Dieter David Scholz

Buchbesprechung
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Sabine Henze-Döhring:
Friedrich der Große. Musiker und Monarch
C.H. Beck Verlag. 261 Seiten, 18,95 Euro

 

Friedrich der Große, in der Kriegsführung so virtuos wie im Flötespiel, machte Preußen zu einer europäischen Großmacht und Berlin zu einem musikalischen Zentrum. Am 24. Januar jährt sich sein Geburtstag zum 300sten Mal. Die Marburger Musikwissenschaftlerin Sabine Henze-Döhring hat pünktlich zum Geburtstag ein Buch über den "Alten Fritz" herausgebracht: "Friedrich der Große. Musiker und Monarch":  Eine Enttäuschung.

 

Als 1742 mit Carl Heinrich Grauns Oper "Cleopatra e Cesare" die neuerbaute Königliche Hofoper Unter den Linden eröffnet wurde, hatte Friedrich der Große, wie er später genannt wurde, nur zwei Jahre nach seiner Thronbesteigung, Berlin zu einem musikalischen Zentrum von europaweiter Bedeutung gemacht. Seither blickt die Welt mit Erstaunen und mit Bewun­derung auf den "Alten Fritz", der Musik als Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln prak-tizierte. Sabine Henze Döhring stellt denn auch mit bienenfleißig zusammengetragenen Details (die indes zum großen Teil schon andernorts - etwa bei Louis Schneider- zu lesen waren) den Aufstieg Preußens zur Musikmetropole dar. Wie der Kronprinz sich vor der drakonischen Zucht durch seinen Vater in seine musischen, vor allem musikalischen Anlagen rettete. Wie er 15-jährig bei einem Staatsbesuch im Dresden Augusts des Starken den Glanz der Dresdner Hofmusik erlebte, der ihn zu Künftigem inspirierte. Vor allem Johann Adolf Hasse beein-druckte ihn außerordentlich.

Schon für seine Hofkapellen in Ruppin und Rheinsberg engagierte der Kronprinz Friedrich Dresdner Musiker und schuf sich sein sein glückhaft-jugendliches Musik-Arkadien. Henze Döhring beschreibt das, trotz ihres nüchtern trockenen Stils recht anrührend. Es sind die bes-ten Kapitel in ihrem Bauch. In Berlin und in Potsdam inszenierte Friedrich der König dann große Oper und zelebrierte musikalische Hofhaltung im Sinne von Propaganda und Diplo-matie. Aus Dresden warb er - auch wenn es ihm in Falle Hasses nicht gelang - so prominente Kapellmusiker wie Johann Gottlieb Graun, Franz Benda und Johann Joachim Quantz ab. Sabine Henze Döhring stellt das alles sehr präzise dar, zählt Persönlichkeiten und Ereignisse auf, zitiert Gehaltslisten sowie Kompositionsverzeichnisse und wartet mit Unmengen von Zahlen und Namen auf. Sie bricht mit positivistischem Sammeleifer eine Lanze für Friedrich als Förderer der Musen, nicht nur der Opera seria, sondern gerade auch der Opera buffa. Und beschreibt ihn als hochmusikalischen, professionellen Impresario, der aus ganz Europa Star-Kastraten und Sänger engagierte, zu horrenden Gagen, die er aus der eigenen Tasche bezahlt. Schön und gut. Doch es gibt auch eine  Rückseite dieses sich selbst musikalisch inszenierenden Preußen.

Schon zu Lebzeiten Friedrichs der Großen waren seine allabendlichen Flöten-Konzerte in seiner Potsdamer Residenz Legende. Adolph von Menzel hat sie Mitte des 19. Jahrhunderts gemalt. Sein Gemälde zementierte endgültig das bis heute vorherrschende Bild Friedrichs als Musiker. Es ziert denn auch den Schutzumschlag des Buches von Sabine Henze-Döhring. Aber schon 1772 hatte sich der englische Musikgelehrte  Charles Burney aufgemacht, das Musikleben von Berlin und Potsdam genauer unter die Lupe zu nehmen und stellte in seinem aufschlußreichen "Tagebuch einer musikalischen Rei­se", bis heute eine der wichtigsten Quel-len der Musikgeschichtsschreibung des 18. Jahrhunderts,  Friedrich den Großen sehr kritisch dar. Er hebt zwar die Präzision, die tiefe Empfindungs- und Ausdrucksfähigkeit des Flöte spielenden Königs hervor: "sein Spiel übertraf in manchen Punkten alles, was ich bisher unter Liebhabern, oder selbst Flötisten von Profession gehört habe",  so liest man. Doch er verkniff sich auch nicht, dem preußischen Monarchen und seinem Lieblingskomponisten Quantz einen  hoffnungslos veralteten Musikgeschmack zu attestieren: Längst war ja außerhalb von Sans-souci die Musik zu neuen Ufern aufgebrochen.

Dass Friedrich der Große spätestens nach dem siebenjährigen Krieg so fortschrittliche Er­scheinungen wie Gluck, Haydn und Mozart nicht einmal wahrnahm, dass  er den Anschluss an die neuste musikalische Entwicklung verpasst hatte, seine Opern-Stars mit seinen  Ein­mischungen in musikalische Detailfragen vergraulte und vom fortschrittlichen, jugendlichen Musikenthusiasten zum alten, weltfernen Musikreaktionär und Musikdespoten mutiert war, und selbst das intellektuell aufregende, bürgerliche Musikleben Berlins ignorierte, davon liest man kaum etwas in dem Buch der Musikwissenschaftlerin. So sehr Friedrich  die Musik im Innersten geliebt haben mag, wie Sabine Henze-Döhring nicht müde wird, mit Briefen Fried­richs an seine Lieblingsschwester Wilhelmine zu belegen, so abschätzig und herablassend be­handelte er sie letztendlich, selbst den Großen Johann Sebastian Bach, der für ihn  das "Musikalische Opfer" komponierte.

Innovative Musiker wie Carl Philip Emanuel Bach oder Carl Friedrich Christian Fasch, den Gründer der Berliner Singakademie, zu schweigen von seinem letzten Hofkapellmeister der Oper, Johann Friedrich Reichardt waren König Friedrich suspekt. Er behinderte sie eher, als dass er sie förderte. Auch davon liest man kaum etwas in dem Buch  Sabine Henze-Döh-rings. Bei allem anerkennenswerten Fleiss in ihrer Materialausbreitung und Quellen­auswer-tung: sie recherchierte etwas einseitig. Ihre Haltung ist distanzlose Bewunderung. Den Mut, die längst überfällige, dialektisch-differenzierte, kritische Darstellung des umstrittenen Musi­kermonarchen Friedrich zu schreiben, hatte sie nicht. Schade. Auf dieses Buch muss man also weiterhin anwarten. Hoffentlich nicht bis zum nächsten runden Gedenktag.

 

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