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Dieter David Scholz
Die "Sächsische Wunderharfe",
Am 30. 10.2009 kam die Sächsische Staatskapelle Dresden von ihrem Spaniengastspiel zurück, an das sich eigentlich ein Gastspiel in Ägypten anschließen sollte. Dazu kam es nicht. Hintergrund ist der Mord an einer 31 Jahre alten Ägypterin, die am 1. Juli 2009 im Dresdner Landgericht von einem fanatischen, deutsch-russischen Ausländerhasser getötet wurde. Der Mord an Marwa El-Sherbini hatte weltweit für Entsetzen gesorgt und vor allem in der arabi-schen Welt eine Welle des Protestes ausgelöst. Vereinzelt tauchten sogar Rufe nach Ver-geltung auf. Nach der Bluttat hatte die lange geplante Tournee plötzlich unter einem anderen Vorzeichen gestanden. Die Politik mischte sich ein. Die Musiker der Sächsische Staatskapelle Dresden haben das Nachsehen. Das Publikum im südspanischen, arabisch angehauchten Murcia, aber auch in der pracht-vollen Königs- und Hauptstadt Madrid feierte die Sächsische Staatskapelle Dresden. Man spielte Beethovens Tripelkonzert, Tschaikowskys vierte Sinfonie und Mendelssohns Schotti-sche Sinfonie. Als Zugabe spielte man einen der slawischen Tänze Antonin Dvoraks. Am Pult der Staatskapelle stand der 72-jährige Dirigent Herbert Blomstedt, Markevich- und Bern-stein-Schüler und beinahe so etwas wie eine Legende schon zu Lebzeiten. Der Presse-sprecher der Sächsischen Staatskapelle, Matthias Claudi: "Blomstedt ist der Staatskapelle seit nunmehr vierzig Jahre besonders verbunden, er war ja von 75 bis 85 auch Chefdirigent hier, und ist in Dresden nach wie vor ein ganz großer Name." Und nicht nur in Dresden, Herbert Blomstedt hat auch andere berühmte Orchester geleitet, unter anderem das Sinfonieorchester des Schwedischen Rundfunks, das San Francisco Sym-phony Orchestra und das Gewandhausorchester Leipzig.
"Die Dresdner Staatskapelle ist nicht irgend ein Orchester, auch nicht irgend ein gutes Or-chester, sie hat einen ganz besonderen, einmaligen Klangcharakter, ich würde auch sagen einen ganz persönlichen Charakter, das hängt damit zusammen, wie sie gewachsen ist, es hängt mit ihrer langen Geschichte zusammen und ihrem Charakter als Opernorchester, sie spielt ja jeden Tag Oper." Schon Richard Wagner nannte die heute Sächsische Staatskapelle eine „Wunderharfe.“ "Ja, das Wunderbare ist ihr ganz besonderer Klan. Das ist ein weicher Klang. Und den er-zeugen ihre Instrumente, die sie verwenden. Die Dresdner Staatskapelle spielt zum Beispiel nur deutsche Posaunen, nicht amerikanische Posaunen. Jedes deutsche Orchester spielt amerikanische Posaunen. Außer der Dresdner Staatskapelle und dem Gewandhausorchester Leipzig. Das ist etwas ganz Ungewöhnliches, Individuelles. Und diese Orchester hegen das Individuelle." Für Herbert Blomstedt und die Sächsische Staatskapelle hatte schon der Spanien-Auftakt des Gastspiels, das nach Ägypten führen sollte, eine außerordentliche Bedeutung. "Dieses kleine Gastspiel ist uns besonders wichtig, denn ich habe die Staatskapelle Dresden, als ich bei ihr Chef war, zum ersten Mal nach Spanien gebracht. Wir waren damals wie heute eingeladen vom führenden spanischen Manager, er heißt Alfonso Aijon, er ist ein wunder-barer musikalischer Gentleman und ein großer Organisator. Er bewundert die Staatskapelle schon seit seiner Jugend und seine Konzertagentur Ibermusica hat in diesem Jahr sein 40-jähriges Jubiläum. Dass gerade die Staatskapelle in diesem Jubiläumsjahr für ihn wieder da ist, ist natürlich für ihn eine Besonderheit. Und für uns, die Spanien lieben und das spanische Publikum schätzen, ist das eine große Freude, hier wieder zu sein."
