajan“ stand über der Besprech-ung, die Edwin von der Nüll Ende Oktober 1938 in der „Berliner Zeitung am Mittag“ ge-schrieben hatte. Es war der Auftat einer beispiellosen Karriere. Mit 21 entschloss sich Her-bert von Karajan nach absolviertem Musikstudium, das musikalische Handwerk von der Pieke auf zu erlernen und ging als Korrepetitor ans Stadttheater von Ulm, wo er bald zum Ersten Kapellmeister aufstieg, dann als Chef nach Aachen, wo er sich ein enormes Repertoire erarbeitete und von wo aus er bereits willkommene Gastspiele im ganzen "Reich" gab. "Und das ist das, was ich leider Gottes heute vermisse an den jungen Dirigenten. Erstens einmal spielen sie nicht genügend Klavier. Und zweitens: Sie wissen nicht, wie man mit einem Sänger umgeht. Sehen Sie, wir, die wir durch die harte Schule der kleinen Provinz gegangen sind: Jeder war zur gleichen Zeit sein Kapellmeister, sein Korrepetitor, sein Chordirektor!"
Neben der Beherrschung des Handwerks gehörten persönlicher Ehrgeiz und Karriereinstinkt zu den hervorstechenden Charaktereigenschaften, die Herbert von Karajan zu dem machten, was er wurde, neben seiner enorme Energie und Zielgerichtetheit, seinem Perfektionsdrang und dem strategischen Willen zur Kontrolle aller Kapazitäten. Herbert von Karajan hat von Anfang an diese Eigenschaften so konsequent wie kaum ein anderer Musiker seiner Zeit bei in den Dienst der musikalischen Aufführung, Produktion und Vermarktung gestellt. Schon in den Dreißigerjahren eroberte der junge Herbert von Karajan Berlin. Die Tatsache, dass die Nationalsozialisten ihn zum Antipoden Wilhelm Furtwänglers aufbauten, der als un-zuverlässig galt, wusste Karajan geschickt auszunützen. Im Jahre des Beginns des Zweiten Weltkriegs, 1939, wurde Karajan Staatskapellmeister der Berliner Staatsoper und übernahm die Leitung der Sinfoniekonzerte der Preußischen Staatskapelle. Das Wunder Karajan nahm seinen Lauf. Nach dem Krieg, nach kurzem Dirigierverbot, lernte Karajan den englischen Plattenprodu-zenten und Gründer des Philharmonia Orchestra, Walter Legge kennen. Und damit begann Teil zwei des Wunders Karajan. Was folgte, war ein unaufhaltsamer Aufstieg in die musi-kalischen Schaltstellen Europas. Karajan wurde Künstlerischer Direktor der Wiener Gesell-schaft der Musikfreunde, Chef der Wiener Staatsoper und Künstlerischer Leiter der Salzburger Festspiele, aber auch der Mailänder Scala, um nur die wichtigsten Stationen seines enormen Aktionsradius´ zu nennen. 1954 starb der Dirigent Wilhelm Furtwängler. Herbert von Karajan wurde auf Lebenszeit zu seinem Nachfolger als Chefdirigenten und künstlerischen Leiter des Berliner Philharmonishen Orchesters gewählt. Die Zusammenarbeit mit den Berliner Philharmoniken wurde eine beispiellose Symbiose und zum Glücksfall seines Lebens: "Das ist ja das fabelhafte daran, dass das Zusammenwachsen von 120 Menschen, die das gleiche wollen, und das gleiche tun, plötzlich aus ihnen, einer Menge von Menschen, eine eigene Persönlichkeit erwachsen läßt. Das ist das Geheimnis jedes Vogelfluges, den ich mir unentwegt immer wieder anschauen kann. Man darf gar nicht fragen, wieso geschieht das. Das ist eine Massenseele, die nach ganz anderen Gesetzen funktioniert. Da irrt sich ja auch keiner, wenn Sie den Leuten, bzw. den Vögeln zuschau´n. Genauso so ist s mit dem Orchester. Es geht plötzlich von selbst. " Die Zusammenarbeit mit den Berliner Philharmonikern endete erst kurz vor seinem Tode 1989. Herbert von Karajan war so etwas wie der „Generalmusikdirektor Europas“ gewor-den. Spinnengleich saß er in seinem Netz und lenkte mit seinen Fäden das Musikleben des letzten Jahrhunderts wie kaum ein Zweiter. Verträge mit den führenden Plattenfirmen, schließ-lich ab 1983 eine eigene Produktionsfirma, gezielte multimediale Selbstdarstellung und Wer-bung, aber auch ein nicht zu bremsender Taten- und Vermarktungsdrang in Sachen tech-nischer Reproduzierbarkeit seiner Aufnahmen gehörten zum Geheimnis des „Wunders Kara-jan“ und seiner konkurrenzlosen künstlerischen und medialen Ausnahmeposition.
