HOME 

 

Dieter David Scholz

Kommentar für SWR 2,  Musik Aktuell am 29.08.2008


Erlösung dem Erlöser

"Erlösung dem Erlöser" heißt es im „Parsifal“. Mit ihm gingen gestern abend die Bayreuther Festspiele zuende. Aber noch eine andere Erlösung stand auf dem Spielplan: Der greise Wolfgang Wagner, seit 1966 alleiniger Festspiel-Chef hat sich von seinen Mitabeitern und vor ausgewählten Gästen verabschiedet. Nach ewigen Querelen und Winkelzügen. Bayerns Mi-nisterpräsident Günther Beckstein hat eine An­sprache halten. Nun läuft der Countdown also.  Am 30. August feiert Wolfgang Wagner sei­nen 89. Geburtstag, einen Tag später tritt er offiziell als Festspielchef zurück. Am 1. Sep­tem­ber berät der Stiftungsrat über seine Nach-folge.

Alles deutet darauf hin, dass die 30-jährige Katharina Wagner und die 63-jährige Eva Wag-ner-Pasquier, die Töchter Wolfgang Wagners aus seinen beiden Ehen, die Festspiele über-nehmen werden. So scheint es zwischen dem Stiftungsrat und Wolfgang Wagner abgespro-chen zu sein. Nun hat sich aber vor wenigen Tagen, am zurückliegenden Sonntag, völlig überraschend auch Gerard Mortier - gemeinsam mit Nike Wagner - kurz vor Ablauf der Bewerbungs­frist – um die Nachfolge Wolf­gang Wagners beworben.  Ein gut getimter Überraschungs-Coup der missliebigen Tochter Wieland Wagners, der allen so gut ein-gefädelten Bayreuther Zukunfts-Plänen in die Parade fährt.   

Dass einer der innovativsten, der erfahrensten und erfolgsreichsten Opernmanager der in-ternationalen Opernszene, ob in Brüssel, in Salzburg, im Ruhregbiet oder in Paris - trotz seines unterschriebenen Intendantenvertrags an der New York City Opera bereit ist, sich mitten in das Bayreuther Wespennest zu setzen und seine Energien unter Umständen sogar ex­klusiv in die Zukunft der Festspiele zu investieren, ist ein Glücksfall für Bayreuth. Gegen ihn sind Eva und Katharina Wagner dennn doch – mit Verlaub gesagt – kleine Fische. Darü-ber kann der Stiftungsrat der Bayreuther Festspiele nicht hinweg­sehen, wenn er ernst ge-nommen werden will, auch wenn er bei Wolfgang Wagner im Wort zu stehen scheint.

Wem, wenn nicht Mortier, würde man zutrauen, das Ziel zu verwirklichen, die Festspiele zu reformieren und ihnen wieder jene weltweite Vorreiterrolle in der Wagner-Interpretation und den lange ersehnten künstlerischen Aufschwung zu bringen, auf den man so lange wartet in Bayreuth?

Für den Stiftungsrat, der über Wolfgang Wagners Nachfolge zu entscheiden hat, ist jetzt der Augenblick gekommen, um jene Offenheit des Verfahrens glaubhaft zu machen und zu nut-zen, die er immer wieder beteuerte. Er wird Mortiers schwergewichtige Bewerbung nicht einfach in den Wind schlagen und ad acta legen können.

Innerhalb der im Rat vertretenen Gremien gehen übrigens die Meinungen über Katharina Wagner ebenso auseinander wie innerhalb der finanzkräftigen „Gesellschaft der Freunde von Bayreuth“ und auch der verschiedenen vier Stämme der Familie Wagner. Und alle haben ihre Stimmen abzugeben. Die Chancen für einen radikalen Kurswechsel in der Nachfolgereglung, die das krisengeschüttelte und verkrustete Bayreuth herausreißen könnte aus Familienzwist, eingefahrener Lethargie, künstlerischer Stagnation  und provinzieller Gschäftlhuberei stehen also gar nicht so schlecht. Auch wenn der Stif­tungsrat zugunsten der Wolfgangschen Wunsch-Nachfolgeregelung entscheiden sollte am Montag: Niemand wird sagen können, es hätte keine Alternative gegeben.