Dieter David Scholz 

Porträts/Nachrufe

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Nachruf auf Elisabeth Schwarzkopf

 

 

Nun ist sie nicht mehr da. Elisabeth Schwarzkopf ist tot. Im österreichischen Schruns, wo sie zuletzt lebte,  ist sie nun im Alter von 90 Jahren gestorben. Die am 9. Dezember 1915 in Jarotschin, Posen geborene Olga  Maria Elisabeth Frederike Schwarzkopf war  eine der größten Sopranistinnen des 20. Jahrhunderts ohne Frage und eine unanfechtbare sängerische, auch gesangspädagogische Autorität. Mehr noch, sie war längst eine lebende Legende, ein Mythos, eine Kultfigur des Gesangs. Als letzte Tempelhüterin "deutscher" Gesangskultur hat sie sich denn auch verstanden. Sie war eine Hohepriesterin der Musik, von der sie meinte, sie sei "eine heilige Kunst". 

Sie hat Anspruch darauf, als die Grand Dame des deutschen Gesangs zu gelten, gewiss. Ein Idol an Gesangskultur, das mehr denn je in den Zeiten des Niedergangs derselben als Maßstab und Orientierungspunkt gelten sollte. Keine Frage: Elisabeth Schwarzkopf ist die letzte noch lebende Legende der deutschen Gesangkultur! Um so bedauerlicher, dass sie seit Jahren einsam, verbittert und überschattet von ihrer braunen Vergangenheit der Welt abhanden kam. Sie lebte zuletzt sehr zurückgezogen und etwas gebrechlich in den Bergen Österreichs. 

Es wäre nicht nur ungalant, sondern töricht, einer Neunzigjährigen die Fehltritte ihrer Jugend vorzuwerfen. Vorausgesetzt, sie selbst hätte längst Rechenschaft abgelegt und mit ihrer Ver-gangenheit aufgeräumt. Doch eben das hatte die große Elisabeth Schwarzkopf leider nie getan. Dabei hätte sie es sich leisten können! Daß vor gut zehn Jahren eine vorschnell als Ent-hüllungsbuch gebrandmarkte, in England erschienene Biographie für nachhaltige Schlagzeilen in den Feuilletons sorgte, ist verständlich.

Was versierten Elisabeth Schwarzkopf-Kennern längst bekannt war, und was man von einigen ihrer Kollegen, die mit ihr auf der Bühne standen, erfahren hatte, zumindest als Ge-rücht, ist seit 1996 auch für die Öffentlichkeit schwarz auf weiß dokumentiert: daß auch die große alte Dame des Liedgesangs, die Meisterin subtilster Stimmfarben und maniriertester Gesangsperfektion, daß auch sie verstrickt war ins schäbige Netzwerk der NS-Musikpolitik.  Dabei ging es dem Biographen Alan Jefferson, intimer Schwarzkopf-Kenner und langjähriger Freund ihres Mannes Walter Legge, nicht im geringsten darum, ein Idol zu zerstören oder ein lebendes Denkmal vom Sockel zu stoßen. Er wollte lediglich darauf hinweisen,  daß auch Elisabeth Schwarzkopf, noch 1992 von der Queen zur "Dame of the British Empire" geadelt, eben kein Beispiel dafür ist, daß die Musik eine hehre, eine unpolitische, eine "reine" Kunst sei.

