Dieter David Scholz

DVD – Rezension MDR Figaro & "Das Orchester" (Schott)


Von Rienzi zu Hitler: Ein Missverständnis
R. WAGNER - RIENZI                                          
Inszenierung: Christoph Stölzl
Live von der Deutschen Oper Berlin
Arthaus  2 DVD 101 521

 

Die Große, tragische Oper in 5 Akten, „Rienzi“ war Richard Wagners zu Lebzeiten größter Premieren-Erfolg. 1842 ging das  fast sechsstündige Werk im Königlichen Hoftheater zu Dresden zum ersten Mal über die Bühne.  Später distanzierte sich Wagner von diesem Früh-werk, er nannte es seinen „Schreihals“.  Deshalb wurde „Rienzi“ auch nie in Bayreuth auf-geführt. Ironie der Geschichte, dass ausgerechnet Adolf Hitler diese Historienoper über den römischen Volkstribun zu seiner Lieblingsoper erklärte: Ein Missverständnis. Philipp Stölzl hat die selten gespielte Oper im Januar 2010 an der Deutschen Oper Berlin aus dem Geiste Hitlers inszeniert. Auch das ein Missverständnis.

Musikstunde im Obersalzberg.  Mit dem Rücken zum Publikum sitzt der feiste, geschniegelte Diktator in weißer Uniform im Sessel seines steinernen Arbeitszimmers. Den Blick gerichtet durch ein Panoramafenster auf verschneites Hochgebirge. Immer ekstatischer  dirigiert er die „Rienzi“-Ouvertüre mit, erst sitzend, dann laufend, ja liegend in obszöner Haltung auf dem Schreibtisch, aber auch tanzend und Rad schlagend. Dem gut gepolsterten Tänzer und Komiker Gernot Frischling gelingt diese akrobatisch hochvirtuose Karikatur einer Mischung aus Mussolini,  Hitler und Stalin glänzend. Es ist die beste Szene der ganzen Inszenierung. Mit ihr hat Philipp Stölzl sein Pulver schon verschossen.

  

Wagner hat mit dem  „Rienzi“, den der Dirigent Hans von Bülow nicht ganz zu Unrecht einmal als „Meyerbeers beste Oper“ bezeichnete, die einzige jungdeutsche Revolutionsoper ge-schrieben. Ein hochpolitisches Werk des deutschen Vormärz mit enormem Freiheitspathos und radikaler Kirchenkritik, eine Satire auf den Adel und auf die antiquierten politischen Verhältnisse in Deutschland. Eine Oper über Aufstieg und Fall eines charismatischen Politikers, der am Ende scheitert, wie alle „Helden“ Wagners. Ironie der Geschichte, dass ausgerechnet Adolf Hitler diese Historienoper über den römischen Volkstribun zu seiner Lieblingsoper erklärte. Er kann sie kaum ernsthaft begriffen haben.

Zu Wagners Musik sieht man bei Stölzl Bilder wie aus Hitler-Deutschlands, Bilder in Leni-Riefenstahl-Ästhetik,. Man sieht Massen- und BDM-Aufmärsche, zackige Soldaten und blondbezopfte Frauen. Das ist handwerklich souverän inszeniert und von Ausstatterin Ulrieke Sigrist suggestiv bebildert, zugegeben, aber von der Anfangsszene an ist der Rest der Auf-führung vorhersehbar: Von der Revolution in den Faschismus. Wagners radikal progressive, Revolutionsoper gerinnt trotz ironischer Brechungen zur klischeehafte Nazi-Revue im Stile schwarz-weisser Wochenschauen mit Anleihen von Otto-Dix- und Georges Grosz-Bildern und bei „Metropolis“. Tableauhaft und in der Personenführung holzschnittartig inszeniert Philipp Stölzl Aufstieg und Fall Rienzis in Analogie zu Hitler. Was vielleicht kritisch gemeint ist, wirkt aber wie eine Apotheose der Hitlerästhetik. Erweist man da dem „Führer“ nicht post mortem zu viel Ehre? Diese Inszenierung verdeutlicht beispielhaft das gestörte Verhältnis der Deutschen zu Richard Wagner als gestörtes Verhältnis der Deutschen in ihrer Geschichte.  

Torsten Karl singt vor Albert Speers gigantomanischer Germania-Utopie das evergreenhafte Gebet des Rienzi. Er ist neben Kate Aldrichs Adriano der glaubwürdigste Sänger in einer ansonsten eher mittelmäßigen Besetzungsriege mit Camilla Nylund als Irene, Ante Jerkunica als Steffano Colonna, Krysztof Szumanski als Paolo Orsini und Lenus Carlson als Kardinal Orvieto. Keine sängerische Sternstunde, diese Produktion. Und das Dirigat von Sebastian Lang-Lessing ist langatmig und vordergründig-banal. Er hat der "Rienzi"-Musik nicht nur ihre Unschuld geraubt, sie klingt bei ihm tatsächlich fast wie "Nazi-Musik". Dass dies nicht am Werk liegt, ja dass Wagners "Rienzi" auch völlig anders, nämlich französisch-italienisch mitreißend und elegant klingen kann, hat 1964 (in einer ebenfalls auf zweieinhalb Stunden gestrichenen Fassung der RAI Torino) der legendäre Dirigent Arturo Basile  eindrucksvoll bewiesen.

Aber auch die Inszenierung wird einem lang, obwohl das Stück nur noch zweieinhalb Stunden dauert. Stölzl hat es um mehr als die Hälfte zusammengestrichen, um es in sein Interpre-tationskorsett  pressen zu können. Es offenbart die ganze Absurdität des heutigen Blicks aus der Hitlerperspektive von vorgestern.

Am Ende dieser Inszenierung zeigt Stölzl den Diktator in Wochenschau-Pose huldvoll winkend,  während er im Führerbunker Siegesparolen ausgibt und oben die Welt in Schutt und Asche versinkt: Hitler gleich Rienzi. Wieder einmal wird Wagner billig mit dem National-sozialismus gleichgesetzt. Und alle bornierten Vorurteile in Sachen Wagner werden wieder einmal bekräftigt. Ein deutsches Missverständnis, ja Ärgernis, diese „Rienzi“ Inszenierung. Allenfalls als Diskussionsgrundlage für eine Auseinandersetzung über das heikle Thema "Wagner-Hitler"  mag sie ein beispielhafter Ausgangspunkt sein.