Dieter David Scholz

Buch-Besprechung


"Mein Leben an seiner Seite"
Belanglose Plaudereien der Karajan-Witwe

Am 16. Juli 1989 starb Herbert von Karajan in Anif bei Salzburg in den Armen seiner Frau Eliette im Alter von 81 Jahren. Erst jetzt, wo sich am 5. April 2008 sein Geburtstag zum hundertsten Male jährt, sind sie erschienen, die Memoiren der Eliette von Karajan. 

Herbert von Karajan – eigentlich hieß er ja  Heribert Ritter von Karajan - war neben Maria Callas – wohl die meistbesprochene, meistbe­schrie­bene und meistdiskutierte Künstlerper-sönlichkeit seiner Zeit, einem Liszt, einem Paganini durchaus ähnlich. Er war ein medialer Zau-berer, ein elitärer Dirigenten-Popstar und ein ein­zig­artiger Organisator des Musik-lebens, nicht zuletzt dank seiner  multimedialen Präsenz.

1958 war es, als das Dior-Mannequin Eliette Mouret den  attraktiven und bereits berühmten Dirigenten kennenlernte, der auf dem besten Weg war, der globale Musikmogul und Pult-Impe­rator Nummer Eins zu werden. Er war bereits 50. Sie war mindestens 24 Jahre jünger als er. Genau weiß man es nicht. In ihren Erinnerungen gibt sie sich als damals 18-Jährige aus. Ein Stoff, aus dem die Träume sind. Eliette von Karajan hat diesen Traum erst jetzt, fast 20 Jahre nach dem Tod ihres Mannes, zu Papier gebracht. Der Traum beginnt auf S. 13. Eine Party auf einem Schiff in St. Tropéz: Eliette ist seekrank. Der Gentleman Karajan bringt das Mädchen an Land und verbringt einen Abend mit ihr. Erst ein Jahr später sieht man sich wieder. Man liest: „Als ich ins Wohnzimmer trat, lehnte er lässig und entspannt am Kamin. Das Feuer loderte und die Art, wie er sich eine Zigarette anzündete, erinnerte mich an den großen französischen Filmstar Jean Gabin. Als Herbert dann seine stahlblauen Augen in meine senkte, war es endgültig um mich geschehen. Spätestens in dieser Sekunde wusste ich: Das ist der Mann meiner Träume." Zwei Jahre später heirateten Eliette Mouret und Herbert von Karajan.

Eliette ist die dritte Ehefrau Herbert von Karajans. Vor ihr war der Maestro mit der Operet-tensängerin Elmy Holgerloef und danach mit der sehr blonden Anita Gütermann aus der begüterten badischen Nähseiden-Dynastie verheiratet. Natürlich ist nichts davon zu lesen in Eliettes Erinnerungsbuch. Nein, sie schreitet im Plauder­ton von einer unwichtigen Episode ihres Lebens zur Nächsten. Ein bisschen Klatsch, ein bisschen Tratsch. Der Bericht aus einem klassischen Jet-Set-Leben. Man verkehrt natürlich in den „besten Kreisen“ und mit den berühmtesten Zeitgenossen aus Kultur, Politik und gesell­schaftlichem Leben. Eine 237 Seiten starke Romanze einer Frau, die sich einen Platz an der Sonne, will sagen an der Seite des von aller Welt bewunderten Pultstars suchte,  indem sie ihre eigene Berufskarriere schon in jungen Jahren aufgab. Sie gesteht immerhin, dass dieser Mann „ seit jeher vor allem mit der Dame namens ‚Musik’ verheiratet“ gewesen sei. Es ist – wenn man so will - die Essenz des Buches. Die Witwe zementiert das Bild, das ihr Gatte über Jahrzehnte der Welt in beispiellosen PR-Kampagnen vermittelte, das Bild vom „Wunder Karajan“. Es könnte durchaus für das Buch seiner Witwe gelten, was der Maestro einmal über seine eigenen Ton- und Filmdokumente sagte:

