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Dieter David Scholz
Richard Wagner. Eine europäische Biographie "R. drückte sein Erstaunen gestern darüber aus, daß, trotzdem er so bemüht sei, die Leute immer mehr die Sachen über ihn läsen als seine eigenen" (Cosima Wagner, Tagebuchnotiz vom 29. 3. 1878)
„Man
muß den Deutschen nicht immer Wonne ums Maul schmieren“ Einleitung
Dieses Buch will und kann nicht den großen, verdienstvollen Wagnerbiographien Konkurrenz machen. Es will sie allenfalls ergänzen, indem es sein Augenmerk lenkt auf einen bislang ver-nachlässigten Aspekt der Wagnerbiographik: den europäischen Kontext, die europäische Dimension von Leben und Werk Richard Wagners. Betrachten Sie dieses Buch gewissermaßen als Summe und Kondensat, aber auch als Korrektur der Wagnerbiographik, konzentriert und zugespitzt auf einen einzigen Blickwinkel. Es ist eine weitgehend mit Dokumenten (Briefe, Autobiographien, Tagebücher etc.) abgestützte, alle Quellen, Entlehnungen, Anregungen und Zitate gewissenhaft benennende Biographie. Das ist, zugegeben, ungewöhnlich und steht in krassem Gegensatz zu den meißten Wagnerbio-graphen, die großzügig und ohne es kenntlich zu machen abschreiben, einer vom anderen, vor allem vom ersten Wagnerbiographen, Carl Friedrich Glasenapp[1], dessen Wagnerbiogra-phie als monumentaler Steinbruch biographischer Fakten konkurrenzlos ist, wenn auch mit Vorsicht zu betrachten ist, weil er nicht frei ist von Stilisierungen und Verklärungen. Ich finde, der Leser hat ein Recht auf exakte Nennung von Quellen und Zitaten, um selbst die Mög-lichkeit der Nachprüfung zu haben. Erfindungen oder zweckdienliche Verfälschungen von Zahlen, Daten Fakten oder gar Brief- und Tagebuchzitaten, die sich selbst neuere Biographen zuweilen gestatten, wie ich feststellen mußte, habe ich mir grundsätzlich versagt. Was Ulrich Konrad für seine Mozartbiographie postulierte, mache ich auch für meine Wagnerbiographie geltend: „Ich vermeide es, in die vielen Lücken unserer Kenntnis von Lebenslauf und Persön-lichkeit ... den gefügigen Kitt erzählerisch-spekulativer Phantasie zu schmieren - das geschieht andernorts zur Genüge.“[2] Ich möchte mit dieser Biographie Denkanstöße zu einem sachlicheren Umgang mit Richard Wagner anregen. Es ist doch längst an der Zeit, das „deutsche Mißverständnis“[3] Richard Wagner, von dem schon Friedrich Nietzsche sprach, auch und gerade das biographische, zu korrigieren, denn bis heute beherrscht eine typisch „deutsche“ Perspektive die Wagnerbio-graphik. Obwohl es doch sollte, scheint es in Sachen Wagner nicht selbstverständlich zu sein, was der Historiker Peter Gay in seiner bemerkenswerten Studie über Deutsche und Juden anmerkte: "zu historischem Verständnis aufzurufen und Einsicht walten zu lassen, bedeutet nicht zugleich, abzustreiten und zu verniedlichen, was geschah."[4] Das spezifisch Parteiische und Emotionale der Wagner-Debatte gründet sich auf immer noch existierenden Schwierigkeiten der Bewältigung des vergangenen Kapitels deutscher Geschichte. Die Einsicht Theodor W. Adornos hat Gültigkeit, daß jegliche Dimension Wagners Ambivalenzen, ja Antinomien zum Wesen habe: "Ihn erkennen heißt, die Ambi-valenzen bestimmen und entziffern, nicht, dort Eindeutigkeit herstellen, wo die Sache zunächst sie verweigert."[5] Wie wahr! Auch wenn es mir in diesem Buch nicht um Wirkungsgeschichte Wagners geht, in meinem Buch über Wagners Antisemitismus habe ich mich eingehend damit befaßt[6], fühle ich mich doch auch hier der Forderung von Jakob Katz verpflichtet: „Die Beachtung der chronologischen Reihenfolge in der Darstellung und Deutung der Ereignisse ist die erste Pflicht des Historikers, die auch in diesem Fall unter Überwindung der verständlichen Widerstände streng einzuhalten ist“.