Sie selbst hat in einem temperamentvollen Gespräch mit mir die Musik einmal als „eine heilige Kunst“ bezeichnet und sich selbst gewissermaßen als keusche, aufopferungsvolle Tempel-dienerin derselben definiert. Gewiss, sie hat in schwerer Jugend – mitten in Kriegszeiten – manches geopfert. Ganz sicher ihr privates Glück. Aber ihre jugendliche Eitelkeit hat sich zum Mitmachen korrumpieren lassen. Die 25-jährige Elisabeth Schwarzkopf war 1940 fest ent-schlossen, Karriere zu machen. Veranlaßt durch den Medienrummel seit Erscheinen der Biographie, hat sie selbst öffentlich eingestanden, daß sie 1940 den Beitritt zur NSDAP beantragt habe, allerdings nur, "auf Verlangen der Intendanz des Opernhauses Berlin" sowie auf Wunsch Ihres Vaters, der seinen Beruf verloren habe, weil er nicht Parteimitglied gewesen sei. Das ist jedoch nur die halbe Wahrheit, denn wie Jefferson hieb- und stichfest belegt (er wertet zahlreiche Interviews, Memoiren, Berichte, historische Presseveröffentlichungen, wichtige Theater­archive und Material aus dem Berliner Document Center aus), war Elisabeth Schwarzkopf ein durchaus engagiertes Mitglied der Hitler-Partei und offenbar eine ergebene Dienerin Goebbels, der von ihrer Schönheit fasziniert war und ihr den Weg ebnete an die großen Bühnen, vor allem an die Wiener Staatsoper. Als Gegenleistung spielte sie Hauptrollen in NS-Propaganda Filmen, unterhielt SS-Einheiten an der Ostfront und wurde Führerin in der NS-Studentenvereinigung. Das geht ohne Frage über eine zu entschuldigende "Formsache", die man als schlichte Überlebensnotwendigkeit abtun könnte, hinaus. So unverständlich ist das natürlich nicht. Anderen ging es damals nicht anders. Nur: warum hat sie es nie bekannt?

In Alan Jeffersons fleißig und gewissenhaft recherchierter Biographie kann man nachlesen, dass die Schwarzkopf im Grunde nur ein besonders prominentes Beispiel dafür ist, daß auch außerhalb jedes Verdachts liegende Künstler der Versuchung opportunistischer Liebedienerei und politischer Mitläuferschaft im Dritten Reich nicht widerstehen konnten, wenn es um die Karriere ging. Ein typischer Fall von Karriereehrgeiz jener Zeit. Und die 25-jährige Elisabeth Schwarzkopf war 1940 fest entschlossen, Karriere zu machen. Veranlaßt durch den Medien-rummel seit Erscheinen der Biographie, hat sie selbst öffentlich eingestanden, daß sie 1940 den Beitritt zur NSDAP beantragt habe, allerdings nur, "auf Verlangen der Intendanz des Opernhauses Berlin" sowie auf Wunsch Ihres Vaters, der seinen Beruf verloren habe, weil er nicht Parteimitglied gewesen sei. Das ist jedoch nur die halbe Wahrheit, denn wie Jefferson hieb- und stichfesten belegt (er wertet zahlreiche Interviews, Memoiren, Berichte, historische Presseveröffentlichungen, wichtige Theaterarchive und Material aus dem Berliner Document Center aus), war Elisabeth Schwarzkopf ein durchaus engagiertes Mitglied der Hitler-Partei und offenbar eine ergebene Dienerin Goebbels, der von ihrer Schönheit fasziniert war und ihr den Weg ebnete an die großen Bühnen, vor allem an die Wiener Staatsoper. Als Gegen-leistung spielte sie Hauptrollen in NS-Propagandafilmen, unterhielt SS-Einheiten an der Ostfront und wurde Führerin in der NS-Studentenvereinigung. Das geht ohne Frage über eine zu entschuldigende "Formsache", die man als schlichte Überlebensnotwendigkeit abtun könnte, hinaus. Der Parteieintritt, das weiß auch Jefferson, war ein naheliegender Schritt für jeden Künstler im Dritten Reich, aber kein notwendiger! Als Beispiel nennt er die 110 Musiker der Berliner Philharmoniker, von denen lediglich acht in der Partei gewesen seien.  Es ging eben auch anders!