"Schaun Sie, das ganze ist, wenn ich so sagen darf, Testament.“

Alles in allem erfährt der Leser über diesen „seltsamen Mann“, wie Philharmoniker-Intendant Wolfgang Stresemann Herbert von Karajan einmal nannte, nicht mehr, als er nicht schon aus der bisherigen Flut der Veröffentlichungen über den Dirigenten“ wusste. Kein informatives Bekenntnisbuch, keine Korrektur am Denkmal. Wer auch immer der Ghostwriter der „Queen von Salzburg“ war: Das Buch ist absolut nibelungentreu und brav geschrieben. Alles Unlieb-same wird ausgeblendet, alles Heikle übergangen, ob Karajans unfeine Nazi-Vergangenheit, sein dramatischer Bruch mit seinen Philharmonikern oder sein einsames, verbittertes Sterben. „Genug der unschönen Seiten“ lautet das Motto der  Karajan-Erbin.

Die Tatsache, dass die Luxus-Lady Eliette von Karajan, die sich konsequent bis zum 100. Geburtstag ihres Mannes den Medien verweigert hat, nun mit einem Erinnerungsbuch an die Öffentlichkeit tritt, ist nicht mehr als ein flauer PR-Begleiteffekt, der wohl den mit aller audio-visuellen, diskographischen, von lautem Medienrummel begleiteten globalen Gedenktag  Herbert von  Karajans einläuten sollte. Die Autorin, saß bei Beckmann im Fernsehen, sie hat ihr Buch in Berlin wortkarg aber – wie immer - gut gekleidet signiert. Interviews hat sie wei-testgehend verweigert. Sie weiß, warum sie Rede und Antwort unter vier Augen scheut.  – Ihr Gatte, der Stardirigent, der in seinen Hochzeiten die Berliner und die Wiener Philhar-moniker, die Mailänder Scala und die Salzburger Festspiele zum Teil gleichzeitig  nach seinem Stab tanzen ließ, hat ein gewaltiges Vermögen angehäuft, ein Medien­imperium aufgebaut mit einer unvorstellbar großen Hinterlassenschaft an Ton- und Bildkonserven. Sein Credo lautete:

Mein Ideal ist, jetzt sage ich ein Paradox, omnipräsent zu sein, und man sieht mich eigentlich doch nicht. „

Daran hat sich auch Karajans Witwe gehalten. Eliette hat Herbert von Karajans Erbe ange-treten und in ein Karajan-Archiv eingebracht. In dessen Tanteiemenregen mag sie sich sonnen und im geerbten Reichtum des Maestro, der sich mit jedem Gedenktag mehrt. Zum Gedenken an seinen hundertsten Geburtstag wird Karajan auf allen Fernseh- und Hörfunk-kanälen naturgemäß noch einmal  kräftig gefeiert. Nach einem Salzburger Gedenk-Konzert-Auftakt starteten die Berliner Philharmoniker eine Gedächntiskonzert-Tour. Auch die Salzburger Osterfestspiele und das Lucerne Festival zollen ihren Tribut. Die nach Baden-Ba-den abgewanderten Karajan-Pfingstfestspiele feiern später. Neben flächendeckenden Wie-derveröffentlichungen alter Aufnahmen auf dem CD- und DVD-Markt sind ein paar neue – im Wesentlich belanglose – Bücher über den Maestro assoluto erschienen. Auch Eliette von Karajans Buch bietet nichts Neues in Sachen Karajan. Aber das kümmert die Witwe wohl kaum. Geld verdienen muß sie ja mit diesem Buch ohnehin nicht. Ein Wirtschaftsmagazin schätzte ihr Vermögen auf mehrere hundert Millionen Euro. Was Wunder, dass sich die Genießerin, die zwischen ihrem Salzburger Bauernhaus, ihrer Villa in St. Tropez und ihrem Chalet in St. Moritz pendelt, locker zeigt wie immer. Allem Naserümpfen über ihr Buch zum Trotz erscheint sie lächelnd auf allen Partys und Events des Salzburger Hoch- und Möchte-gernadels. Und manchmal läuft sie barfuß durch die belebte Salzburger Getreidegasse. Das traut sich nicht jedermann.

 

SWR 2, BR, Rondo