[7] Wer sich mit Wagner beschäftigt, kommt nicht umhin, zur Kenntnis zu nehmen, daß er nur im europäischen Zusammenhang begriffen werden kann. Die Fakten sprechen doch für sich. „Mehr als die Hälfte seines Künstlerlebens verbrachte Wagner jenseits deutscher Grenzen, und die patriotischsten Passagen seines Werks entstanden außer Landes.“[8] Nicht zu reden von den Sympathien Wagners für das eben Nicht-Deutsche, das Französische und Italie-nische! Schon in seinem Jugendwerk - noch in deutschen Landen konzipiert - beschäftigt sich Wag-ner mit Italien. Mit achtzehn komponierte er eine Ouvertüre zu Reinpachs Drama „König Enzio“. Zwei Jahre später komponierte er die Musik zum Opernlibretto „Die Feen“, das er frei nach Gozzis „La donna serpente“ geschrieben hatte. Auch das fallengelassene Opern-projekt, "Kaiser Friedrich II. von Hohenstaufen", setzte auf Italien. Immerhin wurde daraus der Plan zu einer großen, fünfaktigen dramatischen Dichtung, „Die Sarazenin“, in der Friedrichs Sohn Manfred eine Rolle spielt, und in der der jungen Sarazenin Fatima die Hauptrolle gehört. Nicht zufällig entstand auf seiner Böhmenreise des Jahres 1843 die Konzeption der Oper „Das Liebesverbot“, frei nach Shakespeares „Maß für Maß“, angesiedelt im sonnigen Sizilien, in Palermo, wo Wagner den Stadthalter Friedrich, er nennt ihn einen „deutschen Narren“ - Inbegriff eines prüden Pedanten (in gewissem Sinne ein Verwandter Beckmessers) zum Lustfeind und zum Widersacher mediterraner Lebens- und Liebesfreude abstempelt. Der Gegensatz von Lust und Lustfeindschaft, von Süden und Norden, durchzieht Wagners gesamtes Oeuvre, so wie seine fluchtartigen Reisen von Deutschland in den Süden Italiens immer wieder das winterliche „Scheiß-Klima“ [9] Bayreuths aufhellen sollten. Sein reiferes musikdramatisches Werk konzipierte Wagner fast ausnahmslos im sogenannten „Ausland“. In Riga konzipierte und komponierte er zu großen Teilen den „Rienzi“. In Paris entstanden der „Fliegende Holländer“, die frühen kunsttheoretischen Revolutionsschriften, auch die Skandalfassung des „Tannhäuser“, die heute bevorzugt aufgeführte Version der Oper. In der Seine-Metropole brachte er auch den Prosaentwurf der „Meistersinger“ in Verse. Die Knittelverse der „Meistersinger“ wurden nicht in Nürnbergs engen Gassen, sondern in der Weitläufigkeit der Tuillerien geschrieben. In der Schweiz, in Tribschen bei Luzern am Vierwaldstätter See wurden die „Meistersinger“ abgeschlossen und Gedanken über „Deutsche Kunst und deutsche Politik“ niedergeschrieben. In Zürich vollendete Wagner seine „Ring“-Dichtung und las sie einem enthusiasmierten Publikum im Hotel Baur au Lac vor. Zum Waldweben im „Siegfried“ inspirierte ihn nicht etwa der Bayerische Wald oder das Rheinische Schiefergebirge, sondern das Sihltal bei Zürich, so wie er im Walliser Vispertal und am Fuße des Matterhorns die Odyssee las, die die Dramaturgie seines „Rings“ entscheidender prägte, als aller germanische Mythos, wie der große Kenner der griechischen Sprache und Literatur, Wolfgang Schadewaldt als Erster erkannte und in einem berühmten Aufsatz „die Wirkung des tief eingeschmolzenen griechischen Substrats in Wagners Denken und in seinem Kunstwerk“ hervorhob und vom „in seiner Weise schöpferischen Hellenismus in Wagners neunzehntem Jahrhundert“ [10] sprach. Die szenische Ring-Phantasie Wagners wurde schließlich im Appenzeller Ländchen und am Hohen Säntis, am Julier-Paß, auf dem Rosegg-Gletscher und auf dem Rütli inspiriert. Auch den „Tristan“ begann Wagner in Zürich zu schreiben, er vollendete ihn in Venedig und in Luzern. Sein Weltabschiedswerk „Parsifal“ komponierte er zu großen Teilen in Neapel und in Palermo. Im malerischen Garten des Palazzo Rufolo bei Amalfi fand er seine theatralische Vision von „Klingsors Zaubergarten“, so wie er im Dom zu Siena seinen imaginären „Grals-tempel“ vorzufinden glaubte. Auch seinen Aufsatz