| |
Dieter David Scholz
Rezension

Freischütz-Demontage
Am 14.01.2012 hatte im Theater Erfurt Carl Maria von
Webers Romantische Oper "Der Freischütz" Premiere. Es war das Debüt des
Schauspielers und Chansonniers Dominique Horwitz als Opernregisseur.

Dominique
Horwitz spielte seinerzeit den Teufel in Robert Wilsons Musical "Black Rider", das wie Webers Oper auf der
Volkssage vom Freischütz ba-siert. Insofern schien Horwitz geradezu
prädestiniert, Webers "Freischütz" zu inszenieren, zumindest die teuflischen Szenen,
also die Wolfsschlucht. Da hat sich Horwitz denn auch ordentlich ins Zeug gelegt.
Mit enormem bühnentechnischen Aufwand
hat er
eine fantasyhafte Baum-wurzellandschaft aus dem Bühnenboden
aufsteigen lassen. Horwitz hat
diese Szene aber auch
elektroakustisch ziemlich aufgedonnert, indem er über Webers Musik eine
Schicht aus Hall und Geräuschen, Sambarhythmen und sogar Amboss-Gehämmer
legte. Ausgerechnet diese urro-mantische Szene, von der ein direkter
Weg zum Wagnerschen Musikdrama führt, bekommt dadurch etwas Banales, Musicalhaftes.
Ohne durch diese Bearbeitung eine neue
Qualität zu erhalten oder neue Einsichten zu vermittelt.
Aber Horwitz, der Nichtmusiker hat sich noch viel mehr
erlaubt. Er
hat alle 16 Nummern dieser Oper auseinander geschnitten und nach sei-nem
Gutdünken neu zusammengesetzt, in anderer Reihenfolge als in der Partitur
angegeben. Er begründet das damit, dass er das Werk, so wie es ist, unverständlich findet und es also umstellen müsse.
Merkwürdig nur, dass das Stück immerhin 190 Jahre von dem meisten Zuschauern
durchaus verstanden wurde. Horwitz´ Standpunkt ist nicht nur ein Affront
gegen Generationen von Regisseuren, die das Stück, so wie es komponiert ist,
durchaus sehr glaubwürdig inszenieren konnten. Es ist - bei aller
Bewunderung des Schauspielers und Chansonniers Horwitz - ein
Armutszeugnis des Opernregisseurs Horwitz, der sich offenbar
berechtigt und befähigt fühlt, es mit dem Komponisten Weber aufzunehmen und
den "Freischütz" so demontieren zu dürfen ,
um ihn überhaupt auf die Bühne bringen zu können. - Die Ouvertüre
läßt er gleich ganz weg zu Beginn, sie wird erst viel später, teilweise
nachgeholt. Die Aufführung
beginnt also
mit dem Bauerntanz. Und dann purzeln die Weberschen Musiknummern nach
Belieben durcheinander, in einer gekürzten Version, die
pausenlos
durchgespielt wird, nur noch etwas mehr als andert-halb Stunden
dauert. (Zumindest ist der Spuk schnell vorbei)
Dennoch waren viele Zuschauer offensichtlich
- und verständlicherweise - ziemlich irritiert von dem, was sie da als "Freischütz" präsentiert bekamen.
Sie haben sich denn auch mit für Erfurt ungewohnt deutlichen Buhs beim
Regisseur bedankt dafür. Horwitz hat dem Stück ja nicht nur alle vertraute biedermeierliche
Volkstümlichkeit ausgetrieben, er hat auch die Tanz- und Schützenfestmusik, die Jäger-und Brautjung-fernchöre
Lügen gestraft. Kein deutscher Wald, kein Försterhaus, keine
Naturromantik bei Horwitz. Er zeigt
stattdessen ein (hässlich an-zuschauendes) böses Nachtstück auf expressionistisch schräg übereinander
gestapelten Treppen. Man sieht schwarz-zerlumpte, deformierte Wesen mit
grotesken Perücken, sie wirken eher wie Gespenster als wie Menschen.
Und diese monströsen Gestalten werden
nun ständig spuckend, hinkend, rennend, schlurfend und tänzelnd über die
Bühne gejagt. Sie geistern sogar
als "Wildes Heer", durch die Wolfsschlucht (nach
dem Motto: Die bösen Geister, das sind ja wir selbst). Ein grotesker Totentanz, ein Alptraum geschundener Existenzen.
Mit diesem "Freischütz"-Patchwork will diese Oper aller
romantischen Opern als rabenschwarzes,
negatives Stück entlarven, als ein Stück, das von Unfreiheit und Unterordnung
unter Hierarchien handelt, von Todes-, Existenz- und Versagensangst, aber
auch von der Unterdrückung,
Deformierung, ja Zerstörung des Individuums durch die Gesellschaft. (Was man
ja auch in konventionellen Bildern und originaler Reihenfolge der
Musiknummern zeigen könnte!) Horwitz - der es besser zu wissen glaubt als
Weber - und mit dem Holzhammer wie der Axt zugleich inszeniert - zeigt Max und Agathe
als Protagonisten seiner Parabel. Zu
Beginn der Oper sehen sie noch wie "normale "
Menschen aus. Am Ende sind auch
sie genauso zerlumpt und gemummt wie das übrige Personal auf der Bühne. Der
einzige Mitwirkende, der von Anfang bis Ende er selbst bleibt ist der Eremit
als weißhaariger, märchenhafter Waldgeist. Und
last but not least ein echter,
lebender, großer Aasgeier, der als Todessymbol über der Bühne thront und die
Aufmerksamkeit des Publikums auf sich zieht.
Fazit:
Der "Freischütz" von Dominik Horwitz hat mit der Oper von Weber nur noch so
viel zu tun wie eine Montage aus Schnipseln eines zer-schnittenen Picasso-Bildes mit dem Originalgemälde.
Diese "Spielfassung" ist so absurd wie ein stark gekürzter Roman,
dessen Kapitel aus-einandergerissen und in willkürlicher Reihenfolge neu
zusammengefügt wurden. Man muss es so deutlich sagen: Horwitz hat in seiner
Bearbei-tung die Webersche Oper als originales musikalisches Kunstwerk
mit seiner nicht einfach nach Belieben umzustürzenden musikalischen
Dra-maturgie zerstört. Dass der geschätzte Dirigent Walter Gugerbauer solche
unverantwortlichen Eingriffe in die Partitur zugelassen hat, erstaunt! Auch
wenn er, sein Orchester, sein Chor und die Solisten
sich redlich bemüht haben, die
einzelnen Musiknummern anständig darzubieten: Den Weberschen "Freischütz"
konnte er nicht retten.
Beitrag dazu auch in MDR - Figaro,
16.01.2012
|
|