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Dieter David Scholz
Rezension |
| Pedanterie statt
Utopie oder Eine Zauberharfe ohne Zauberer
Richard Wagers "Meistersinger" in der
Neuinszenierung
Wagners "Meistersinger“ sind ein umstrittenes Werk, das zu kontroversen Deutungen Anlaß gibt. In diesem Sommer hat beispielsweise Katharina Wagner in Bayreuth für Aufregung gesorgt, weil sie eine der Figuren des Stücks, Hans Sachs, in die Nähe des Faschismus gerückt hat.
In der Dresdner Neuinszenierung hat sich Claus Guth aus dieser Debatte um die ver-meintlich präfaschistischen bzw. deutschnationalen, chauvinistischen Anteile des Stücks – die immer wieder in der Schlußansprache des Hans Sachs gesehen werden - ganz he-rausgehalten. So wie er im Grunde auch das Thema alter und neuer Kunst nicht in den Mittelpunkt seiner Inszenierung stellte. Obwohl das nun wirklich das zentrale Thema des Stücks ist! Es ging Claus Guth eher um die erotischen und emotionalen Konflikte des Stücks, vor allem aber um die Darstellung einer – wie er meint – typisch deutschen Geis-teshaltung, also der Pedanterie, der Abgeschottetheit eines minutiös verwalteten künst-lerischen und gesellschaftlichen Biotops. Es geht ihm um Darstellung einer Gemeinschaft, die sich hinter einem ausgetüftelten Räderwerk von Spiel- und Kunstregeln verschanzt.
Nun kann man das ganz historisch zeigen, aber auch zeitlos modern. Man kann das Stück aktualisieren oder bei sich belassen. Claus Guth hat das Stück natürlich, wie immer bei ihm, übersetzt, gemeinsam mit seinem Ausstatter Christian Schmidt, in eine unkonkrete Moderne des 20. Jahrhunderts. Der ganze Abend spielt in einem weißen Kasten, einer Mischung aus Konferenzzimmer, Gemeindehaus und Kinderzimmer mit übergroßen Tischen und Stühlen. Claus Guth läßt das Stück in modernen Kostümen spielen, es sind schäbige Alltagsklamotten der - sagen wir mal - Sechzigerjahre. Im Hintergrund gibt es ein großes Fenster, durch das man Videoinstallationen sieht, und zwar der Tablatur, also der Gesangsanweisungen und – Regeln. Beckmesser, der ebenso wie David als Pedant mit Ärmelschonern und Stechschritt gezeigt wird, führt bei Stolzings Vortrag genauestens Buch, man sieht das per Overhead-Projektion im Hintergrund, und – später seht man dann dort auch immer wieder eine traumhaft ins Riesenhafte vergrüßte Flieder-Blüten-rispe durch dieses Projektions-Fenster. Vor allem aber stehen dort zwölf Nürnberger Fachwerk-Häuser als Modelle auf durchsichtigen Regalen, feinsäuberlich abgestaubt und in Reih und Glied.
Es geht in den "Meistersingern" um Ordnung und Zerstörung der Ordnung, um Konven-tion und Innovation, um Traum und Wirklichkeit, um den Zusammenhang von Kunst und Leben. Um das zu versinnlichen, bedient sich Claus Guth einer Tag und Nacht-Meta-phorik. Der erste und der dritte Akt spielen bei Tag, den zweiten Akt mit der Prügelfuge verwandelt Guth in eine Art Sommernachtstraum, in dem Sachs zum Jupiterhaften Stier mutiert, David zum bösen Fuchs und Beckmesser zum Esel. Und dieser arme Beckmesser wird in der Inszenierung von Claus Guth sogar noch in (fragwürdigen) rituellen Johannis-nachts-Bräuchen entkleidet, blutig entmannt und an das Modellbauhaus Pogners gebun-den. Um dieses ganze Tohuwabohu, das Guth entfesselt, auch für den unbedarftesten Zuschauer zu verdeutlichen, stellt der Regisseur wieder einmal den Raum auf den Kopf, das hat man bei ihm schon des öfteren gesehen, und läßt als quasi-psychologisches (Freud läßt grüßen) Theater die 5 Hauptpersonen mit lebensgroßen Puppen verdoppeln. Das wirkt sehr bemüht. Solche Einfälle sind nicht neu und die Aufführung ist aßerordentlich langatmig, hat sehr viel Leerlauf und überzeugt nicht wirklich, am wenigsten der dritte Akt mit einem Müllmann als Nachtwächter, mit einer Putzkolonne auf der Quasi-Festwiese im Nachbarschaftsheim: eine Versammlung von Leuten von der Straße. Und besonders aufgesetzt wirkt der Einfall Guths, am Ende den blutüberströmten Beckmesser als Selbstmörder zu zeigen, als Opfer einer rigiden Gesellschaft. Auch darin geht Guth weit über Wagner hinaus und bleibt ihm doch vieles schuldig. Und auch dem Publikum, das seine Inszenierung mit einem Buhsturm quittierte.
Richard Wagner hat die Dresdner Staatskapelle, die damalige Dresdener Hofkapelle, einmal als Zauberharfe bezeichnet. Nur: Eine Zauberharfe spielt eben nur so gut, wie der Harfenist ist. Nur der war in Dresden alles andere als ein Zauberer: Fabio Luisi , der neue Chef der Dresdner Staatskapelle, ist schlichtweg überfordert mit den "Meistersingern" wie er meiner Meinung nach überhaupt völlig überschätzt wird als Dirigent. Er hat eine sehr langweilige und konturenlose Meistersinger-Aufführung dirigiert. Vor allem scheint er ein Hörproblem zu haben, denn er hat wie für Schwerhörige dirigiert. Der undifferenzierte Dauerlärmpegel war eine Zumutung, es gab manche Pannen im Orchester. Und durch die viel zu breite und völlig spannungslose Wiedergabe waren die sechs Stunden, die man durchsitzen musste, eine harte Prüfung. Zu allem Pech war auch die sängerische Besetzung alles andere als Vorzüglich. Es mangelte vor allem an Wortverständlichkeit. Die Wagner das wichtigste war! Der Beckmesse von Bo Skovhus war eine völlig übertriebene Ka-rikatur. Der David von Oliver Ringelhahn die überzeichnete Studie eines Pedanten, der unentwegt mit dem Zollstock herumfuchtelte. Und nicht nur er! Am Besten sang Hans-Peter König als Pogner. Alan Titus als Sachs tat sich schwer, Camilla Nylund als Eva war indisponiert, und Robert Dean Smith, der Held des Stücks, verlor ausgerechnet in seiner Traumerzählung die Stimme. Er musste in der Schlussszene gegen ein Undercover ausgewechselt werden. Auch musikalisch waren diese "Meistersinger" also eine ziemlich desaströse Veranstaltung!
Rezension im Journal am Morgen, 15.10.07, SWR 2
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