über „Religion und Kunst“ schrieb Wagner in Neapel. Und zur Architektur seines Bayreuther Festspielhauses wurde er im griechisch geprägten Sizilien angeregt, vom Amphitheater in Segesta an der Nordwestspitze Siziliens. Den Ring gedachte Richard Wagner übrigens an den Ufern des Missisippi ebensogut uraufzuführen wie an denen des Rheins, wie er in Zürich an E.B. Kietz in Paris schrieb. Die Beispiele ließen sich fortsetzen. Zwei lange Lebensabschnitte verbrachte Wagner in der Schweiz, neun Jahre im Zürcher Exil, von 1859 bis 65 lebte er abwechselnd in Luzern, bei Zürich und in Genf, schließlich von 1868 bis 1872 in Tribschen am Vierwaldstädter See. Ein Großteil seines Oeuvres entstand in der Schweiz und in Paris. In der Seine-Metropole suchte er immer wieder Trost, Erfolg und Inspiration. Auch wenn er dort bitterste Not und die erniedrigendsten Niederlagen seines Lebens durchlebte, festigte der Kontakt mit den Pariser Sozialisten, mit Heinrich Heine und dem Kreis um Liszts „Gazette musicale de Paris“ seine utopisch-sozialistische Weltanscha-uung. Wagners Parisaufenthalte sind zahllos und machen einen großen Teil seines Lebens aus. Als der steckbrieflich verfolgte, ins schweizerische Exil geflohene Dresdner Revolutionär Richard Wagner im letzten Drittel seines Lebens, endlich amnestiert, nach Deutschland zurückkehrte und in Bayreuth ansässig wurde, ertrug er Bayreuth und die Deutschen im Grunde nicht mehr, trug sich zeitweise sogar mit dem Gedanken der Auswanderung in die USA. Er flüchtete aus Bayreuth, so oft er konnte, nach Italien. Die Abstände zwischen seinen Italienreisen wurden immer kürzer. Im Land, "wo die Zitronen blüh´n" suchte er in seinem letzten Lebensjahrzehnt die Gegenwelt zu allem Deutschen, Ruhe und Erholung. Er starb schließlich in Venedig. Diesen faszinierenden Lebenskreis zu verdeutlichen ist das bescheidene Anliegen meines Buches. Es erhebt nicht den Anspruch einer umfassende Biographie. Wagners Leben, seine Zeit und sein Werk noch einmal in extenso darzustellen, ist auch gar nicht nötig. Wagners Zeit und Wagners Werk sind weitgehend erschlossen und ausgelotet worden in einer geradezu erdrückenden Fülle an Wagnerliteratur, die alle nur erdenklichen Aspekte des Wagnerschen Lebens und Werks untersuchte. Die vorherrschende Darstellung seines Lebens hingegen bedarf durchaus einiger Ergänzungen und Korrekturen, denn viele Wagnerbiographen nehmen es mit der Unterscheidung von Fakt und Fiktion nicht so genau und lassen sich ihren Blick von ideologischen Vorurteilen eintrüben, zu schweigen von mangelnder Sorgfalt im Umgang mit Quellen, gewissenlosem, ja leichtfertigem Umgang mit historischen Kausalitäten und von erschreckend mangelnder Werkkenntnis, gerade was das Brief- und Tagebuch-Oeuvre Wagners und seiner Frau Cosima angeht. Hans Mayers Aufforderung "Wer sich mit Wagner befaßt, muß sich auf das Ganze ein-lassen"[11] ist zwar richtig, aber angesichts des heute vorliegenden, geradezu uferlosen Materials der Wagnerforschung nicht mehr einlösbar. Auch noch so umfangreiche biogra-phische Versuche der letzten drei Jahrzehnte sind mehr oder weniger hilflose wie anmaßende Versuche, die Quadratur des Wagnerkreises zu vermessen. Wer sich tatsächlich einmal die Mühe macht, die Tausende von Briefen Wagners (soweit sie veröffentlicht sind)[12] und die Cosima-Bücher durchzuarbeiten, der entdeckt einen in mancherlei Hinsicht anderen als den gängigen, einen ganz „neuen“ Wagner. Man stellt beispielsweise fest, um nur einen menschlich-allzumenschliche Punkt anzusprechen, daß Wagner alles andere als als ein kulinarischer Kostverächter war. Darüber wurde kaum je ge-schrieben. Wagner gilt weithin als kulinarischer Biedermann. Das ist grundfalsch. Wagner liebte Champagner, Trüffel und Gänseleberpastete. Er stand darin Rossini und Offenbach nicht nach. Und warum denn auch nicht? Wagner hat schon als mittel- und arbeitsloser junger Mann von Mittezwanzig Schulden gemacht, um sich Champagner und Wein kistenweise liefern zu lassen. Wagner liebte Fische, Austern, Käse und er hatte eine Schwäche für Süßes, vor allem für italienisches Eis. Als er in Venedig am zweiten Akt des „Tristan“ schrieb, ging er allabendlich auf den Markusplatz, aß seinen Fisch, trank Champagner, mindestens eine halbe Flasche, aber nur aus Geldnot, nicht aus Bescheidenheit, und gönnte sich zum Abschluß ein Eis, das alles auf Pump.