Nach den drei Konzerten in Spanien wollte die Sächsische Staatskapelle eigentlich nach Ägypten weiterreisen, zu einem Gastspiel am 31. Oktober im Sayed Darwish Theater in Alexandria. Inzwischen ereignete sich der mörderische Dresdner Vorfall von Ausländerhass gegen eine Ägypterin. Sowohl das Gastkonzert in Alexandria, der Heimat der getöteten Marwa El-Sherbini, als auch das am 2. November im Opernhaus Kairo waren nun ein politisches und ein Sicherheitsproblem. Die Kairoer Tageszeitung „Al-Masry al-Yom“ schrieb, Ägyptens Kulturminister Faruk Husni habe aus Angst vor möglichen Ausschreitungen die Konzerte einstweilen verschoben. Pressesprecher Matthias Claudi: "Wir bedauern das sehr, weil wir uns wirklich sehr lange auf die Reise vorbereitet hatten und die Gastspielkonzerte in Ägypten ja die ersten Auftritte der Staatskapelle überhaupt in Afrika gewesen wären." Der Dirigent Herbert Blomstedt, ist über die politisch motivierte Blockade dieses Kulturaus-tauschs besonders traurig: "Ja sehr, in vieler Hinsicht. Traurig bin ich natürlich vor allem über diesen Vorfall in Dresden, wo ein ägyptisches Mädchen im Gericht getötet wurde von einem wahn-sinnigen Ausländer-hasser. Das ist nicht typisch für Deutschland. Und deswegen ist das so tragisch. Wir wollten ein Zeichen setzen, die die Freundschaft unserer Nationen demonstriert. Stattdessen. Es kam anders und man sieht, wie leicht Furcht und Hass entstehen können." Die Musik als Botschafterin von Frieden und Freundschaft kann, wie dieser Fall wieder einmal demonstriert, durch politische wie religiöse Instrumentalisierung als ihr Gegenteil verstanden oder benutzt werden, ohne dass es ihr Anliegen wäre. Muslimische Fanatiker hätten im gastfreundlichen, weltoffenen Ägypten womöglich leichtes Spiel gehabt, unter dem Vorwand angeblicher Racheakte die Sächsische Staatskapelle und ihr ägyptisches Publikum als Zielscheibe zu benutzen, um ihre den ägyptischen Staat destabilisierenden Interessen zu verfolgen. Die Gefahr von Protestaktionen, Störmanövern oder gar eines extremistischen Attentats konnte nicht ausgeschlossen werden. Orchesterdirektor Jan Nast: "Wir haben das Gastspiel anderthalb Jahre geplant. Dass uns die Politik sozusagen überholt hat, das ist natürlich sehr bedauerlich. Und dass der Prozess nun ausgerech-net in dieser Woche unseres Gastspiels in Dresden angesetzt wurde, wofür in Dresden natürlich keiner konnte, ist für uns tragisch, denn , genau in dieser Zeit, wo wir nach Ägypten reisen wollten, werden die Wellen der Emotionen hochgepeitscht.!
Bedauerlich ist das auch für das ägyptische Publikum! Es war neugierig auf die Sächsische Staatskapelle Dresden. Deren Aufführungen in Alexandria und Kairo sind seit langem ausverkauft. "Wie lange sie warten müssen bis zur nächsten Gelegenheit, das wissen wir noch nicht." Herbert Blomstedt wird – so hofft die Sächsische Staatskapelle - beim Nachholtermin des Gastspiels wieder dabei sein können. - Beide Seiten, Ägypten wie Deutschland, wollen so schnell als möglich die Konzerte nachholen. Doch erst einmal wird der Dresdner Prozess gegen den Mörder der Ägypterin abgeschlossen und einiges Gras über den schrecklichen Fall von Ausländerhass wachsen müssen. Matthias Claudi: "Wir werden schnellstmöglich und mit dem Veranstalter zusammensetzen, um Nachholtermine für diese Konzerte zu finden."
SWR, MDR
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