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Dieter David Scholz
Kritik Ohne Helm und Brünne. Es darf gelacht
werden. Nach dem "Rheingold", das am 15. Juli 2006 herauskam, fand am 15. 04. 2007 mit "Der Walküre", dem ersten Tag von Richard Wagners Bühnenfestspiel "Der Ring des Nibelungen", der "Ring in Weimar" seine mit Spannung erwartete Fortsetzung. Unter der musikalischen Leitung von Generalmusikdirektor Carl St. Clair, dem designierten GMD der Komischen Oper Berlin, hob sich um 17 Uhr, im großen Haus der Vorhang für die Premiere des zweiten Teils der Tetralogie in der Inszenierung von Operndirektor Michael Schulz. Mit der JENOPTIK AG als Hauptsponsor wird bis Juli 2008 der Zyklus abgeschlossen und dann erstmals nach fünfzig Jahren auf der Weimarer Bühne wieder als Ganzes aufgeführt. Keine Luftrösser und auch keine kriegerischen Mädchen mit Helm und Brustpanzer reiten durch die Lüfte beim "Walkürentritt" im dritten Akt der Neuinszenierung der "Walküre" am Deutschen Nationaltheater in Weimar. Operndirektor Michael Schulz und designierter In-tendant in Gelsenkirchen, zeigt stattdessen acht quietschfidele Mädchen in weißen Nacht-hemden, die in ihren Doppelstockbetten herumturnen. Es ist eine regelrechte Kissenschlacht, in die der martialische Marsch der Wotanstöchter, ausartet, ohne alles Pathetische, dafür so amüsant, wie man ihn nie zuvor erlebte. Schon zu Beginn des zweiten Aktes marschierten die Walküren in weißen Dirndln zum Vergnügen des Publikums auf. Alles Teutonisch Schwere hat man dem Weimarer Ring ausgetrieben. Es darf gelacht werden. Wagner zum Amüsieren. Der Weimarer „Ring“, dessen erster Teil, das Rheingold, im Juli vergangenen Jahres Premiere hatte, ist kein germanisches Mythendrama, sondern Familiensaga, Politthriller und Mythen-entwurf aus dem Menschlich-Allzumenschlichen heraus entwickelt, aus dem Alltäglichen, das spielerisch, theatralisch die große Wagnersche Geschichte von der Welt Anfang und Ende in heutigen Bildern erzählt. Kinderfamilienzauber ist es, den Michael Schulz entfesselt, auf prak-tisch leerer Bühne, ganz ohne Theaterqualm, ohne Feuerprojektionen und all das, was man sonst in Wagnerinszenierungen sieht. Eine weiße, aufschiebbare Wand, ein kleiner Steg, das ist szenisch alles. Doch die plausible Personenführung, mit fein ausgearbeiteten Blicken, Gesten, Berührungen gibt den Blick frei auf die moderne Psychologie des Stücks (der die Kostüme von Renée Listerdal entsprechen). Für die Todverkündigung der Wotanstochter öffnet Ausstatter Dirk Becker hinter der weißen Schiebewand den schwarzen, leeren Raum für einen Laufsteg bis zur Hinterbühne, auf dem, vor leuchtend weißem Rechteck, Catherine Foster in der Rolle der Brünnhilde ihren großen Auftritt hat.
Catherine Foster erweist sich als sehr menschliche, und doch großformatige Brünnhilde. Aber nicht nur sie, das ganze Ensemble des Deutschen Nationaltheaters Weimar - mit Christian Elsner als brauchbarem Siegmund und Nicola Beller Carbone als schöner, hochdramatischer Sieglinde (leider mit Nachlässigkeiten in der Textbehandlung) - hat diese zweite Bewäh-rungsprobe der neuen „Ring“-Produktion glänzend bestanden, auch wenn der veritable Wotanbariton Renatus Mészár bei der Walküren-Premiere ein wenig indisponiert war. Großartig sein Spiel. In der Schlußszene macht die Intensität der Vater-Tochter-Ausein-andersetzung auch vor handgreiflicher Aggression nicht halt. Wotan schlägt und küßt Brünnhilde, seine "Wunschmaid", bevor er ihr in anrührender Intensität - wissend, wer sie einst erwecken wird - ein weißes Brautkleid schenkt, mit dem sie in Schlaf gelegt wird.
Den ringförmigen Kreislauf des Familienschicksals, das sich in diesem „Ring“ über Genera-tionen hinzieht, betont die Weimarer Dramaturgie (Wolfgang Willaschek). Die Besetzungs-politik folgt ihr mit Rollenwechseln der Sänger. Das mag man interessant finden, oder auch getrost nicht. Überzeugend ist jedenfalls die Regie mit ihrer darstellerischen Ironie, dem vitalen Körperspiel und der Verknüpfung der Szenen und Abende mit Querverweisen. So treten schon in dieser "Walküre" drei kleine Mädchen auf, mit einer Nornenszene, dem Kom-positionsentwurf von Wagners Ur-„Ring“, „Siegfrieds Tod“ entnommen. Verweise auf das Kommende. Man darf gespannt sein auf den weiteren Teil dieser "Ring"-Schmiede im kommenden Jahr, zumal auch die Leistung der Staatskapelle Weimar unter Leitung des Dirigenten Carl St. Clair, dem noch amtierenden GMD des Hauses (und künftigem Chef der Komischen Oper Berlin) mehr als nur respektabel ist. Selten hat man den "Zirkus Walküre" (Nietzsche) so unzirkushaft empfunden. St. Clair läßt sich Zeit, leuchtet die Partitur subtil aus, macht den Klang transparent und läßt die Farben beinahe impressionistisch aufblühen. Die Sänger müssen nicht schreien und dürfen bis an den Rand des Flüsterns dem Text gerecht werden wie selten. Szenisch wie musikalisch ein Glücksfall, diese Weimarer „Walküre“, auch wenn dem Zuschauer gelegentlich Rätsel aufgegeben wurden. Warum beispielsweise ist Grane, das "Ross" Brünnhildes, eine alte Frau, die Brünnhilde wie eine runzlig-weißhaarige Kammer-jungfer zur Hand geht? Sei´s drum, ein großer Wurf ist der ansonsten bewegende Abend allemal! Und ein großer Publikumserfolg. NDR-Kultur, 16.4.2007
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