[13] Nachzulesen in den Briefen Wagners. Wagner hat sich weder musikalisch noch kulinarisch mit dem kleinen Einmaleins zufriedengegeben. Wie schrieb Anthelme Brillat-Savarin: „Sage mir, was Du isst, und ich sage Dir, was Du bist.“[14] Richard Wagners Bedürfnis nach kulinarischen und ästhetischen Genüssen reicht wie seine Sehnsucht, die Grenzen Deutschlands zu überschreiten und künstlerischer Europäer bzw. europäischer Künstler zu werden, bis in seine Jugend zurück. Bereits mit Einundzwanzig, am 10. Juni 1834, veröffentlichte Wagner in Heinrich Laubes „Zeitung für die elegante Welt“ seinen Aufsatz „Die deutsche Oper“. In ihm erhob er die Forderung: der deutsche Künstler müsse endlich europäisch werden und „das wahre, warme Leben packen“, denn so Wagners Gegenwartsanalyse: "ein deutsche Oper haben wir nicht. ... Wir sind zu geistig und viel zu gelehrt, um warme menschliche Gestalten zu schaffen. ... O, diese unselige Gelehrtheit, - dieser Quell aller deutschen Übel!"[15] Nur der werde zeitgemäß und erfolgreich sein, "der weder italienisch, französisch – noch aber auch deutsch schreibt."[16] Europäisch-universell zu sein, als Künstler und als Mensch, war das Ideal Richard Wagners. Er eiferte diesem Ideal nicht erst seit seiner Lektüre von Heinrich Laubes Roman "Das junge Europa" nach. Seine umtriebige, schon früh Deutschland und die Deutschen fliehende Vita ist ein Musterbeispiel dafür, wie ein Komponist sich allen Versuchen der bürgerlichen Domesti-zierung und Sesshaftwerdung in gesicherten materiellen Verhältnissen widersetzt, um „das wahre, warme Leben“ und dessen utopischen Reflex in der Kunst gegen alle Widrigkeiten von Gesellschaft und Politik, Privatleben und öffentlicher Erwartung zu realisieren. Zwar waren Dresden und München Orte, in denen Wagner entscheidende Lebensabschnitte ver-bachte, zu schweigen von der provinziellen Musenresidenz Bayreuth, aber das sogenannte europäische „Ausland“ spielte eine weit wichtigere Rolle in seinem Leben. Den „Launen des Glücks“ (Nestroy) und dem künstlerischen Erfolg nachjagend wie dem Mißerfolg entfliehend, war sein Umgang mit Geld konstant unrealistisch. Auf der Flucht vor Gläubigern, Geliebten und Gesetzeshütern war er ein Wanderer zwischen den Nationen, dem ganz Europa zum Zuhause wurde. Die Schweiz, Frankreich und Italien waren seine bevor-zugten Länder. Das Reisen war von Jugend an eine seiner Passionen. „Ach Gott, mein ganzer Mensch löst sich wohlthätig auf, wenn ich an´s Reisen denke“[17], bekannte er schon 1835. Entgegen der gern zitierten Marxschen Etikettierung Wagners als eines deutschen „Staats-musikanten“[18] darf man aus gutem Grund mit Friedrich Nietzsche behaupten: „daß er nir-gendswo weniger hingehört als nach Deutschland; ... sein ganzer Typus steht unter Deutschen einfach fremd, wunderlich, unverstanden, unverständlich da,“[19] ja dass „Wagner unter Deutschen bloß ein Mißverständnis ist“.[20] Noch 1888, also fünf Jahre nach Wagners Tod, schrieb Nietzsche aus Nizza an seinen Freund Peter Gast: „Wagner selber, als Mensch, als Tier, als Gott und Künstler geht tausend-fach über den Verstand und Unverstand unsrer Deutschen hinaus.“[21] Nietzsche geht soweit, zu behaupten: „Wagner ist das Gegengift gegen alles Deutsche par excellence“.