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Dieter
David Scholz
Rezension
Richard Wagner
Sämtliche Werke / Band 31: Dokumente und Texte zu unvollendeten Bühnenwerken
Hrsg. Von Isolde Vetter und Egon Voss
Schott Musik International, Mainz 2005. 352 S., 270,- €
Der unbekannte Wagner
Die zehn Opern und
Musikdramen vom „Fliegenden Holländer“ bis zum „Parsifal“ gelten als
Richard Wagners eigentliches Werk. Diesen bis heute für Bayreuth gültigen
Kanon hat der Komponist in einem Brief an Ludwig II. vom 18. November 1882
festgelegt. Aber es gibt bei Wagner noch ein Werk neben dem offiziellen
Werk. Schon in seinen frühen Opern, „Die Feen“, „Das Liebesverbot“ und „Rienzi“
bekennt sich Wagner zur Comedia dell´ Arte, wie Carlo Gozzi sie verstand,
zu Shakespeare und zur römischen Historie. Noch nichts ist da von deutschem
Mittelalter, nordischem Nebel, Göttern und Helden, von altgermanischer
Mytho-logie oder pseudoreligiösem Erlösungsgedanken. Ganz und gar
diesseitig, ja europäisch er-scheint Wagner, wenn man all jene Bühnenwerke
dazu nimmt, die er geplant, begonnen, ein Stück weit ausgeführt, aber nicht
zum Abschluß gebracht hat. Wagner hat, nicht zu vergessen, die meiste Zeit
seines Lebens im europäischen „Ausland“ gelebt. Er hinterließ mindestens so
viele unvollendete wie vollendete Stücke. Sie waren ihm wichtig, denn er
wollte sie in seine „Gesammelten Schriften und Dichtungen“ aufnehmen. Es
gelang ihm aber nicht, seiner Texte, die er verschenkt oder weggegeben
hatte, wieder habhaft zu werden. Erst jetzt liegen sie, ergänzt um
aufschlußreiche Texte, Dokumente und entstehungsgeschichtliche Kommentare in
bisher nicht dagewesener Vollständigkeit vor. Die Begegnung mit einem
weithin unbekannten Wagner verblüfft denn auch. Sein geistiger Horizont ist
weiter, als die meisten Wagnerianer auch nur ahnen. "Die Sarazenin" ist
eines der vierzehn unvollendeten Werke Wagners, die Egon Voss und Isolde
Vetter gemeinsam mit ihren Mitarbeitern veröffentlicht haben. An
wissenschaftlicher Gründlichkeit läßt das Buch keinen Wunsch offen. Es
offenbart einen schlechthin „anderen“ Wagner. Er begegnet einem als
Verfasser eines buddhistischen Weltentsagungsdramas „Die Sieger“. Er schrieb
es während seines Schweizer Exils, kurz bevor er den „Tristan“ anging, was
zu denken gibt. Die Fragmente zu den Opern „Jesus von Nazareth“ und „Achilleus“
verweisen bereits auf das quasireligiöse Weltab-schiedswerk „Parsifal“. Dass
Wagner aber auch zu heiterem Umgang mit Glaubensfragen fähig war,
demonstriert der Prosaentwurf zum geplanten Lustspiel „Luthers Hochzeit“.
Dagegen sollte schon die Urfassung des Nibelungenrings, „Wieland der
Schmied“, eine Hel-denoper werden. Wer je an Wagners komödiantischen
Ambitionen zweifelte, wird vom Text seiner komischen Oper, „Männerlist
grösser als Frauenlist oder Die glückliche Bärenfamilie“ frei nach den
Erzählungen aus „Tausendundeiner Nacht“ endgültig eines besseren belehrt.
Auch das einaktige „Lustspiel“ aus dem Jahre 1868, eine Neujahrsposse, hat
Wagner „gegen ernste Verstimmung“ geschrieben. Der frühe Prosaentwurf der
Oper „Die Bergwerke zu Falun“ zeigt ihn als Romantiker im Fahrwasser E. T.
A. Hoffmanns. Dagegen ist das „Lustspiel in antiker Manier“, frei nach
Aristophanes, „Eine Kapitulation“, eine bösartige Abrechnung mit dem
Deutsch Französischen Krieg, mit Paris und mit Jacques Offenbach, der sogar
in dem Stück auftritt. Zweifellos ein Dokument von Wagners chauvinistischer
Seite, die nicht seine sympathischste ist. Wie auch immer: Mit diesem Band
gewinnt das bislang vorherrschende Bild von Richard Wagner entschieden an
Facetten und Farben, an Kontur und Schärfe. Ein eminent wichtiges Buch!
Opernwelt, Das Orchester

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