Teil 2 - Musikfilme
Eine Tournee mit den Wiener Philharmonikern 1959, als 25 Millionen Menschen Karajans Konzert in Tokio an den Fernsehbildschirmen weltweit mitverfolgten, war die Geburtsstunde von Herbert von Karajans Idee der Musikverfilmung. - Herbert von Karajan – den der Philosoph Theodor W. Adorno nicht zu Unrecht als „Genius des deutschen Wirtschafts-wunders“ bezeichnete - gehörte nicht nur zu den ersten Dirigenten, die die klanglichen Möglichkeiten der Tonaufzeichnung im Studio konsequent für die Steigerung der Qualität der damaligen Langspielplatten nutzte, sondern er interessierte sich auch frühzeitig für die zu-kunftsweisenden Chancen, die die Medien Film und Fernsehen boten. "Mein Ideal davon ist, jetzt sage ich ein Paradox, omnipräsent zu sein, und man sieht mich eigentlich doch nicht. " Herbert von Karajan arbeitete mit verschiedenen Regisseuren zusammen, ließ besonders exponierte Konzerte nicht zuletzt für die Fernsehausstrahlung filmen und er produzierte Filme, in denen er Musik erklärte und einige Opernfilme. Er war eine Art Vorreiter in puncto neue Medien für Musik. Zwischen 1967 und 1972 hielt er beispielsweise als Erster mit unter-schiedlichen optischen Konzepten und Mitarbeitern die neun Sinfonien Beethovens gemein-sam mit den Berliner Philharmonikern filmisch fest. Im Fernsehen, als Video und später als DVD wurden diese Aufnahmen vermarktet. Karajan war der Maestro assoluto multi-medialer Präsenz.
Mit dem französischen Regisseur Henri-Georges Clouzot feilte Herbert von Karajan bereits in den Sechzigerjahren an der Bildersprache von Musikverfilmung. Ernst Wild gesellte sich als Chefkameramann hinzu, ebenso die Cutterin Gela-Marina Runne. In den Räumen der Berliner Philharmonie fanden Konzerte mit ausgewähltem Publikum statt, die für die passende Live-Atmosphäre sorgten. Dazu kamen Nahaufnahmen einzelner Solisten und Führer der Instrumentengruppen, Zwischenschnitte mit Großaufnahmen der Instrumente und natürlich immer wieder der Schwenk zum stets gutfrisierten Maestro, seinen geschlossenen Augen, seiner Hand, seiner Gestik und Mimik. "Ich verdanke ihm alles, was ich von Kinematographie weiss, nicht nur ihm, sondern auch seinem Kameramann, der der erste war, dar damals überhaupt Filme gemacht hat. Er war damals schon 75 Jahre alt. Ich hab das alles bei ihm gelernt. Und er war ein enorm musika-lischer Mensch. Wir haben und wunderbar verstanden. " 1983 gründete der stets für Vermartungsmöglichkeiten weitsichtige Herbert von Karajan mit „Telemondial“ seine eigene Produktionsfirma, mit der er die ganze Breite seines Repertoirs noch einmal digital aufnahm, verfilmte und in seinen Archiven für künftige Vermarktung lagerte. "Ja, da habe ich eine Lösung gefunden, die mir die Möglichkeit gab, zu sagen was ich haben möchte, und nicht darauf zu warten, was einem Prouzenten passt. Die bin ich alle leid! Und das heißt ganz einfach: Wenn’s nicht jetzt ist, dann in zehn Jahren, wenn nicht in zehn Jahren, dann in zwanzig Jahren..." Herbert von Karajan "war ein Machiavelli mit der Seele eines Kindes" behauptete eine seiner Verehrerinnen. Man müsste hinzufügen: Und mit der Passion eines technischen Tüftlers und eines Kaufmanns. Er war ganz sicher der Pionier des Musikfilms und sein erster Vermarkter großen Stiles. Gemeinsam mit dem Medienunternehmer Leo Kirch und seiner Firma Unitel produziete Karajan mehr als 600 Stunden Musikfilm. So viel Musik zum Anschaun´ hat Keiner vor und nach ihm hinterlassen.
Teil 3 – Charisma und musikalisches Erbe
Herbert von Karajan war – neben Maria Callas – wohl die meistbesprochene, meistbe-schriebene und meistdiskutierte Künstlerpersönlichkeit seiner Zeit, einem Liszt, einem Paga-nini durchaus ähnlich. Er war ein medialer Zauberer, ein elitärer Dirigenten-Popstar und ein einzigartiger Organisator des Musiklebens, nicht zuletzt dank seiner multimedialen Präsenz. An die vier Jahrzehnte war er mit dem Berliner Philharmonischen Orchester, einem der Leuchttürme deutscher Musikkultur, fast eheähnlich verbunden. Karajan war ein Imperator, aber alles andere als ein Dompteur am Pult. "Sehen Sie, manchmal glaubt man, da steht Einer da, sozusagen mit einer Peitsche und hat nur wie ein Eseltreiber dafür zu sorgen, dass es im Takt weitergeht. Das ist eben gar nicht so, sondern man muß wissen, wann man einem Orchester seinen Willen lassen darf, und sogar muß, und wo auch wieder der sichere Eingriff erfolgen muß."