[22] Wagner hat tatsächlich, wie Jacques Offenbach und Heinrich Heine, die meiste Zeit seines Lebens im Exil gelebt. Er hat fern der deutschen Heimat einen Großteil seines Oeuvres konzipiert und ausgearbeitet, er hat die wesentlichen Impulse und Anregungen für sein künstlerisches und essayistisches Werk auf Reisen quer durch Europa erhalten. Schließlich ist er - die Musik kennt keine Staatsgrenzen - auch musikalisch Europäer. Die Einflüsse von Halévy, Bellini, Berlioz, Spontini, Meyerbeer und Mendelssohn auf Wagners Musik sind evident.[23] Schließlich brachte Wagner durchaus zeitgenössische, hochmoderne, psychologisch brisante europäische (französische, italienische, deutsche, griechische, römische) Sujets auf die Bühne, wenn auch zum Teil als „Mittler des Mittelalters“ (Peter Wapnewski) in germanisch-mythologischer bzw. mittelalterlicher Verkleidung. Auch Wagners umtriebiger Lebensstil war nicht eben typisch „deutsch“. Angestachelt von exzessiver Neugier, enormem Bedürfnis der Kulturaneignung, sinnlicher Genußsucht, aber auch von einem starken Drang nach sozialem Austausch, gepaart mit künstlerischem Produktionszwang und geographischem Bewegungsdrang, um nicht zu sagen Fernweh, war Wagner ein permanent Reisender. Untertanengeist oder gar Autoritätshörigkeit, Seßhaftigkeit und Rücksichtnahme auf gesellschaftliche Konventionen, zu schweigen von bürgerlichem Sicherheitsdenken, waren Wagners Sache nicht. Von keiner seiner Frauen ließ er sich darin beirren. Seine erste Frau, Minna, mußte immer wieder miterleben, wie er alle Chancen, eine gesicherte Existenz aufzubauen, zugunsten seiner künstlerischen und politischen Über-zeugungen ausschlug. Und selbst Cosima, seiner zweiten Gattin, mißlangen alle Versuche, Wagner zu einem „feinen Herrn“ mit aristokratischen Salonmanieren zu erziehen. Die Sängerin Lilli Lehmann hat in ihren Tagebüchern, auf die Brigitte Hamann[24] interessanterweise hinweist, Beispiele dafür festgehalten, wie Cosima vergeblich versuchte, „den 62jährigen zu erziehen, ... wenn er z.B. das Messer nicht englisch genug beim Essen führte, wobei manches Diner ein schnelles unerwartetes Ende nahm.“ Auch das von Cosima bevorzugte Französisch sei Wagner „absolut unangenehm“[25] gewesen. Wagner war undomestizierbar und bekannte sich dazu, keine Manieren zu haben: „Noblesse, Anstand, die habe ich nicht:“[26] Er war nicht selten in seiner kauzigen Humorigkeit ein rechter Bürgerschreck. Um seiner Ideen und Utopien, zuweilen auch seiner Wolken-kuckucksheime willen legte er sich mit allen und jedem an, stets wissend und in Kauf neh-mend, damit seine Existenz aufs Spiel zu setzen. Wagners lebenslange, extreme, europaweite Mobilität erklärt wohl sein permanentes Träumen von einer deutschen „Heimat“, die allerdings mit der realpolitischen deutschen Wirklichkeit nicht wirklich viel zu tun hatte. In einem Brief vom 13. September 1860 bekannte Richard Wagner Franz Liszt: „Mit eigentlichen Grauen denke ich jetzt nur an Deutschland ...Und wenn ich »deutsch« bin, so trage ich sicher mein Deutschland in mir.“[27]. Aber schon 1835 – er war gerade 22 Jahre alt - bekannte er seinem Leipziger Freund Theodor Apel: „hinweg aus Deutschland gehöre ich!“[28] In diesen skizzierten Koordinaten eine präzise recherchierte Lebensdarstellung Wagners zu versuchen, ist das Ziel dieses Buches. Es will nicht mehr, aber auch nicht weniger sein als eine biographische Annäherung an einen Komponisten, dessen Lebensbahn sich zwischen den äußersten Eckpunkten Leipzig und Venedig quer durch Europa zieht. Der Aktionsradius des Wagner-Lebens reicht im Norden bis London, im Osten bis Moskau, im Süden bis Sizilien und im Westen bis zur Atlantikküste. Eine expansive Künstlerexistenz, deren äußerlicher Bewegungsdrang dem inneren Reichtum des Werks entspricht. Wagner war sich übrigens der Wirkung und Bedeutung seines Exilantendaseins durchaus