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Dieter David Scholz
Buchrezension
Das Musiktheater des Joachim
Herz Nur wenige Wochen nach seinem Tod ist im vergangenen Frühjahr im Kölner Dohr-Verlag ein erster dicker Band mit Schriften des Regisseurs Joachim Herz erschienen. Der Titel: „Oper mit Herz“. Der erste Band war überschrieben „Von der Barockoper zum Musikdrama“. Jetzt sind die beiden weiteren Bände erschienen: "Zwischen Romantik und Realismus" sowie "Musiktheater in der Gegenwart." Damit liegen alle Texte von Joachim Herz vor
Der zweite der drei nun vorliegenden Herz-Bände widmet sich ausführlich Wagners italienischem Pendant Giuseppe Verdi und den sieben Verdi-Opern, die Joachim Herz im Laufe seines Regis-seurslebens inszeniert hat. Herz präsentiert sich gerade in den Verdi-Ausführungen als gewissen-hafter, ja pedantisch genauer Dramaturg und Kenner der Stücke. Besonders interessant ist jedoch sein Vortrag über "Verdi in der DDR", den er im Jahre 2001 an der Universität Duisburg gehalten hat, eine Art subjektives Fazit dreier Generationen von DDR-Regisseuren in Sachen Verdi, von Walter Felsenstein bis Peter Konwitschny. Die Behauptung, dass Verdi sich zu DDR-Zeiten weniger in den Dienst von Ideologie stellen ließ als Richard Wagner, überrascht. Und dass die Verdi-Aufführungen der DDR zwischen "Oper als mo-ralischer Anstalt", im Schillerschen Sinne und Bühne als "Kanzel und Richterstuhl", wie Heinz Ar-nold sie definierte, bewiesen hätten, dass Oper gewissermaßen "Naturschutzgebiet in der DDR" gewesen sei, werden sicher manche Leser anzweifeln. Denn dass es wohl nicht ganz so war, haben viele Fälle von Theatermachern in der DDR gezeigt, die nicht so privilegiert waren wie Joachim Herz, der weitgehend inszenieren konnte, was er wollte und auch sogar ins nichtsozialistische Aus-land reisen und dort seine erfolgreichen Inszenierungen zeigen durfte. - Von 1959 bis 1976 war seine künstlerische Heimat die Leipziger Oper, die unter ihm eine künstlerische Blütezeit erlebte. In seinem letzten Gespräch vor seinem Tod im Oktober 2010 hat er seien Jahre in Leipzig denn auch hervorgehoben. "Ja, denn da konnte man einen Spielplan gemeinsam aufbauen, der ja aus dem Nichts aufgebaut wur-de. Das Haus war ja neu eröffnet worden. Und ganz wenige Stücke wurden übernommen aus dem bisherigen Spielplan." (Herz) Das
Repertoire, das Joachim Herz in den Leipziger Jahren inszenierte, war enorm
breit. Neben Wagner waren es vor allem die Werke von Mozart, Tschaikowsky
und Zeitgenossen wie Werner Egk und Kurt Weill, aber auch Opern von
Meyerbeer, Händel und Richard Strauss. 1965 inszenierte er beispielsweise
die "Frau ohne Schatten" im neuen Leipziger Opernhaus. "Wir
haben uns entschlossen, sie zu spielen als ein orientalisches Märchentheater
und alles zu zeigen, wovon im Stück die Rede ist." In seinen
Ausführungen im zweiten Band seiner Schriften erklärt er nicht nur das
komplizierte Hof-mannstahl-Libretto zu jedermanns Verständnis, sondern
bekennt sich einerseits zu den Theater-Me-thoden Bert Brechts, andererseits
aber auch auch zu "Werktreue" im Sinne von "Werkgerechtigkeit", ein Begriff
seines Dresdner Hochschul-Lehrers Heinz Arnold, der gar nicht so weit vom
Standpunkt Walter Felsensteins entfernt ist, des zweiten, Joachim Herz
prägenden Regisseurs, dem er an der Komischen Oper Berlin drei Jahre
assistierte. Ob Richard Strauss oder Alban Berg, Romantik, Verismo oder Moderne, ob deutsche, russische, tschechische oder italienische Oper. Joachim Herz hat sich in ungeheurem Fleiss und beispielhafter philologischer Gewissenhaftigkeit im Umgang mit Partituren zu einem der führenden Regisseure des DDR-Theaters entwickelt und in Dresden, Leipzig und Berlin Maßstäbe gesetzt. - Mehr als sechzig Stücke hat er auf die Bühne gebracht, in 126 Inszenierungen. Die drei Bände dokumentieren es. Die theoretischen Essays und Aufsätze über "Werktreue" und "Musiktheater", "Text", und "Kunst in der DDR" die den Hauptteil des dritten Bandes ausmachen, zeigen Joachim Herz als Anwalt der Werke, die er auf die Bühne brachte. Was Wunder, dass er in manchen seiner Vorträge und Statements, Es-says und Briefe energisch gegen jene Vertreter des heutigen Regietheaters zu Felde zieht, die mehr an sich als an den Opern interessiert scheinen, und mehr von ihren eigenen Obsessionen und Befindlich-keiten erzählen als von den Stücken, die sie inszenieren. - Unter den sorgsam edierten und bestens kommentierten, mit Anmerkungen, Inszenierungsverzeich-nis, Besetzungslisten und Register versehenen Texten von Joachim Herz sind ohne Frage theatergeschichtlich bedeutende Texte. Andere wiederum, auch seiner Werkinterpretationen gewinnen dem heutigen Leser aufgrund nicht zu überlesender DDR-ideologischer Untertöne eher ein Lächeln ab. Auch seine unverbesserliche Oberlehrerhaftigkeit und angriffslustige Besserwisserei machen ihn nicht wirklich sympathisch. Doch seine tief reflektierten Bekenntnisse zum Werkbegriff, zur Achtung vor den Stücken, zu narrativer, für den Zuschauer verständlicher Erzählweise auf dem Musiktheater, zu Oper als ernst zu nehmender Realität des singenden Menschen sind respektgebietend. Gerade heute möchte man so manchem angehenden Opernregisseur die Lektüre dieser Texte wärmstens emp-fehlen. Was allerdings die immer wieder ins politisch abschweifenden Äußerungen von Joachim Herz angeht: Sie erinnern - mit Verlaub gesagt - zuweilen an jene agitatorischen Verlautbarungen Karl Eduard von Schnitzlers im "Schwarzen Kanal". Was weniger komisch stimmt nach aufmerksamem Lesen der Texte, an deren „Ausgabe letzter Hand“ der Autor noch mitarbeitete: Durch alle drei Bän-de zieht sich das Bedauern und Beklagen, dass Mauerbau, Eiserner Vorhang und DDR den Regis-seur Joachim Herz um die internationale Beachtung und Würdigung gebracht haben, die er zweifellos verdient hätte. "Ja. Dies verbittert mich durchaus. (Herz)
„Oper mit Herz“. Bd.2. "Zwischen Romantik und Realismus", 296 S., Euro 29,80. - Bd. 3: "Mu-siktheater in der Gegenwart." 392 S., Euro 34,80. Gebunden, Hrsg. von Michael Heinemann und Kristel Pappel, Dohr Verlag. Es gibt auch eine Gesamtausgabe aller drei Bände zum Sonderpreis: 1048 S., Euro 89,90.
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