Bei aller Betroffenheit über die Enthüllungen der Mesaliance einer Karrieristin mit den Nazis, darf nicht übersehen werden, daß dieses braune Kapiel nur eines von vielen ist im Leben der großen Sängerin. Die künstlerische Entwicklung, aber auch die internationale (kommerzielle) Karriere Elisabeth Schwarzkopfs, die vor allem durch den EMI-Produzenten Walter Legge initiiert wurde, der die bis heute unübertroffenenen discographischen Schätze anlegte und die Sängerin, die seine Frau wurde, vom Koloraturfach, das sie in Berlin vor allem sang, zum Lyrischen und zum Liedgesang hinführte, ist bewundernswert.  Man lese die minutiöse Auf-listung sämtlicher Auftritte der Sängerin, von ihrem Bühnendebüt an der Deutschen Oper Berlin im Jahre 1938 als Blumenmädchen in Wagners "Parsifal" bis zu ihrem letzen Lieder-abend im Jahre 1979 in Zürich bei Jefferson nach. Sie nötigt Respekt ab, auch vor der harten Selbstdisziplin, die Elisabeth Schwarzkopf auszeichnete. Die Zahl ihrer monatlichen Büh-nenauftritte, aber auch ihrer Rollendebüts in den Vierziger- und Fünfzigerjahren ist schlicht-weg enorm. Ihre Schallplatten gehören zu den diskographischen Schätzen der EMI, deren einstigen Produzenten und Direktor, Walter Legge sie 1953 geheiratet hatte. 1946 hatte sie ihm vorgesungen, er hat sie unter Vertrag genommen, als Liedsängerin aufgebaut, für eien britischen Pass und die nötige neue britische Identität, manche sagen "saubere Weste" gesorgt. Die Schwarzkopf wurde zum Weltstar in Sachen Mozart, Richard Strauss und Deutsches Lied.

Ihre Möglichkeiten und Grenzen kannte sie genauestens. Sie wußte, was sie sich zumuten durfte und dem Publikum schuldig war. Um so imposanter das Fazit ihrer mehr als 41 Jahre währenden Sängerlaufbahn: 453 Orchesterkonzerte, 984 Liederabende und 1223 Opernauftritte. Das nötigt einem Respekt ab.

Präzision und Schonungslosigkeit kennzeichneten ihre Arbeitshaltung. Sie war gnadenlos gegen andere und gegen sich selbst. Ihre Schüler mussten nicht selten "Stahlgewitter" über sich ergehen lassen. Sie selbst brachte sich im unerbittlichen Dienst an der Musik um das, was man gemeinhin "Lebensglück" nennt. Die Schwarzkopf als Mensch blieb auf der Bühne wie im Privaten hinter der Maske blauer Augen, blonden Haars und primadonnenhaft-charmanten Lächelns verborgen. Ihre eigentliche Identität war ihr bestgehütetstes Geheimnis.  Womöglich vor sich selbst.  Sie war in den letzten drei Jahrzehnten geprägt von Angst (vor Entdeckung eben dieses Geheimnisses und ihrer Vergangenheit), Einsamkeit und Verbitterung. Der Umgang mit ihr war sehr schwierig. Sie konnte einem leid tun, denn die böse, alte Frau hatte auch weiche, liebenswerte Seiten. Zu schweigen von ihrer bewundrnswerten Kunst. Aber sie stand sich wohl selbst im Wege mit dem lebenslangen Ehrgeiz zur unbedingten Karriere, zur Selbststilisierung. Verglichen mit ihren großen, ebenbürtigen Kolleginnen shien sie mir de einzige noch lebende wirkliche Primadonna zu sein. (Siehe mein buch "Mythos Primadonna"). Elisabeth Schwarzkopf wa eine tragische Erscheinung.

Bei aller Betroffenheit über die unbewältigten braunen Schatten in der Biographie dieser Jahr-hundertsängerin, bleibt am Ende doch Hochachtung vor der beispiellosen Härte gegen sich selbst und der bewundernswerten Leistungsfähigkeit einer Sängerin. 