bewußt: „namentlich macht meine Entfernung („Verbannung“) aus Deutschland vielen mich interessant“[29], wie er in einem Brief aus dem Zürcher Exil an den in Paris lebenden Dresdner Freund und Porträtmaler Ernst Benedikt Kiez am 7. September 1872 schreibt. Die Interessantheit Wagners hatte für viele seiner Zeitgenossen durchaus mit seinem Exilantenstatus zu tun. . Ich möchte unter Zuhilfenahme aller heute verfügbaren Quellen veranschaulichen, dass Wagner ein „Fliegender Holländer“ auf der Landkarte Europas war und wohl nicht zuletzt deshalb Deutschland und den Deutschen um so skeptischer gegenüberstand, aber gleichzeitig von lebenslanger Sehnsucht nach einem idealen „Deutschland“ getrieben war, was mit Deutschtümelei weniger zu tun hat als mit jungdeutschen Utopien. - Bis heute fehlt eine sachliche, vorurteils- und ideologiefreie Biographie Wagners auf dem Wissensstand von Heute. Immer noch verlieren, darin möchte ich Dieter Borchmeyer ausdrücklich zustimmen, selbst namhafte Autoren, darunter „ernsthafte Wissenschaftler ... bei Wagner mehr als einmal ihren Verstand.“[30]
Es gibt leider - ich habe dies in einem meiner früheren Wagnerbücher ausführlich dargestellt - keinen kontinuierlichen Fortschritt in der Wagnerforschung. Stattdessen werden - selbst von Autoren, die es besser wissen müßten - immer wieder alte biographische Klischees, Vorurteile und Legenden aufgewärmt. Man befleißigt sich bedenkenlos der fragwürdigen Kunst des Weglassens und Hinzufügens. An gefühligen Wagner-Romanen, an Kitsch-biographien, ideologisch einseitigen, zurechtgebogenen Lebensbeschreibungen mangelt es in der überreichen Wagnerliteratur wahrlich nicht. Doch wer sich zuverlässig über Wagners Lebensverlauf informieren möchte, ohne immer wieder durch ausufernde Exkurse in Werk- und Epochen-, Milieu- und Gedankendarstellungen vom Wege abgebracht zu werden, kommt trotz der Fülle an Wagnerliteratur in Verlegenheit. Zumal einige der besten Wagner-Bücher veraltet oder inzwischen vergriffen sind.
Karl Friedrich Glasenapps Monumentalbiographie „Richard Wagners Leben und Wir-ken“[31] ist eine konkurrenzlose, wenn auch mit Vorsicht zu goutierende positivistische Material- und Faktensammlung, die zum Steinbruch aller auf ihn folgenden Wagnerbio-graphen wurde. Alle späteren Wagnerbiographen haben sich ihrer bedient, auch wenn es die wenigsten zugaben oder kenntlich machten. Doch Glasenapps Biographie taugt schon aufgrund ihres enzyklopädischen Umfangs nicht zur schnellen, gezielten biographischen Information, ganz davon abgesehen, daß sie von Cosima noch zu Lebzeiten Wagners in Auftrag gegeben wurde und bei allem positivistischen Sammlerfleiß letztlich dem Ziel einer Wagnerverklärung verpflichtet ist. Die bewundernswerte - ebenfalls sehr umfangreiche - Biographie Ernest Newmans „The Life of Richard Wagner“ (1933-1946)[32] ist zwar die erste und letzte „wissenschaftliche“ Wagnerbiographie, aber sie referiert den WissensStand von 1946. Dennoch ist es bedau-erlich, daß sie nie übersetzt wurde. Aber selbst Martin Gregor-Dellin[33] hat in seiner vielgepriesenen Wagnerbiographie „Ri-chard Wagner. Sein Leben, sein Werk, sein Jahrhundert“ (1976) gelegentlich die Grenze von nachprüfbaren Tatsachen und erzählerischer Phantasie überschritten. Auch er hat sich groß-zügig aus Glasenapps gewaltigem Fundus, aus Wagners Autobiographie und den Tage-büchern Cosimas bedient, ohne die Zitate immer zu kennzeichnen. Daß er als Herausgeber der Cosima-Tagebücher gelegentlich sogar Cosimas Notizen in seinem Sinne abänderte, gehört nicht zu seinen Ruhmestaten. Dies soll nicht das große Verdienst Gregor-Dellins schmälern, die erste profunde, in sich runde, weit ausholende Wagnerbiographie nach Veröffentlichung der Tagebücher Cosimas geschrieben zu haben. Von jüngeren Wagner-biographien will ich gar nicht erst reden.