Herbert von Karajans Stärke war die Musik des 19. Jahrhunderts, war die Romantische Musik, von Beethoven über Brahms, Bruckner und Wagner bis zu Tschaikowsky und zu Ri-chard Strauss. Die Moderne war seine Sache nicht. Er war ein begnadeter Operndirigent und hatte stets die besten Sänger seiner Zeit zur Verfügung. Mit der Mezzosopranistin Christa Ludwig hat er über Jahrzehnte zusammengearbeitet, im Konzert wie auf der Opernbühne. Und sie bestätigt, dass er es verstand es wie kaum ein Anderer, den Sängern über Schwä-chen hinweg zu optimaler Entfaltung ihrer Möglichkeiten zu verhelfen. „Oh ja, ich weiß noch, wen ich mit ihm Fidelio machte, und das fiel mir sehr schwer, weil es ja nun ein Sopranpartie ist, brauchte ich ein gewisses Tempo, um über die Runden zu kommen und er hat es auf sich genommen, und hat es für mich etwas schneller dirigiert. Oder wenn man ihm sagte: Wissen Sie, diese Stelle, die fällt mir sehr schwer, da brauche ich n´ bisschen mehr Luft, da hat er immer Rücksicht genommen. Oder wenn er mir sagte, singen Sie´s bitte ganz leise, dann hat er das Orchester zurückgenommen bis auf null Komma null.“ Ob Wiener Staatsoper oder Mailänder Scala, Berliner Philharmonie, Luzerner Festwochen oder Salzburger Festspiele, Herbert von Karajan hat alle großen Musikzentren Europas ge-prägt wie kein anderer Dirigent. Und er hat sich sogar den Traum vom eigenen Wagner-theater, um nicht zu sagen Alternativ-Bayreuth erfüllt, als er die Salzburger Osterfestspiele ins Leben rief: "Ich wollte nach meinem Weggang von der Wiener Oper weiter am Werk von Richard Wagner arbeiten. Das ist eines der Zentren meiner Tätigkeit von jeher gewesen."
Karajans Ehrfurcht gebietende Lebensleistung in Ehren: In den Fünfzigerjahren verblüffte er noch durch stilistische und klangliche Modernität, mit schnittigen Tempi und rhythmischer Agilität, die sich vom spätromantischen Stil eines Wilhelm Furtwängler abwandte und eher an Arturo Toscanini denken ließ. Später bevorzugte er den luxuriösen Oberflächenklang, glän-zende orchestrale Perfektion und stromlinienförmiges Musizierens, den sprichwörtlichen Karajansound eben. Wobei die Energie und Willenskraft des Maestro im Widerspruch standen zu seiner eher schmächtigen, fragilen Gestalt. Ob aus den Gazetten oder dem Fernsehen, Jeder kannte Karajan mit dem gestylten grauen Haarschopf, der etwas Manieriertes hatte, und mit geschlossenen Augen dirigierend. Er sah bei seinen Konzerten und Konzertübertragungen oft weder Publikum noch Musiker mehr: "Das ist ist das, was man eigentlich nicht erklären kann. Da hört das Sehen auf, da geht’s in eine andere Welt."
Herbert von Karajans Geltungsbedürfnis wie Produktionszwang waren, wie seine Liebe zu Schönheit und Reichtum, maßlos. Er hat alle wichtigen Musikzentren Europas geleitet, er hat ein enormes Vermögen angehäuft, und ein Medienimperium regiert. Viermal hat Herbert von Karajan allein die kompletten Beethoven-Sinfonien eingespielt. In immer neuerer Technik der Tonkonservierung. Seine Interpretationen fielen allerdings, je älter er wurde, hinter seine frühen Interpretationen zurück. Aber immer wieder gelangen ihm und seinem Orchester Sternstunden. "Die schönsten Dinge gelingen ja dann, wenn man den Takt dazu schlägt, also wenn zwei Seelen, in dem Fall eine Massenseele und ein einziger eigentlich im selben Takt miteinander gehen. Und das ist das Glück, das einem widerfahren kann, nicht an jedem Tag. Aber wenn es geschieht, und wenn man diesem Zusammenklang spürt, dann ist die Vollkommenheit und Harmonie erreicht." Und doch, am Ende zerwarf sich Herbert von Karajan mit seinem Orchester und starb verbittert und einsam in seinem Haus in Anif bei Salzburg. - Er war kein Analytiker wie Tos-canini, kein Ekstatiker wie Bernstein, kein Denker wie Celibidache und kein Klang-revolutionär wie Stokowski. Aber Herbert von Karajan war Ikone der Klassischen Musik und lebende Legende globalisierter Musik. Seine Schallplatten-Hinterlassenschaft ist konkur-renzlos. Er war eine der prägendsten Gestalten der Musikgeschichte des zwanzigsten Jahr-hunderts.
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