Dieter David Scholz

Frühkritik/Gespräch in MDR Figaro am 26.09.2011


WOTAN IN DER NACHTBAR

    

DIE WALKÜRE am Opernhaus Halle
 

Am Freitag, 23.09. 2011 hatte im Opernhaus Halle „Die Walküre“ Premiere, der erste Abend des Bühnenweihfestspiels DER RING DES NIBELUNGEN. Nun ist nach dem Vorspiel DAS RHEINGOLD, das vor einem Jahr in Ludwigshafen Pre-miere hatte,  Habzeit dieser ungewöhnlichen Kooperation der Theater-, Oper- und Orchester GmbH Halle und des Theaters im Pfalzbau Ludwigshafen. Hansgünter Heyme hat Regie geführt. Karl-Heinz Steffens stand am Pult.

Herr Scholz, ganz pauschal gefragt, waren Sie auch diesmal so begeistert, wie seinerzeit beim Rheingold?

Allerdings! Nur nicht was die Regie angeht. Die muss ja bei der Walküre Farbe bekennen. Das Stück ist nicht so ein Selbstläufer wie die nun wirklich sehr an-schauliche antikapitalistische Parabel vom Rheingold. Die Walküre mit ihrer schlichten Handlung von irdischer Geschwisterliebe und göttlichem Moralkonflikt ist trotz ihrer musikalischen Eingängigkeit kein Zuckerstück für einen Regisseur. Hansgünther Heyme erzählt das Stück denn auch sehr an der Oberfläche der Handlung. Sein markantester Einfall ist der, dass schon beim kurzen Vorspiel die verfeindeten Sippen der Wälsungen und der Neidinge als Rockerbanden gezeigt werden, die per Motorrad und mit gezückten Messern aufeinander losgehen. Aber dann spielen sich die drei Akte doch weitgehend statisch und konventionell ab, meist an der Rampe, sängerfreundlich immerhin. Aber nicht etwa in pseudo-germanischer, sondern in heutiger Strassenkleidung. Und in unkonventionellen Bilden.

Was sind das für Bilder? Was erwartet einen da auf der Bühne?

Heyme hält sich an das schon im Rheingold vorgestellte Grundgerüst einer Rück-wand, auf der die Börsenkurse notiert sind, eingerahmt von nüchterner Bühnen-technik, Scheinwerferbatterien vor allem. Es gibt dann in dieser Walküre noch so etwas wie eine "Wand der Verzweiflung", gemeint ist die Verzweiflung Sieglin-des, die ja ihrer Familie geraubt, die vergewaltigt und wie eine Sklavin in Un-freiheit gehalten wird. Das Ganze  ist ein grelles Spraykunstwerk. Davor ein höl-zerner Strommast, in dem das Schwert Siegmunds steckt. Und dann lässt Heyme immer wieder seinen "Vorhang der Hoffnung" herab, den man auch schon im Rheingold sah, ein bunter, naiv bemalter Fleckenteppich mit dem Aufdruck einer an Blochs Prinzip Hoffnung erinnernden Parole. Das Ganze ist also eher Kopf- als Aktionstheater. Die Bilder sind beliebig. Die große Auseinandersetzung zwischen dem umtriebigen Wotan und seiner sittenstrengen Gattin zeigt Heyme zwischen Spielautomaten und Thresen einer Bar mit Namen „Lady, Night & Music“. Zwei Strapsmäuse dürfen nebenher lesbische Annhäherungen üben. Die Kampfszene zwischen Siegmund und Hunding findet auf dem Abflugterminal eines Flughafens statt. Und zu Wotans Abschied von Brünnhilde samt brav züngelndem Feuerzau-ber ist man dann wieder in der Börse, deren Kurstafel sich als Schubkastenwand erweist, in deren Schachteln die Überreste gefallener Soldaten lagern. Der Walkürenritt wird so beinahe zum Adventskalender-öffne–Dich–Spielchen mit viel schwesterlicher Betroffenheit und Zärtlichkeit. Das hat etwas von Altherrenerotik, die diesem Behauptungstheater Heymes gar nicht gut tut. Etwas mehr konflikt- und stückorientierte Personenführung wäre wichtiger gewesen..

Nach dieser Schilderung kann es ja wohl das Musikalische sein, was sie an dieser Aufführung so begeisterte, nicht Wahr?

Ja, das ist in der Tat so. Diese Walküre hat gezeigt dass eine musikalisch mit-reißende, spannende und überzeugende Aufführung alle Albernheiten und  Häß-lichkeiten der Regie und der Ausstattung vergessen macht. Karl-Heinz-Steffens hat die Staatskapelle Halle derart gut im Griff, er hat sie zu so enormer musikali-scher Intensität und Klangfülle animiert, dass man wie gebannt im Sessel saß und im Grunde genommen einmal mehr die Bestätigung der Wagnerschen These vom „Drama als ersichtlich gewordener Tat der Musik“ erlebte. Diese Ring-Musik ist ja derart psychologisch und gestisch, dass sie, wenn sie intelligent und kraftvoll aufgeführt wird, aus sich selbst heraus spricht. Das ist großes musikalisches Theater. Und es bedarf dann eigentlich dann nur noch guter Sänger, die das, worauf es im gesungenen Text ankommt, umsetzen können.

Gab es denn in Halle diese Sänger?

Ja, diese Walküre wartet mit einem rundum überzeugenden Sängerensemble auf. Die sechs Hauptpartien sind glänzend besetzt. Der Star der Aufführung ist der Tenor Thomas Mohr. So einen fabelhaften, strahlenden, wirklich heldischen Sieg-mund hat man seit Jahren nicht gehört, nicht einmal in Bayreuth. Obwohl dieser begnadete Sänger in Nato-Kampfhosen und Unterhemd nicht gerade zu seinem körperlichen Vorteil kostümiert war, hat er einen doch mit der Kraft und Schönheit seines Tenors gefesselt. Das Publikum war außer sich vor Begeisterung. Zurecht. Ein seltenes Exemplar von echtem Wagnertenor, ganz sicher  mit großer Zukunft.

Auch der Wotan von Gérard Kim –  eher eine gestylte Kreuzberger Szenetype denn göttliche Autorität auf der Bühne -  hat derart stimmprächtig, und intelligent gesungen, dass man geradezu an sein Lippen hing. Jedes Wort von ihm war zu verstehen. Und wenn das so ist, dann werden die großen Monologe Wotans na-türlich auf eine moderne Weise interessant und spannend. Egal, was drumherum stattfindet. Christoph Stegemann als  schwarzer Bass singt einen vorzüglichen Hunding. Warum er nackten Bauch zeigen muss,  wollen wir nicht hinterfragen. Auch Carola Höhn als Sieglinde ist großartig in ihrer dramatischen Natürlichkeit. Natürlichkeit ist zwar nicht gerade das Kennzeichen der Brünnhilde von Lisa Li-vingston. Eine imposante, aber auch bereits hörbar überanstrengte Wagner-stimme. Alle acht Walküren konnten dagegen glänzend besetzt werden. Also musikalisch, sängerisch ist diese „Walküre“ eine fast ausnahmslos ganz hervor-ragende Aufführung.