Natürlich ist mir bewußt, daß Wagners Äußerungen jeden Biographen aufs Glatteis führen können. Es ist nur zu gefährlich, Wagner in seinen oft widersprüchlichen, häufig unein-deutigen Äußerungen beim Wort zu nehmen. Wagners Worte sind nicht selten ungebremsten Emotionen, opportunen Interessen und purer Eitelkeit unterworfen. Wagner ist vielleicht die widersprüchlichste Persönlichkeit, die einem als Biograph unterkommen kann. Den Januskopf Wagner zu porträtieren gleicht dem Versuch des Herakles, die vielköpfige Hydra durch Abschlagen nur eines Kopfes zu erledigen, ich weiß!
Wagner objektiv darstellen zu wollen, ist eine Illusion. Sachlichkeit und Genauigkeit einer naturgemäß subjektiven Lebensdarstellung können jedoch angestrebt werden. Deshalb sind mir neben Wagners Briefen, die nach wie vor zuwenig Beachtung finden in der Wagner-Biographik, natürlich auch dessen private Aufzeichnungen im sogenannten „Braunen Buch“ und in seinen Annalen, aber auch seine autobiographischen Schriften und Notizen, vor allem aber Cosimas Tagebücher außerordentlich wichtig. Sie stellen, wie der Historiker Theodor Schieder bei deren Erstveröffentlichung 1976 zurecht erklärte, eine "historische Quelle von höchstem Rang"[34] dar. Gegen die Vermutungen mancher Zweifler, es handele sich bei diesen Tagebüchern um nicht mehr als ein neu erschlossenes Medium stilisierter Selbst-darstellung der Autorin und idealisierter Darstellung ihres Mannes, kann man nur verweisen auf die oftmals geradezu naive Offen- und Treuherzigkeit, mit der die Diaristin einer Verklärung ihres Gatten und "Meisters" zuweilen gar nicht so Förderliches zu Papier gebracht hat. Ganz zu schweigen von den notierten negativen Äußerungen ihres Mannes über sie selbst. Auch wenn Cosima manches biographische Ereignis unterschlagen und auch nicht alle Aussprüche Wagners notiert hat, wie könnte sie, so ist doch die Authentizität der von ihr notierten Aussprüche Richard Wagners kaum zu bezweifeln.
Daß dieses Buch auf Ergebnissen meiner langjährigen wissenschaftlichen Beschäftigung mit Richard Wagner aufbaut, versteht sich von selbst. Manche Ergebnisse früherer Arbeiten[35] erlaube ich mir hier erneut einzubringen. Ich kann ja nicht davon ausgehen, dass meine inzwischen vergriffenen Wagner-Publikationen allen Lesern gegenwärtig sind. In Detailfragen und speziellen Problemstellungen, etwa werk- und rezeptionsgeschichtlicher Art, die den Rahmen und die Zielstellung dieses Buches überschreiten würden, verweise ich in den Fußnoten auf weiterführende Publikationen. Die so interessante wie fatale Wirkungs-geschichte Wagners bis hin zu Hitlers dummer, aber folgenreicher Wagnerei und deren Wirkung nach 1945, der ich aus der Perspektive von Wagners Antisemitismus ein eigens Buch gewidmet habe,[36] soll der Wichtigkeit halber in einem Schlußkapitel zumindest angedeutet werden.
Für den an weitergehenden Fragestellungen interessierten Leser habe ich eine Bibliographie am Ende des Buches angehängt, in der ich mich bemüht habe, aus der schier unüber-schaubaren Fülle an Wagnerliteratur die meiner Meinung nach interessantesten und wich-tigsten Titel zusammenzutragen.
Gliederung und Kapitelüberschriften sind der Chronologie und Geographie der maßgeblichen Lebensstationen geschuldet und sollen die rastlose europäische Vita Wagners schon auf den ersten Blick veranschaulichen. Ein Wort noch zu den Zitaten aus der Autobiographie und dem Briefoeuvre Wagners. Die oftmals unkorrekte, ganz und gar nicht der heutigen Schreibweise entsprechende und uneinheitliche Orthographie Wagners wird so übernommen, wie sie in den angegebenen Editionen abgedruckt ist.
Zu danken habe ich für vielfältige Hilfe, wertvolle Anregungen, Informationen, Gespräche und auch kreativen Widerspruch Manfred Eger, Brigitte Hamann, Quirino Principe, und Boris Kehrmann, dem ich dieses Buch herzlichst widme. Dank auch an den mir seit Jahren verbundenen Parthas Verlag, der das Entstehen dieses Buches mit Geduld und Großzügigkeit beförderte.
