Dieter David Scholz

CD-Tip


Jerusalem. Die Stadt des Friedens
ALIA VOX AVSA9863 A+B

Al-Darwish, Hespèrion XXI, La Capella Reial de Cataluya, Jordi Savall

 

Jordi Savall, der katalanische Meister der Alten Musik beschwört mit einem hinreißenden CD-Buch-Paket den Frieden in Jerusalem, der Heiligen Stadt – und nimmt seine Hörer mit auf eine Reise in den von Christen, Juden und Muslimen gegrägten Orient. Ein musikalischer Brückenschlag zwischen Zeiten, Kulturen und Religionen.

Just in dem Moment,  als im Nahen Osten ein neuer Krieg entbrannte, erschient die neue CD des spanischen Barock-Gurus Jordi Savall: "Jerusalem – Die Stadt der zwei Frieden: Der himmlische und der irdische Frieden" heißt das CD-Paket, das die Heilige Stadt musikalisch vielschichtig und mehrdimensional porträtiert, aus christliche, jüdischer und arabischer bzw. osmanischer Perspektive. Es ist ein hinreißender musikalischer Parcours voller vorbiblischer Schofa-Fanfaren, orientalischer Melismen, sibyllinischer Orakel, inbrünstiger Kreuzfahrer-Gesänge, Koran-Vertonungen, mittelalterlicher Harfen-Postludien und zarter  apokalyptischer Evangelienworte  .

Die beiden Savall-CDs über den himmlischen wie den irdischen Frieden  sind ohne Frage das eigenwilligste Musikprogramm seit Jahren, das auf CD erschien. Exotischer Gewürzzauber und schwere Bazar-Düfte durchziehen die Aufnahme mit Musik aus mehr als drei Jahrtau-senden.

Gibt man sich der Musikwelt dieser beiden CDs hin und nimmt die starken Aromen in sich auf, die mal honigsüß schmeicheln, mal scharf auf der Zunge brennen, ja sogar narko-tisierende Wirkung zeigen, dann kann man geradezu süchtig werden nach dieser Musikwelt.

Welche Musik nun tatsächlich original ist der kongenialen Phantasie Jordi Savalls entspringt, bleibt offen. Macht aber nichts. Mitreißend sind diese Einspielungen  Savalls allemal.

In sieben Schritten beschreitet Jordi Savall von den Verheißungen der Apokalypse durch arabische, jüdische, osmanische und christliche Pilger-Stadtteile Jerusalems bis zu Einwürfen von heute, etwa dem Lied der Toten von Auschwitz  von Shlomo Katz,

Der 1941 in Igualada (Katalonien) geborene Gambist, Dirigent und Komponist Jordi Savall gehört zur ersten Generation der Alten-Musik-Bewegung. Gemeinsam mit seinem Ensemble Hespèrion XXI, der Vokalgruppe La Capella Reial de Catalunya und seiner Lieblings-sängerin (und Ehefrau) Montserrat Figueras verhilft er seit fast 50 Jahren nicht nur der spanischen Barockmusik zu neuem Glanz. Schon mehrfach hat er den musikalischen Spagat zwischen Orient und Okzident gewagt. Auch mit seiner nun erschienenen Jerusalem-Hommage demonstriert er, dass der wechselseitige Friedensdialog, der in der Gegenwart, wie es scheint,  so hoffnungslos  umkämpft ist, in der Musik seit Jahrhunderten vollzogen ist.

Der politische Aplomb Jordi Savalls ähnelt demjenigen seines ebenfalls spanischsprachigen Kollegen Daniel Barenboim, der in seinem "West Eastern Divan-Orchester" Musiker gegne-rischer Seiten desselben Krisengebietes konfliktfrei miteinander musizieren läßt, wenn auch durchweg europäische Musik.

Zwischen den zwei CDs der opulenten Sammlung von Jordi Savall prangt ein dickes, sechs-sprachiges Text- und Bilderbuch, das ungemein informativ ist. Eine Kulturgeschichte der Stadt Jerusalem und ihrer vielschichtigen Musiktraditionen.  Und jenseits des Lernangebots kann man sich - mit oder Anhören der beiden CDs - auch träumend in ihm verlieren wie in der Altstadt von Jerusalem.

Jerusalem als arabisch, hebräisch, armenisch, lateinisch, palästinensisch wie griechisch  ge-prägte Stadt kann auf diesen CDs nicht nur akustisch wahrgenommen werden, sondern auch optisch sehr ansprechend  in einem nahezu ein Kilo schweren Buch, das die CDs enthält. Utopische  Hoffnungs­wünsche für die Zukunft beschließen diese Reise durch Jeruslaem. Jordi Savall – der sich in den Schlussfanfaren „Gegen die Schranken des Geistes“ wieder einmal als veritabler Komponist erweist, präsentiert sich einmal mehr als einfallsreichster, wie wunderlichster Heiliger der Alte Musik-Szene.

 

Deutsche Welle, MDR