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Dieter
David Scholz
Rezension

Politische Mozart-Offenbarungen
Helmut Perl: Der Fall Mozart
Aussagen über ein missverstandenes Genie
Atlantis Musikbuch. 322 S., geb., mit Abbildungen,
Zürich/Mainz 2005.

Im Mozartjahr 2006, in dem sich der Geburtstag des
Komponisten zum 250. Male jährt, hat sich eine wahre Flut an neuer
Mozart-Literatur schon jetzt auf den Buchmarkt ergossen. Eines der am
wenigsten wahrgenommenen, aber wichtigsten Bücher heißt „Der Fall Mozart“
und stammt aus der Feder von Helmut Perl.
Mit Mozarts „Zauberflöte“
begann eigentlich das Interesse des Autors Helmut Perl am „Fall Mozart“. Vor
vier Jahren hat er sein erstes Mozartbuch geschrieben, eben über den „Fall
Zauberflöte“. Eine intelligente wie brisante Studie über das populärste,
aber auch am meißten missverstandene Werk Mozarts. Ob Schikanedersche
Maschinenkomödie, Zauberoper, Mysterienspiel oder Machwerk: Helmut Perl,
seines Zeichens Orgelrevisor in Norddeutsch-land, Cembalist,
Musikinstrumentenbauer und promovierter Musikwissenschaftler hatte
berechtigte Zweifel an den herkömmlichen Interpretationen der Zauberflöte.
Er dechiffrierte sie vor dem Hintergrund der Französischen Revolution, nach
genauer Analyse der Urauffüh-rungsbühnenbilder und Recherchen über Mozarts
freimaurerische Tätigkeit als gesellschafts-politische Allegorie, als
aufklärerische Parabel.
„Die Oper ist meiner
Ansicht nach eine Darstellung der Illuminatenideologie als Produkt der
Spätaufklärung, die sehr starke kirchenkritische Züge hatte.“
Die Illuminaten waren eine
spezielle Spielart des Freimaurertums, die Kirchen- und Adels-kritik, Kritik
der bestehenden Verhältnisse mit sozialethischen, humanitären, aufklärerischen Idealen verband. Mozart war nachweislich Mitglied einer
Wiener Illuminatenloge. Er wurde am 14. Dezem-ber1784 in die Wiener Loge
"Zur Wohltätigkeit" aufgenommen, bald zum Gesellen und ein Jahr später schon
zum Meister befördert. Im Wien der Mozartzeit war ein Großteil der
Intellektuellen und Künstler freimaurerisch aktiv. Nicht nur in Wien. Auch
Herder, Goethe und Pestalozzi waren Illuminaten.
„Man kann sagen, die ganze
deutsche Intelligenz war Mitglied in diesem Orden. Und diese Illuminaten
haben in Wien gearbeitet Ab 1785 wurden die Illuminatenlogen in München
zerschlagen, und in Wien verboten. Von diesem Punkt an gingen die
Illumi-naten in den Untergrund „
Auch Helmut Perl hat im Untergrund,
will sagen in den Schatz- und Beinhäusern der Archive und Bibliotheken Wiens
und Münchens nachgeforscht und wie kein anderer Mozart-Autor vor ihm Schluß
gemacht mit vielen falschen, verklärenden Aussagen über den Mythos Mozart.
Er hat vor allem Schluß gemacht mit der Mär vom angeblich unpolitischen
Mozart und ordnet den Komponisten systematisch in die politische Szene
seiner Zeit ein. Was hat der Komponist gelesen? Wer waren seine Freunde?
Worüber haben sie gesprochen? Unter welchen politi-schen Umständen
entstanden seine Werke?
Das Ergebnis Helmut Perls ist eine
brilliante Analyse des Wiener Kulturkampfs zur Zeit Kaiser Josephs II und
seines reaktionären Nachfolgers Leopold. Erbarmungslos zeigt er de Einfluss
der katholischen Kirche auf und macht deutlich, wie sie durch unsinnige
Dogmen das Volk dümmer machte als es war, und wie sie es in Schach hielt.
Wer beispielsweise, so erfährt man, ein Amt erlangen, eine staatliche
Prüfung ablegen oder heiraten wollte, mußte auf die unbe-fleckte Empfängnis
Mariens schwören. Wer dies nicht tat, wurde als Staatsfeind behandelt und
ins Irrenhaus gesteckt. Dumme und anmaßende Prediger versetzten das Volk mit
Höllen-visionen in Angst und Schrecken, um ihm leichter Ablässe,
Fieberwasser, Walpurga-Öl, Ni-kolai-Brot, Ignatius-Bohnen, Lukaszettel,
geweihte Zweige, Reliquien und andere Devotio-nalien zu verkaufen.
