Dieter David Scholz

CD-TIP


Der "Belcantoprinz unserer Tage"
auf geistlichen Abwegen...

Er gilt als „Ritter des hohen d“ und er ist ein Ausnahmesänger, der 37jährige peruanische Tenor Juan Diego Flórez. Seit er 1996 beim Rossini-Festival in Pesaro im letzten Moment für einen Kollegen in der Oper „Mathilde di Shabran“ einsprang, wurde er gewissermaßen über Nacht zum weltweit führenden Rossini-Tenor. Auf einer ganzen Reihe von CDs ist die Stimme des Koloraturvirtuosen inzwischen dokumentiert. Jetzt hat er zum ersten Mal eine CD aufgenommen, auf der nicht in seinem eigentlichen, dem Opernrepertoire zu hören ist. „Santo“ heißt diese CD.

 

Santo
Juan Diego Flórez, Coro del Teatro Comunale di Bologna, Michele Mariotti, CD Audio, Decca 0028947822547,
Erscheinungsdatum: 15.10.2010

 

Nach wie vor hat der konkurrenzlose Rossinitenor Juan Diego Flórez eine jugendlich unver-brauchte, strahlende Stimme, die kantabel dahinströmen kann, aber auch der schweren Kunst der Koloratur und des Ornaments gehorcht, bis in extreme Höhen. Und das obwohl er sich seit 14 Jahren am Belcantofirmament seiner Sängerkarriere befindet. Bei den Arien aus dem geistlichen Repertoire Rossinis – aus der Petite messe solenelle und der Messa di gloria  – ist Juan Diego Flórez ganz zuhause.

Aber auch bei einem selten zu hörenden, hochvirtuosen "Alleluja" von Johann Joseph Fux, bei John Francis Wade und Georg Friedrich Händel läßt Juan Diego Flórez keinen Wunsch offen, was Notengenauigkeit, stilistische Sicherheit, Stimmschönheit und gesangliche Souve-ränität angeht. Selten hat man das "Comfort ye... Ev´ry valley" aus dem "Messiah" so betö-rend schön gehört. Flórez singt mit einer Mühelosigkeit und Natürlichkeit, die immer wieder verblüfft.

Sogar die Aussprache des Deutschen in Haydns „Schöpfung“ meistert Juan Diego Flórez, wo er gern zugibt, dass ihm, dem Latino, die deutsche Sprache nicht eben in die Wiege gelegt worden sei. Aber seine Disziplin und seine Gewissenhaftigkeit im Auswählen und Einstudieren des für ihn richtigen Repertoires zahlen sich eben aus. Flórez befindet sich auch nach zehn Jahren seiner Schallplattenkarriere immer noch auf dem Höhepunkt seiner stimmlichen Ver-fassung. Und es sind eben nicht nur belkantische und barocke Bravourstücke, die Flórez auf seiner jüngsten CD zum Besten gibt, sondern auch Kostproben aus dem französischen Repertoire des neunzehnten Jahrhunderts, etwa Adolphe Charles Adams "O Holy night" (im Arrangement von Douglas Gamley" oder Cesar Francks "Panid angelicus", geistliche Evergreens, die durch  Flórez' Vortrag geradezu geadelt werden.

Die Stimme von Juan Diego Flórez ist das seltene Beispiel eines Sängers, der einfach nichts falsch macht, dessen Stimme kerngesund und phänomenal ausgebildet ist.  Die CD „Santo“ zeigt das große Spektrum seiner Möglichkeiten auf, jenseits der Oper. Und Flórez singt die geistliche Musik ganz unopernhaft. Die Titelauswahl seiner CD erweist auch seiner latein-amerikanischen Heimat Reverenz. Juan Diego Flórez singt auf seiner neuen CD das Kyrie aus der Missa Kriolla des argentinischen Komponisten Ariel Ramirez, der in diesem Frühjahr verstorben ist.

Dass diese jüngste CD von Juan Diego Flórez so überaus gelungen ist, verdankt sich nicht nur seiner aussergewöhnlichen Stimme, sondern auch ihrer exzellenten Begleitung mit Chor und Orchester des Teatro di Bologna.. Der 1979 in Pesaro geborene Michele Mariotti , seit 2009 Direttore principale des Teatro Comunale di Bologna,  erweist sich auf der für ihn ersten CD als zuverlässiger, feinfühliger Musiker. Er gab vor wenigen Wochen erst beim Rossini-Festival in Pesaro seinen gefeierten Einstand. Ein Dirigent mit Zukunft!

Als überraschende Zugabe enthält das Programm der CD eine Eigenkomposition von Flórez, ein rhythmisch federndes, zutiefst peruanisch angehauchtes „Santo“, welches verrät, dass Flórez, mit dem Volksmusikgesang seines Vaters aufgewachsen ist. Flórez hat keinerlei Berührungsängste. Aber er kennt gottlob sein Grenzen und beherzigt sie. Deshalb ist er ja auch der unangefochtene "Belcantoprinz unserer Tage", wie Jürgen Kesting ihn zurecht nennt, ein anmutiger, beweglicher Tenore di grazia, der Seinesgleichen sucht.

 

 

MDR