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Dieter David Scholz
Restaurantkritik
& -Empfehlung
Enoteca
Reale
Geschlossen seit Sommer 2002
Gottschedstr. 2
Berlin Wedding
030-4617433
Öffnungszeiten: Mo.-Do. 19.00 - 2.00
Fr. + Sa. 19.00 - open end

Irgendwo
im Wedding, einem nicht eben für seine lukullischen Verheißungen
bekannten, aber ethnisch bunt und wohltuend aufgemischten, recht
lebendigen Bezirk mitten in Berlin, in dem die Arbeitslosenzahlen, die
Zahl der Hundehalter und Alkoholiker am höchsten ist, auch die
Kneipendichte, behauptet sich, nun schon seit einigen Jahren, eines der
kulinarisch wie at-mosphärisch erfreulichsten, der qualitativ beständigsten
italienischen Restaurants in Deutsch-lands Hauptstadt, die die
Hauptstadt auch der stärksten gastronomischen Fluktuation in Deutschland
ist.
Man
würde das Lokal nie suchen, würde es nie zufällig entdecken im Kiez
zwischen Panke, Reinickendorfer Straße und Leopoldplatz. Der unscheinbare
Eingang ist eher
Understate-ment.
Eine schlichte, massive Eisentür mit ausgeleuchteter Aufschrift „Enoteca
reale“ weckt lediglich aufgrund der tresorartigen Abgeschottetheit der
Lokalität einige Aufmerksamkeit. Man rätselt, was für ein Etablissement
sich hinter der Stahltür wohl verbergen möge. Doch jeder Zweifel wird
ausgeräumt, wenn einem auf Klingelzeichen von der Dame des Hauses persönlich
geöffnet wird, von der redseligen Signora Francesca Rienzner, einer markanten,
energischen rothaarigen Persönlichkeit. Stets gleichermaßen
zuvorkommend,
wird man höflich, mit etwas feierlicher, warmer, aber nie zu nahe
tretender Aufmerksamkeit empfangen. Auch der flinke Oberkellner ist topfit
und weiß, worauf es ankommt. Man betritt eine crème-weiße Tropfsteinhöhle
der Genüsse, einen Tempel venezianischer Lebensart. Stalaktitenartige
Gebilde, deren Enden in Alabasterkristallen aufleuchten, hängen entlang
des langen schmalen Raums von der Decke herab, auch durch den sandfarbenen
Marmorboden strahlt von unten das milde Licht. Art Déco-Strenge und
mediterrane Verspieltheit ergänzen sich zu traumartigem Ambiente.
Weißgepolsterte Stühle und Sofas auf silberfarbenen, muschelartig
gedrehten
Säulen laden an marmornen Tischen zum kulinarischen Thronen ein. Alles ist nach eigenen Entwürfen
gefertigt. Weiße, großzügige, stets vorbildlich gebügelte und
kunstvoll gefaltete Servietten gehören selbstverständlich zur
vornehmen, aber nicht gekünstelten Tisch-kultur des Lokals. Der Sohn der
Signora, Christiano Rienzner kocht fürs Auge. Aber nicht nur! Die Raffinesse seiner
norditalienische Küche kitzelt Gaumen und Nase aufs Gekonnteste. Er kocht nuancenreich, mit differenziertesten,
geschmackssicher
komponierten Aromen, phantasievoll und originell in der
Kombination der tagesfrischen Zutaten. Seine superben Baccalà-Variationen
mit einem Hauch von Sepia-Tinte, dazu Fenchel-Sorbetto im frittierten
Parmesan-Körbchen sind überwältigend und lohnen selbst für
Baccalà-Verächter einen Besuch! Hier begriff ich endlich die Segnungen des Stockfischs,
an die ich nie geglaubt hatte. Aber auch der
Seeteufel auf einem Entenleber-Mayonnaise-Spiegel oder die knusprig
ge-bratene, dabei butterzarte Entenbrust auf Mangold sind perfekte
Kreationen. Die Speisekarte ist klein, aber fein, und wechselt in mehrtägigen
Abständen.
Signora
Mama weiß mit sachkundigem Urteil, treffsicherem Instinkt und natürlicher,
direkter Selbstverständlichkeit zu jedem Gang den richtigen Wein zu
empfehlen. Die exhibitionisti-schen Showeinlagen und aufdringlich-prätentiösen
Sommelier-Bluffs vergleichbarer Loka-litäten der Haute cuisine bleiben in
der Enoteca Reale wohltuend außen vor. Diese Enoteca ist Refugium und Oase gleichermaßen, fern von Berlin und doch
mitten drin. Nicht von dieser Welt und doch so sinnlich! Ein
venezianischer Familienbetrieb mit Stil und Niveau.
Die
überwiegend italienisch orientierte Weinkarte ist beeindruckend. Vater Luigi Rienzner kümmert sich persönlich und ausschließlich um den
Weinimport aus Italien. Große Kenner-
und Leidenschaft verraten sich in der Auswahl von Erlesenem, Wohlbekanntem
und spektakulär Unspektakulärem aus Alto Adige, Friaul, Piemont, Toscana
und Veneto. Einige seiner Weine bezieht er exklusiv von befreundeten
kleinen Winzern, die sonst nichts ex-portieren. Sein weißer Tokaier aus
dem Friaul beispielsweise ist köstlich und nur hier zu bekommen.
Besonders erfreulich, dass auch beste Weine glasweise ausgeschenkt werden.
Man
kann Luigi Rienzners Weine auch flaschenweise mit nach hause nehmen (oder
sogar liefern lassen), zu
erstaunlich moderaten Preisen übrigens. Aber auch die Preiskalkulation
des Restaurants ist zurückhaltend angesichts des hohen Levels des
Gebotenen. Das Glück dieser Enoteca ist der in Berlin besonders seltenen
Tatsache zu verdanken, dass Angebot und Dek-oration, Kompetenz und Präsentation,
Dienstleistung und Genuß unabhängig von Mainstream und Zeitgeist, dem
derzeit in Berlins Künsten wie Küchen allzu leichtfertig und unbesonnen
gehuldigt und geopfert wird, eine gelungene Symbiose eingehen. Und das auf
höchstem, nach wie vor Michelin-Stern-Niveau, auch wenn Michelin dies
nicht (mehr) zu würdigen weiß. Aber der Michelin, das zeigt sich hier
wie anderswo, ist leider nicht mehr, was er einmal war...

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