Dieter David Scholz

Opernkritik


 ERNEUTER FLOP AN DER DEUTSCHEN OPER BERLIN

Tatajana Gürbacas "Holländer"-Verhunzung

Gestern abend (8.6.2008)hatte an der Deutschen Oper Berlin Richard Wagners romantische Oper „Der Fliegende Holländer“ Premiere. Die junge Regisseurin Tatjana Gürbaca, Schülerin von Peter Konwitschny und Ruth Berghaus, hat Richard Wagners Gespensteroper aus dem Jahre 1841 inszeniert.

 

Richard Wagner hat mit seinem Fliegenden Holländer eine Weltschmerzgestalt, ähnlich wie Hamlet, Faust, Manfred oder Don Juan auf die Bühne gestellt. Eine Mischung aus Ahasver und Odysseus. Mit ihr erwies Wagner, ganz im Sinne sozialistisch-utopischer Zukunftshoff-nungen einem „uralten Zug des menschlichen Wesens“ Reverenz, wie er bekannte, aber es ging ihm auch um die Sehnsucht eines zu absurdem Leben Verdammten nach dem erlösenden Weib der Zukunft. Die junge Regisseurin Tatjana Gürbaca hat Wagners antikapitalistischen Ansatz in den Mittelpunkt ihrer Inszenierung gestellt, und stellt die Holländergestalt - Johan Reuter leiht ihr seine Stimme -  aller Weltschmerzromantik entkleidet, als Urvater neuzeit-licher Globalisierung dar, in einer brüchig gewordenen Waren- und Vermarktungs-Welt.

Er tritt auf wie eine Judenkarikatur von Charles Dickens im Pelzmantel mit Melone. Die Regisseurin siedelt das Stück in einer modernen Handelsbörse an, die Matrosen sind Bör-senmakler, Kapitän Daland ist Geschäftsmann im grauen Anzug, Senta seine aufmüpfige Tochter, ein pummeliges langhaariges Mädchen im roten Rock mit dunkler Lederjacke und Stiefeln. Eine feministisch angehauchte Revoluzzerin, die die Frauenwelt zum Widerstand gegen Konvention und Marktgesetze anstachelt. Ricarda Merbeth gibt die ungelenke Frauen-rechtskämpferin unvorteilhaft kostümiert und mit wenig überzeugender Schrei-Stimme.

Tatjana Gürbacas Holländer-Inszenierung macht die Spinnstube zur Beautyfarm und läßt den Chor der Börsenmakler-Businesmen im dritten Akt zur grotesken Walpurgisnacht ausarten, in der der Kampf um Karriere, Erfolg und Expansion implodiert. Am Ende des ziemlich dick aufgetragenen, dabei ungeschickten Holzhammer-Theaters schneidet Senta mit der Schere  erst ihrem Verlobten Erik die Kehle durch, dann sich selbst. Der Holländer lacht sich eins. Es ist der Endpunkt einer – mit Kleinmädchen-Senta-Double – verquast psychologisierenden, trivial gesellschaftskritischen Lesart, die hinter längst und oft gesehene antikapitalistische Inszenierungskonzepte zurückfällt, die aber auch handwerklich geradezu dilettantisch anmutet und in ihrer Unbeholfenheit, ja Peinlichkeit der Personenführung viel Anlaß zu unfreiwilliger Komik gibt. Aber auch zu Ärger, der sich in lautstarkem Buh-Protest des Publikums entlud. Intendantin Kirsten Harms demonstriert auch mit dieser Produktion wieder einmal geballtes Ungeschick in der Auswahl von Regisseuren, Sängern und Dirigenten. Selten hörte man im Fliegenden Holländer ein so schlechtes Sängerensemble. Der Chor des Hauses zeigte sich – wie das Orchester - unter Niveau. Auch Jacques Lacombe stellte mit seinem platten und zerdehnten Dirigat den Zuschauer-Zuhörer auf eine unzumutbare Geduldsprobe. Schon wieder ein Flop an der Deutschen Oper Berlin. Langsam reicht es!

 

SWR 2, Journal, 9.6.2008