Berlin, Januar 2006 Dieter David Scholz [1] Carl Friedrich Glasenapp: Das Leben Richard Wagners in sechs Büchern dargestellt. 4. Auflage, Leipzig: Breitkopf & Härtel, 1905-1911 [2] Ulrich Konrad: Wolfgang Amadé Mozart. Leben, Musik, Werkbestand. 2005, S. 14
[3]
In meinem Buch „Richard Wagner. Ein deutsches Mißverständnis. Richard
Wagner zwischen Barrikade [4] Peter Gay: Freud, Juden und andere Deutsche, Herren und Opfer in der modernen Kultur, Hamburg 1986, S. 13. [5] Theodor W. Adorno: Nachschrift zur Wagner-Diskussion, in: DIE ZEIT Nr. 41 v. 9. Okt. 1964, S. 22-23, zitiert nach: Dietrich Mack: Richard Wagner, Das Betroffensein der Nachwelt, Beiträge zur Wirkungsgeschichte, Königstein/ Taunus 1985, S. 11. [6] Wobei ich die Tabus der Rezeptions- und Wirkungsgeschichte Wagners in diesem Buch nicht noch einmal thematisieren möchte. Ausführliches dazu mein Buch: „Richard Wagners Antisemitismus“ [7] Jakob Katz, S. 13 [8] Michael von Soden: Richard Wagner. Ein Reiseführer, Dortmund 1991, S. 13 [9] CT, Bd. 2, S. 1113 [10] Wolfgang Schadewaldt: Richard Wagner und die Griechen. In: Wieland Wagner. Richard Wagner und das neue Bayreuth. München 1962, S. 150 [11] Hans Mayer: Richard Wagner. Mitwelt und Nachwelt, S. 25.
[12]
Siehe: Egon Voss: „Wagner und kein Ende“. (Zürich und Mainz 1996. Voss
weist auf S. 256 f. zurecht
[13]
Er war tatsächlich das größte „Pumpgenie“ unter den Komponisten . Siehe
dazu: Hanjo Kesting: Das [14] Anthelme Brillat-Savarin: Physiologie des Geschmacks. Leipzig 1983, S. 23 [15] RWSS, Bd. 12, S. 1 ff [16] ebd. S. 4 [17] RWSB, Bd. 1, S. 197 [18] In einem Brief an Engels 1876 anläßlich der ersten Bayreuther Festspiele [19] Nietzsche-W, Bd. 3, S. 833 [20] Nietzsche-W,Bd. 2, S. 1092 [21] Nietzsche-W, Bd. 3, S. 1280 [22] Nietzsche-W, Bd. 2, S. 1091 [23] Einzelheiten bei Carl Dahlhaus: Richard Wagners Musikdramen, Velber 1971 [24] Brigitte Hamann: Die Familie Wagner. Reinbeck 2005, S. 60 [25] Lilli Lehmann: Mein Weg. Leipzig 1913, S. 283 f. (zitiert nach Brigitte Hamann) [26] CT, Bd. 2, S. 1076 [27] RWSB, Bd. 12, S. 260 [28] RW, SB Bd. 1, S. 206 [29] Sammlung Burrell, S. 264 [30] Dieter Borchmeyer. Richard Wagner. Frankfurt am Main und Leipzig, 2002. S. 12 [31] Glasenapp [32] Ernest Newman: The Life of Richard Wagner. Cambridge 1937/1964, Reprint 1980 [33] Martin Gregor-Dellin: Richard Wagner. Sein Leben, sein Werk, sein Jahrhundert. München, Zürich 1980 [34] Theodor Schieder: Richard Wagner, das Reich und die Deutschen. Nach den Tagebüchern Cosima Wagners, S.360, in: Festschrift für Walter Bußmann. Staat und Gesellschaft im politischen Wandel, hrsg. von Werner Pöls, Stuttgart 1979, S. 360-373. [35] Dieter David Scholz: Richard Wagners Antisemitismus, Würzburg 1993; Dieter David Scholz: Ein deutsches Missverständnis. Richard Wagner zwischen Barrikade und Walhalla. Berlin 1997; Dieter David Scholz: Richard Wagners Antisemitismus. Jahrhundertgenie im Zwielicht. Eine Korrektur. (Wesentlich aktualisierte und erweiterte Neuausgabe), Berlin 2000; Dieter David Scholz: Kinder macht Neues! 125 Jahre Bayreuther Festspiele-50 Jahre Neubayreuth. Berlin 2001. [36] Dieter David Scholz: Richard Wagners Antisemitismus.
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