Dieter David Scholz

CD-Präsentation für WDR “Resonanzen” am 23.12.09   


Jordi Savall hat auf einer seinen CDs Jerusalem als Stadt des himmlischen und des irdischen Friedens beschworen, während Israelis und Palästinenser gerade wieder einmal aufeinander losgingen. Er ist mit Christoph Kolumbus in die Neue Welt gereist, hat die Lieder der spanischen Seefahrer rekonstruiert und die Gesänge der Indios. Er ist den Spuren des Missionars Francisco Javier bis nach Japan gefolgt und hat die Musik zum Klingen gebracht, die der Jesuit damals, im 16. Jahrhundert, unterwegs gehört haben mag. Auf seiner neuesten CD führt die Reise nach Istanbul, genauer gesagt: in das Konstantinopel des 17. Jahrhun-derts, die Hauptstadt des Osmanischen Reiches, zugleich Sitz des Patriarchen der Ortho-doxen Kirche und damit Erbwalter des Byzantinischen Reichs. Ein Schmelztiegel der Kulturen auch und gerade in musikalischer Hinsicht.

Vor acht Jahren bekam Jordi Savall, Leiter des Ensembles Hesperion XXI, von einigen be-freundeten Musikern aus Istanbul ein folgenreiches Geschenk: eine Ausgabe des "Buchs von der Wissenschaft der Musik", geschrieben Anfang des 17. Jahrhunderts von Dimitrie Cante-mir. Es ist Sultan Ahmed III. gewidmet. Als Zwanzigjähriger war Cantemir 1693 nach Istan-bul gekommen. Sein Vater beherrschte das Fürstentum Moldau, damals ein Teil des riesigen Osmanischen Reiches. Cantemir war eine Art Treuepfand für die Loyalität seines Vaters der Hohen Pforte gegenüber. In Istanbul studierte an der griechischen Akademie des orthodoxen Patriarchen. Er spielte die persische Laute und blieb später als Diplomat am osmanischen Hof. Solche kulturellen Schnittlinien faszinieren Jordi Savall.

Es vergeht kaum ein Jahr, in dem er nicht den Querverbindungen unterschiedlicher Kulturen gerade im Mittelmeerraum nachspürt. Den Wechselbezügen vom Orient zum Okzident gilt sein besonderes Interesse. Nun also Dimitrie Cantemir. Die Orientbegeisterung des „Wahl-Türken“ fand ihren Niederschlag in einer groß angelegten "Geschichte des Osmanischen Reiches" und in dem "Buch der Musikwissenschaft", das in türkischer Sprache erschien. Es be-handelt Theorie und Formenrepertoire der osmanischen Musik und enthält 355 Kompo-sitionen, aufgezeichnet in einer eigens von Cantemir erfundenen Notenschrift. Damit ist dieses Buch die bedeutendste erhaltene Sammlung osmanischer Instrumentalmusik des 16. und 17. Jahrhunderts. Jordi Savall hat 14 von 355 Musiken aus dieser Sammlung eingespielt. Musiker aus Armenien, Marokko, vor allem aber aus der Türkei improvisieren zwischendurch meditative Stücke. Dazu läßt Savall traditionelle Musik der sephardischen Juden spielen, die einst aus dem katholischen Spanien fliehen mussten. Aber auch armenische Musik findet sich auf der CD.

In seiner spanischen Heimat stieß Savall fast zwangsläufig auf diese kulturellen Schnittmengen: Maurische, jüdische und christliche Musik hat sich dort über Jahrhunderte gegenseitig beeinflusst, in spannendem Gegeneinander oder - in glücklichen, friedvollen Jahren - in gera-dezu humanistischem Miteinander: König Alfonso X. el Sabio steht für eine solche Ära des produktiven Austausches im Hochmittelalter, aber auch Sultan Ahmed III  im Konstantinopel des 17. Jahrhunderts.

Die CD, die das Ensemble Hespèrion XXI jetzt herausbrachte, ist eine Zeitreise in das Istanbul des 17. Jahrhunderts - einer Zeit, in der Muslime und Nichtmuslime noch tolerant und aufgeklärt miteinander umgingen - zumindest am Sultanspalast. Und sie darf schon jetzt als wichtiger musikalischer Vorbote für das kommende Jahr gelten, in dem Istanbul Europäische Kulturhauptstadt wird. Die Musik dieser CD öffnet den Blick für die Schönheit einer anderen Kultur. Man könnte sie als Gegenentwurf zur Minarettverbotsdebatte verste-hen, und als Utopie für ein Miteinander von Orient und Okzident.