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Dieter David Scholz
______________________________________________________________________ Gustav Mahler - Essenz Große Ereignisse werfen ihre Schatten voraus. Am 7. Juli sind es 150 Jahre her, dass Gustav Mahler geboren wurde. Schon jetzt ist im Beck Verlag – in der Reihe WISSEN“ - ein neues Buch über Gustav Mahler erschienen. Es stammt von Constantin Floros, dem prominentesten Mahler Forscher unserer Tage. Der Vorteil des Buches: Es hat nur 128 Seiten.
Spätestens seit Luchino Visconti in seiner Thomas-Mann-Verfilmung „Tod in Venedig“ das Adagietto aus Mahlers fünfter Sinfonie verwendete, hat die Musik Mahlers eine beispiellose Verbreitung und Beliebtheit erlebt. Es war vielleicht die Geburtsstunde der Mahler-Renais-sance. Zu Mahlers Lebzeiten war der Komponist vor allem als Dirigent berühmt. Wegen seiner künstlerischen Kompromisslosigkeit und seines Perfektionswahns war er gefürchtet. Von ihm stammt der Ausspruch „Tradition ist meistens Schlamperei“. Als Komponist stand Mahler immer im Schatten von Richard Strauss. Er wusste und formulierte es einmal so: „Der wahre Zeitgemäße ist Richard Strauss. Darum genießt er die Unsterblichkeit schon hienie-den.“ Aber Mahler war sich auch sicher: „Meine Zeit wird kommen!“
Bereits der Musikkritiker und Mahlerfreund Otto Nodnagel hatte es auf den Punkt gebracht: „Strauss hat die Gegenwart, Mahler gehört die Zukunft.“ Constantin Floros präzisiert diese Behauptung: „Gustav Mahler gehört zu den Künstlern, die die Zukunft gewissermaßen vor-weggenommen haben“. Und er belegt es, indem er sachkundig wie leicht lesbar Mahlers Werk und seine kompositorische Methode mit musikwissenschaftlicher Präzision darstellt: Die patchworkartige Montagetechnik aus Instrumental- und Vokalmusik, Volks- und Kunst-musik, Trivialem und Tragischem, Ironischem und Pathetischem, aus banaler Lustigkeit und extremem Leid, mit permanenten Ausdrucks- und Tempowechseln, mit Entlehnungen, Zitaten und dem Nebeneinander von Gegensätzlichem als Prinzip. „Mahler machte die persönlichen, weltanschaulichen und religiösen Fragen, die ihn bewegten, zu Sujets seiner Symphonien“, liest man bei Constantin Floros. In seinen Kapiteln über „As-pekte der Persönlichkeit“ und „Die geistige Welt“ weist er auf Mahlers inneren Widerspruch von starker Triebhaftigkeit einerseits und ausgeprägter Weltfluchtsehnsucht ins Geistige andererseits, von Muttersuche und missionarischem Auserwähltheitsdenken hin, aber auch auf sein Leiden am Judentum, woraus die große Sehnsucht nach den christlichen Jenseitsver-sprechungen resultiert, die in seinen Symphonien allgegenwärtig ist. Im Zentrum der Dar-stellung von Leben und Werk steht die Grundparadoxie seines Charakters: Er war einer der energischsten, visionärsten und despotischsten Künstler, die je gelebt haben und zugleich von unendlicher Leidensfähigkeit, träumerischer Veranlagung, Weichheit und Sehnsucht nach Liebe und Todesüberwindung. Erst vor diesem Hintergrund versteht der Leser den Kern-gedanken Mahlers, der dem Hörer dessen symphonische Musik aufschließt: "Die Symphonie muss sein wie die Welt. Sie muss alles umfassen." Zu den Vorzügen seines jüngsten Mahler-Buches gehört nicht nur, dass Constantin Floros die Musik Mahlers begreiflich macht, er porträtiert auch den Menschen Mahler, seine böhmisch-mährische Kindheit als Sohn eines jüdischen Branntweinbrenners, den energischen Musik-studenten in Wien und die vielen Kapellmeister-Stationen seiner Wanderschaft, von Laibach, Olmütz, Kassel, über Prag, Leipzig, Budapest und Hamburg, bis hin zu Mahlers Karriere-gipfel als Hofopernkapellmeister in Wien. Was deutlich wird: Der Musikbesessene, der sich mit Arbeitswut, Strenge und ohne Konzessionen an Zeitgeist und Tradition nicht überall nur Freunde machte, hielt es nirgends lange aus. Er selbst bezeichnete sich als „Ahasver“, also als ewig umherirrenden Juden. Auch die Psychologie Mahlers kommt nicht zu kurz. So wird beispielsweise die keineswegs ungetrübte Ehe mit der Salondame Alma Schindler nicht ausgespart. (Später heiratet sie den Architekten Walter Gropius, danach den Dichter Franz Werfel und wurde Gefährtin des Malers Otto Kokoschka und weiterer prominenter Männer.) Aber Floros streift auch noch die enorme Wirkungsgeschichte Gustav Mahlers, der zu einer Vaterfigur der musikalischen Moderne wurde, von Arnold Schönberg über Luciano Berio und Luigi Nono bis hin zu Hans Werner Henze.
Constantin Floros, der 1930 in Thessaloniki geborene Musikpublizist und Gelehrte, er war bis zu seiner Emeritierung als Professor der Musikwissenschaft an der Universität Hamburg tätig, hat sich sein Leben lang mit Person und Musik Mahlers beschäftigt und hat nun die konzentrierte Summe seines Lebenswerks vorgelegt. Er stellt in dem „Mahler“-Bändchen der großartigen Beck-Reihe „Wissen“ übersichtlich gegliedert und geradezu bewundernswert ver-dichtet, alles Wesentliche, was man über Mahler wissen sollte, um ihn zu verstehen, und wozu Floros vor Jahren in seiner dreibändigen Monographie rund tausend Seiten benötigte, auf nurmehr 128 Seiten dar. Ein Kunststück. Aber es ist ihm gelungen!
Buchrezension in der DW
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