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Dieter David Scholz
Zum 80. Geburtstag von Michael
Gielen
Wanderer &kompromißloser
Intellektueller

Michael Gielen wurde am 20. Juli 1927 in Dresden
geboren als Sohn des späteren Wiener Burgtheaterdirektors Josef Gielen.
Gemeinsam mit seinem Vater und seiner jüdischen Mutter flüchtete er vor
Hitler ins südamerikanische Exil, wurde in Buenos Aires am Teatro Colon
Repetitor und Assistent Erich Kleibers, lernte aber auch von Tullio Serafin,
Fritz Busch und vielen anderen ins Exil getriebener Größen seiner Zeit.
Michael Gielen betont immer wieder, ...
" ... dass die
Emigration ein riesen Glück war, ein unglaubliches Glück, von dem Faktum
her, dass ich in ein ziemlich freies, korruptes, demokratisches Land kam, wo
die Leute einander leben ließen, dann konnte ich bei Emigranten studieren,
bei Leuten aus Wien und Berlin, und die Leute aus Wien waren sogar
Schönberg-Schule. Das ist natürlich wieder ein großes Glück. Noch dazu bekam
ich ja einen Horizont!"
Schon mit
zweiundzwanzig Jahren spielte der hochbegabte Pianist das gesamte
Klavierwerk Schönbergs, seine Kompositionen erregten früh Aufmerksamkeit.
Seine Leidenschaft für die zeitgenössische Musik hat ihn auch als Dirigent
nie verlassen.
"Ich finde,
das ist eine der ganz primären Pflichten eines jeden Interpreten, die Musik
seiner eigenen Zeit zu spielen. "
Nach dem Krieg kam Michael Gielen nach Wien zurück und
wurde Assistent Herbert von Karajans. Er führte später als Dirigent ein
wechselhaftes Leben zwischen Brüssel, Stockholm, Frankfurt am Main – wo er
der Frankfurter Oper zu ihrer bedeutendsten Ära nach dem 2. Weltkrieg
verhalf und Baden-Baden. Das SWR-Sinfonieorchester wurde sein spezielles
Orchester, mit dem er bis heute Meilensteine in Sachen Neue Musik setzt.
Michael Gielen ist seit Jahren freiberuflich tätig. Er
ist der Mann fürs moderne Repertoire, dem der Ruf vorauseilt, ein
Präzisionsfanatiker, ein kompromissloser Intellektueller am Pult und einer
der schärfsten Partiturenanalytiker zu sein. Er ist politisch hellwach,
weltgewandt, menschlich unkompliziert und geprägt von unerschütterlichem
Widerspruchsgeist gegenüber vorherrschenden Konventionen aller Art, auch
Aufführungskonventionen. „Es muß, gelingen“, so schrieb Michael Gielen
einmal, „die Menschen, die zuhören, zu verunsichern in ihrem
Selbstverständnis von dem, was tradierte Kultur ist.“ Heute wird er achtzig
Jahre alt, und er will sich sich allmählich vom Dirigentenpult zurückziehen.
"Zu erkennen, wann man aufhören soll, das ist schon ein
eigenes Talent, und dazu muß man ja auch die Möglichkeit haben…“. Man
wünscht es ihm.
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