| HOME | Dieter
David Scholz
Rezension DVD Mozart in der Bronx
Er galt in den Achtzigerjahren als enfant terrible unter den Opern-Regisseuren: der 1957 in Pittsburgh/Pennsylvania geborene Peter Sellars. Vor allem mit seinen aktualisierenden Inze-nierungen der Da Ponte-Opern Mozarts hat er in den Achtzigerjahren nicht nur Aufsehen, sondern auch die Gemüter heftig erregt. Jetzt sind diese drei beispielhaften Produktionen von „Don Giovanni“, „Le Nozzi di Figaro“ und „Cosi fan tutte“ im Vorfeld von Mozarts 250. Geburtstag, auf DVD erschienen. Nicht in Sevilla, wie es das Libretto will, nicht in einer edlen Brenta-Villa im Veneto, wie es manche Regisseure wollen, und schon gar nicht im achtzehnten Jahrhundert, in dem „Don Giovanni“ eigentlich spielt, zeigt Peter Sellars in seiner Inszenierung, sondern in New York, in der Bronx des Elendsviertels Spanish Harlem. Er hat aus dem Don Giovanni - eine „bad soap opera“ gemacht. „Die Stadt, der Tod und der Müll“ könnte man sie übertiteln. Don Giovanni ist ein schwarzer Drogenbaron und ein dem Cherubinoalter entwachsener Narziß, der bei „Viva la libertà“ seinen nackten Luxusbody zeigt. Ansonsten trägt er Jeans und Lederjacke, wie Leporello, sein Zwillingsbruder und Alter ego. Der Komtur ist der Pate, der am Ende erschossen wird: Don Giovanni, ein Mafiastück Auch „Die Hochzeit des Figaro“ spielt bei Peter Sellars im Trump Tower in Manhatten, 52 Stockwerke über der 5th Avenue. – Und die schwarze Buffa „Cosi fan tutte“ schließlich verlegt Peter Sellars kurzerhand vom Golf von Neapel in Despinas Schnellimbiß am Strand – von Long Island oder wo auch immer im Staate New York. Wohl keiner hat Mozarts Da Ponte-Opern so vergegenwärtigt wie Peter Sellars. Aber auch keiner hat bis dahin so konsequent über den Text des Stücks hinweginszeniert. In nahezu jeder Szene sieht man etwas anderes als das, was gesungen wird. Dennoch fasziniert die subversive Rigorosität Peter Sellars´, der mit den Mitteln des amerikanischen Musicaltheaters Mozarts psychologische Konflikte aufs Heute bezieht und den Zuschauer trotz aller Widersprüche betroffen macht. Sellars hat die drei Opern in den Achtzigerjahren inszeniert, mehrfach überar-beitet und 1990 fürs Fernsehen verfilmt. Mit weitgehend unbekannten Sängern, musikalisch respektabel! Zwischen Penthouse und Slum, dem Äußersten an Luxus und Horror, wird uns die moderne Gesellschaft vorgeführt. Inszenieren heißt für Sellars Übersetzen, heißt Spiegeln, das Heutige im Gestrigen. Werktreue ist ihm ein Gräuel. Seine Methode ist Anachronismus und Widerspruch. Und so sind denn gerade diese drei berühmt-berüchtigten Mozart-Da-Ponte-Opern von Peter Sellars, mit denen er, wie er selbst eingestand, vor allem „das Lebensgefühl im New York der achtziger Jahre„ beschreiben wollte, Lehrstücke dessen, was als „Modernes Regietheater“ Schule gemacht hat. Nur, dass seine Nachahmer und Jünger meist langweiliger sind als Peter Sellars.
Nov. 2005
|