Es wäre ebenso töricht, als Hörer ihrer CDs die unangenehmen Entdeckungen Jeffersons, die Schwächen und Schattenseiten, die Fehltritte und oppoortunistischen Seiten der Neunzig-jährigen ignorieren zu wollen. Zumal sie selbst an Kritik gegenüber ihren Kollegen und Schülern nicht sparte. Sie selbst hat in öffentlichen Meisterklassen Sänger nicht selten per-sönlich derart gekränkt und fertiggemacht, dass sie vor Publikum weinend vom Podium ging-en. Andererseits hat, auch das muß gesagt werden, Elisabeth Schwarzkopf  manchen jungen Sängern unbezahlbare wie unentgeltliche – und öffentlich verschwiegene - Hilfestellung ge-geben.  Viele ihrer Schüler haben Karriere gemacht: Renée Fleming Thomas Hampson, Matthias Goerne, Uwe Heilmann, Martina Rüping ...

Daß sie ausgerechnet Herbert von Karajan (mit dem sie in den Fünfzigerjahren einige bis heute unübetroffene Platteneinspielungen aufnahm), keine übermäßige Wertschätzung entge-genbrachte, verblüfft, wenn es auch nicht verwundert. Mir selbst vertraute sie einmal an: „Würde ich in seinem Falle die Wahrheit sagen, wäre er vernichtet“. Und in ihrem Falle? Antinomien einer großen Sängerin.

Der Mythos Elisabeth Schwarzkopf bedarf ganz sicher einer Korrektur. Dazu bedarf es aller-dings des Abstandes. Daß die in künstlerischen Fragen durchaus selbstkritische Elisabeth Schwarzkopf nach dem Krieg vor den alliierten Spruchkammern jede politische Verstrickung mit den Nazis abstritt, durch Anwälte diese Falschaussage zwar entschuldigen ließ, aber bis heute ihr wahre Vergangenheit verschleiert, gereicht der großen alten Dame nicht zum Ruhme. Sie selbst hätte durch unheroisches Bekennen ihrer Zeitverstrickung, die so untypisch ja nicht war, allen biographischen Enthüllern ihrer "Jugendsünden" schon vor Jahrzehnten den Wind aus den Segeln nehmen und sich den menschlichen Imageverlust ersparen können. Ihre künstlerische Singularität wäre dadurch kaum in Frage gestellt worden. 

Sie bleibt in der Erinnerung die Grande Dame und letzte Grossmeisterin  des artifiziellen, im-mer an der Grenze zum Manierismus lavierenden, aber durch und durch beherrschten, in jedem Tone reflektierten Singens. Bleiben wird auch ihr Schallpattenvermächtnis. Die Marschallin im „Rosenkavalier“ war ihre Schicksalspartie. Wohl kaum eine Sängerin ist seither derart mit einer Partie identifiziert worden wie sie. Aber auch kaum eine hat sie derart kunstvoll und beseelt gesungen. Es war kein Zufall, daß sich Elisabeth Schwarzkopf 1972 mit der Marschallin in Brüssel von der Bühne verabschiedete, bevor sie 1979 ihren letzten Liederabend in Zürich gab.

Das Überragende der Gesangskultur Elisabeth Schwarzkopf wird gerade in dieser Aufnahme zum Ereignis: sie hat mit subtilsten Wortnuancierungen und einer breiten Palette von psycholo-gisierenden Klangfarben gesungen, hat bis in feinste Verästelungen zu charak­terisieren und zu gestalten vermocht. Ihre Phrasierungskunst ist atemberaubend, ihre Stimm­führung bis an den Rand des Flüsterns geradezu kühn. Keiner hat ihr das nachgemacht bis heute. Wer wagte es, ihre Kunst eines artifiziellen, immer an der Grenze zum Manierismus lavierenden, aber durch und durch beherrschten, in jedem Tone reflektierten Singens zu imitieren? Was Wunder, daß sie zur Kultfigur vollendeter Gesangskultur avancierte.