All dem
versuchte Joseph II. durch Bildungs- und Rechtsreformen ein Ende zu machen,
als Mozart nach Wien kam. Doch die kaiserliche Reformpolitik erhielt zweimal
einen emp-findlichen Rückstoß und wurde schließlich zurückgenommen: 1785/86
als die außenpolitischen Probleme prekär wurden und sich der Kaiser einen
Kirchenkampf im Innern nicht leisten konnte und 1789/90 durch die
Französische Revolution. Der Klerus prophezeite dem Kaiser, dass die
Auflösung der geistlichen Bande zu einer Entfesselung zerstörerischer Kräfte
im Staate führte. Mozart und seine Freunde wurden mit den Lynchmördern von
Paris auf eine Stufe gestellt. Die Kirche hetzte in Pamphleten gegen die
Wiener Aufklärer, die sich nicht wehren konnten, da die Zensur wieder
verschärft worden war. In diesem Moment schrieb Mozart „Die Zauberflöte“:
„In diesen heil´gen Hallen, kennt man die Rache nicht“ sollte dem Publikum
sagen: wir sind keine Mörder nach Pariser Vorbild. Die Kleriker verleumden
uns: in der Königin der Nacht und ihren drei Damen sind sie dargestellt.
Helmut Perl erklärt in seinem Buch
nicht nur die Zauberflöte als politisches Stück, er schlägt ein Kapitel
Wiener Geistes- und Politikgeschichte auf, das – gerade im Zusammenhang mit
Mozart – immer überlesen wurde. Er macht deutlich, was Aufklärung zur
Mozartzeit konkret meinte und er nennt die Repräsentanten der
Gegenaufklärung, die verbrecherischen Jesuiten und die unter ihrem Einfluß
Stehenden. Schonungslos entlarvt er aber auch die größtenteils auf
unhaltbaren Behauptungen basierenden Mutmaßungen selbst namhafter
Mozartforscher.
Helmut Perl wirft viele Frage auf. Und er gibt viele
Antworten. Vor allem auf den seit 1791 ungelösten Kriminalfall des
rätselhaften Todes Mozarts und des Verschwindens seiner Lei-che. Für alle
Mozart-Kriminalisten gilt, was der Helmut Perl nach akribischem Vergleich
aller Mozart-Biographien feststellte:
"Nicht ein einziges der als faktisch unvermeidlich
und damit unwiderleglich hinge-stellten und als Tatsachen vermuteten und
dargestellten Ereignisse kann belegt werden."
Ob Eifersuchtsdramen, Giftmord,
Quecksilbervergiftung wegen Eigenbehandlung einer Sy-philis – vor einigen
Monaten erst die These Ludwig Köppens in dem Buch „Mozarts Tod“ - oder was
sonst an zum Teil absurden Theorien in der Mozartliteratur herumgeistert.
Viel spricht für die Hypothese Perls,
daß nach der "Zauberflöte", die er als Kampfansage des radikal
aufklärerischen Illuminaten Mozart an Adel und Klerus dechiffrierte, daß
nach dem gewagten „Titus", den die Kaiserin als "porcheria tedesca"
bezeichnete, die "Begräbnisrea-ktion" von Adel und Klerus zum Racheschlag an
Mozart ausgeholt habe. Mozart sei exkom-muziert worden, ihm sei ein
anständiges Begräbnis verweigert, und er sei schließlich, ange-führt vom
reaktionären Kaiser Leopold, der für seine gnadenlose und grausame Hatz auf
die Illuminaten bekannt war, unterstützt von den Jesuiten, unter deren
starkem Einfluß die Kaiserin stand, schnell und anonym unter die Erde
gebracht worden. Helmut Perl präsentiert nie zuvor gelesene Quellen, seine
Argumentation ist einleuchtend und er entlarvt auf einen Schlag die ganze
Mozart-Tradition als Mißverständnis.
Helmut Perls Buch ist eines der
ernsthaftesten und wichtigsten Bücher, die über Mozart ge-schrieben wurden.
Ein geradezu sensationelles Buch, das scharf schießt gegen jede Art von
falscher Mozart-Beweihräucherung, das aufräumt mit vielen falschen
Mozart-Klischees und –Legenden und das anregt, jenseits aller Verklärungen,
übrigens auch Josephs II., über die rebellische Persönlichkeit und das
geradezu subversive Werk Mozarts neu nachzudenken. Der Mozart-Forschung galt
Helmut Perls Leben, auch wenn er nicht zum Kreis der führenden
Mo-zartforscher gehörte. Aber was heißt das schon? Vor einem Jahr ist Helmut
Perl gestorben. Sein Buch hat er noch abschließen können. Es ist sein
Vermächtnis. Und keiner, der sich ernsthaft für den politischen Mozart und
die Wiener Aufklärung interessiert, kommt an diesem Buch vorbei!
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