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Dieter David Scholz
Frühkritik MDR-Figaro, 6.06.11: Die
Jungfrau von Orléans - Peter Tschaikowski Mittelsächsisches Theater – Premiere 4.6. Feiberg/Sachsen Photo: Detlev Müller Zsuzsanna Kakuk (Johann d´Arc)
Moderator: Den wenigsten Opernfreunden dürfte bekannt sein, dass Peter Tschaikowski eine abendfüllende, große Oper über die Hl. Jungfrau von Orléans geschrieben hat. Auf den Opernspielplänen selbst der großen Opernhäuser taucht diese Oper nur sehr selten auf. Zuletzt hat Harry Kupfer das Stück 1989 in München inszeniert. Jetzt hat das wagemutige, kleine mittelsächsische Theater in Freiberg diese Heiligenoper herausgebracht. Unser Kritiker Dieter David Scholz war für uns bei der Premiere vorgestern abend. Herr Scholz, das Stück wird ja nicht im Freiberger Theater, sondern in der gegenüberliegenden Nikolaikirche gezeigt. Geht das gut, bei einer so großdimensionierten Oper? Dieter David Scholz: Oh ja, das geht sogar sehr gut, denn die Nikolaikirche ist ja längst für das Freiber-ger Theater eine erprobte und bewährte zweite große Spielstätte. Sie wird nicht nur als Konzerthalle genutzt, sondern auch als Opernbühne. Diese Kirche hat zwar, naturgemäß keinen Schnürboden und auch keinen Orchestergraben, aber sie ist doch räumlich praktikabel. Man kann das vordere Viertel des Kirchen-schiffs samt Apsis mit Podesten so bestücken, dass eine Spielfläche mit dahin-ter sitzendem Orchester realisierbar und variierbar ist. Die Ausstatterin Annabel von Berlichingen nutzt auch den Mittelgang des Kirchenschiffs als verlängerten Laufsteg vom Kircheneingang bis zur Apsis quer durch das Orchester. Den Hoch-altar hat sie mit dem gemalten Prospekt einer Klosterruine abgehängt. Und dieer Raum bietet viele Auftrittsmöglichkeiten, auch wenn es sich um ein Einheitsbüh-nenbild handelt. Und da auch die Emporen, es ist ja eine protestantische Kirche, bespielbar sind, läßt sich diese an Mitwirkenden reiche, opulente Heiligenoper durchaus glaubwürdig aufführen in diesem eher sakralen als theatergerechten Raum. Moderator: Wie bewältigt Regisseurin Tamara Korber denn die vieraktige Oper mit ihrer Forderung nach wechselnden Bühnenbildern, mit ganz unterschiedlichen Innen- und Aussenräumen? Dieter David Scholz: Na ja, Tamara Korber kann natürlich nicht die in der Partitur geforderten Dekorationsörtlichkeiten Dorf, Schloß, Schlachtfeld und Wald bedie-nen. Das will sie aber auch gar nicht. Sie zeigt diese Heiligenlegende eher als surrealen Traum einer Außenseiterin, die heutige wie historische Züge hat, die sich ihrer Mission bewusst ist, die gegen Konventionen aufbegehrt, die gegen den Strom schwimmt, und von den Mächtigen zunächst benutzt, aber schließlich nach Denunzierung durch den eigenen Vater dem wankelmütigen Volksempfin-den und der Kirchenräson geopfert wird. Und diesen Traum, der zum Alptraum wird, den zeigt Tamara Korber recht einleuchtend als eine Durchdringung mo-derner und mittelalterlicher Empfindungen, Zustände und Ereignisse. Auch kos-tümlich. Das macht Sinn. Das erleichtert das Verständnis des Stücks. Und man kann sich an einer durchaus sinnlichen Theatralik erfreuen. Tamara Korber erzählt die tragisch-heroische Geschichte dieser französischen Nationalheiligen mit gebo-tener Distanz von heute, aber auch mit liebevoll ironischer Poesie. Die Hofgesellschaft Karls des Siebten beispielsweise ist wie auf lebenden mittelal-terlichen Bildern zu sehen. Die armen Volks- und Bauernmassen hingegen könn-ten aus dem heutigen Russland oder Rumänien stammen. Und über die Engels-chöre, die von der Kanzel und aus der Apsis singen, mit Stummelflügeln und Heiligenschein, darf man ungeniert schmunzeln. Ohne dass damit die geradezu bühnenweihfestspielartige Wirkung der großartigen Oper in irgendeiner Weise geschmälert würde. Moderator: A propos Chöre: Die Oper verlangt ja ein Großaufgebot an Chor-sängern, die auf mehrere Chöre verteilt, die Oper von Anfang bis Ende durch-ziehen. Wie hat man das denn in Freiberg bewältigt? Dieter David Scholz: Geradezu bewundernswert! Natürlich reicht der Chor des Mittelsächsischen Theaters nicht aus. Aber Not macht ja erfinderisch, und so hat man auch noch den Stadtchor Freiberg und Studenten eines amerikanischen Sommerkurses hinzugenommen. Und man kann nur sagen: Hut ab vor der der großen Leistung von Peter Kubisch. Er hat diese unterschiedlichen Chor-Ensem-bles zusammengeführt und einstudiert. Und das tönt wie aus einem Guss. Da wurde offenbar hart geprobt und gearbeitet. Und das hat sich gelohnt! Moderator: Die Oper benötigt auch eine ganze Reihe von Gesangssolisten, die anspruchsvolle Partien zu singen haben. Konnte man die in Freiberg besetzen? Ja, durchaus, man hat dort ja ein brauchbares, vielseitiges Sängerensemble. Nicht alle sind auf gleich hohem Niveau. Wie das eben so ist. Aber die Haupt-partien – allen voran Johanna, König Karl VII., Agnes Sorel und Lionel konnte man mit Zsusanna Kakuk, Guido Hackhausen, Lilia Milek und Guido Kunze überzeu-gend besetzen. Aber, um nicht falsch verstanden zu werden – es ist insgesamt, also in allen Partien, eine respektable Ensembleleistung.Und an dieser Stelle muss man auch dem Dirigenten Jan Michael Horstmann ein großes Kompliment machen: Er hat den großen Apparat aus Chören, Mittelsächsischer Philharmonie und Gesangssolisten zu koordinieren verstanden und zu wirklich beeindruckender Wirkung gebracht. Ein starkes Raumklang-Erlebnis, denn es wird ja auf unter-schiedlichen Ebenen und an verschiedenen Orten zugleich musiziert. Die Solisten meist auch noch vor dem Orchester. Ein gelungenes Plädoyer für diese monu-mentale Heiligenoper. Ausgerechnet in Freiberg. Wer hätte das gedacht. Man kann sich nach diesem erfolgreichen Einsatz des mittelsächsischen Theaters für diese vernachlässigte Oper jenseits des Kernrepertoires nur wünschen, dass auch große Opernhäuser sich einmal wieder dieses Stücks annehmen.
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