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Dieter David Scholz
Porträts Geburtstag eines DinosauriersDem Bayreuther Patriarchen Wolfgang zum 85sten
Weißt Du, wie das wird? Diese Frage der Nornen in der „Götterdämmerung“ stellen sich kritische Beobachter Bayreuths in aller Welt, seit Wolfgang Wagner, letzter noch lebender Enkel Richard Wagners und alleiniger Festspielleiter seit 1966, der am 30. August seinen 85. Geburtstag feiert, im März 1999 der Öffentlichkeit mitteilte, daß der Findungsprozeß eines geeigneten Nachfolgers für sein Amt als Chef der Bayreuther Richard Wagner-Festspiele nunmehr eingeleitet sei. Was für Schmierentheater-Possen, welche Querrelen und familieninterne Schlammschlachten haben sich seither abgespielt! Aber Wolfgang, der Patriarch und Impresario auf dem „Grünen Hügel“, der seinem Großvater Richard an Schläue und Provozierlust nicht nachsteht, hat seine Wunschvorstellung der Bayreuther Zukunft zielorientiert und konsequent durchgesetzt. Seine Frau Gudrun, die ja seit mehr als 25 Jahren seine rechte Hand ist in der Leitungsetage Bayreuths, wird wohl auch künftig - allen Anfeindungen ihrer Verächter zum Trotz - die Geschäfte führen. Wolfgang hat sie ja lange genug angelernt. Gemeinsam mit klugen Beratern wird sie den Laden schon schmeißen. Man sollte sie nicht unterschätzen. So wie man auch hinter der Fassade seiner eigenen fränkisch kauzigen Knorzigkeit den gewievten Strategen nicht verkennen sollte. Seine wache Intelligen, seine Gedächtnisleistung ist bestechend, auch wenn es kaum jemand glaubt, der ihn nicht aus der Nähe kennt. Auch Tochter Katherina, die auf dem Wege ist, eine international geachtete Wagner-Regisseurin zu werden und sich mit den Meistersingern 2007 erstmals dem Bayreuther Publikum stellen wird, gibt Grund zu Hoffnung. Damit dürfte in nicht exakt definierter, aber doch absehbarer Zeit eine Ära zuende gehen und ein neues Kapitel in der Geschichte der Wagner-Festspiele beginnen. Aber wer ersetzt Wolfgang Wagner? Er ist unersetzbar. Seine umfassende Kompetenz in allen theater-praktischen, künstlerischen und organisatorischen, auch rechts- und finanztechnischen Fragen der Leitung eines Opernhauses ist einmalig. Ein solcher Impresario ist heute Mangelware. Schließlich seine beeindruckende Menschlichkeit! Seine Natürlichkeit entwaffnet. Man kann mit ihm reden wie mit dem Mann von nebenan. Er ist frei von allem Dünkel, von Distan-ziertheit oder Arroganz. Wer sein Vertrauen genießt, kennt ihn als fürsorgliche, warmherzige und ganz und gar unkomplizierte Vaterfigur. Weh dem allerdings, der es sich mit ihm ver-scherzt, ihn attackiert, ja verletzt. Der urfränkisch-kosmopolitische Dickschädel Wolfgang Wagners kennt dann keine Gnade. Ganz der Großvater! Manche Angehörigen des Wagner-Clans, die sich ihm anlegten und ihre Hände nach der Macht in Bayreuth ausstreckten, können davon ein Lied singen.
Seine respektgebietende Lebensleistung können aber auch sie ihm nicht absprechen. Die ersten fünfzehn Jahre hat Wolfgang Wagner gemeinsam mit seinem Bruder Wieland, der 1966 starb, danach achtunddreißig Jahre im Alleingang die Geschicke Bayreuths bestimmt. Er hat unzweifelhaft künstlerische Höhepunkte gesetzt, er hat bedeutende Sänger an sein Haus geholt, er hat sich maßgeblich für die Schaffung einer Richard Wagner-Stiftung engagiert und zu diesem Zwecke die miteinander verfeindeten Mitglieder der großen Familie an einen Tisch zu holen vermocht, um die Zukunft der Festspiele und das Wagnerarchiv über seine Zeit hinaus zu sichern, aber auch um den Wiederaufbau des kriegszerstörten Hauses Wahnfried - heute Richard Wagner-Museum - zu ermöglichen, und er hat konsequent ein baufälliges Pro-visorium zu einem mit dem neusten Stand der Technik ausgerüsteten Theatergebäude saniert. Bei aller Kritik, die Wolfgang Wagner für seine eigenen Inszenierungen immer wieder einstecken mußte, bei aller Unzufriedenheit, die mit guten Gründen von vielen langjährigen Beobachtern über seine dirigentische und sängerische Besetzungspolitik der letzten 25 Jahre geäußert wird, ist die Bilanz seines langen Lebens für Bayreuth unter dem Strich imposant. Die von ihm seit 1966 im Alleingang geleiteten Bayreuther Festspiele stehen einzigartig in der Welt da. Die Bayreuther Festspiele sind ein wirtschaftlich prosperierendes Unternehmen mit immer noch sozialverträglichen Eintrittspreisen, weltweiter Kartennachfrage, die das Angebot um ein Zehnfaches übersteigt, in einem der modernsten, technisch bestausgestatteten Opern-haus der Welt. Freilich ist Bayreuth als Wagnertheater künstlerisch nicht mehr die wegwei-sende Ausnahmeerscheinung wie noch in den Fünfziger- oder Sechzigerjahren, als nur die Besten der Besten in Bayreuth sangen und dirigierten. Austauschbarkeit hat auch in Bayreuth Einzug gehalten, spätestens nachdem der „Ring“ von Parice Chéreau und Pierre Boulez sich vom Grünen Hügel verabschiedete. Die mit dieser zurecht als „Jahrhundert-Ring“ gepriesenen Produktion gesetzten Maßstäbe sind seither nicht wieder erreicht worden. Aber die Probleme Bayreuths sind die Probleme des Musikbetriebs an sich, sind systemimmanent. Der Musik- und Theaterbetrieb hat sich weltweit verändert. Bayreuth, so wie es heute dasteht, fern aller pseudosakralen Vergötzung des „Meisters“, wie sie von Cosima Wagner in die Wege geleitet wurde, die den Festspielgedanken in Bayreuth während der deutschnationalen und auch noch nationalsozialistischen Jahren beherrschte, nahm das neue Bayreuth seinen Anfang und Aufschwung im Jahre 1951. Damals hatten sich Wieland und Wolfgang Wagner nach dem Zusammenbruch des Deutschen Reiches und nach verlorenem zweitem Weltkrieg entschlossen, neu anzufangen und mit der Vergangenheit aufzuräumen. Sie setzten alles daran, mit der propagandistisch vereinnahmenden, im übrigen dummen Wagnerei Hitlers aufzuräumen. Und sie distanzierten sich von ihrer Mutter Winifred, der Gattin des Wagnersohnes Siegfrieds , die ganz bewußt Bayreuths gesellschaftliche Steig-bügelfunktion für Hitler einkalkulierte, um Bayreuths Konkurs zu verhindern. „Neubayreuth“ begann denn auch mit der Verzichtserklärung Winifreds als Festspielleiterin und mit einer radikalen Entrümplung auf der Bühne. Neue Sänger, neue Dirigenten und gänzlich neue Regiekonzeptionen beherrschten die Bayreuther Festspiele seit 1951. Vor allem Wieland Wagner, der Richard Wagners Werke als Erster psychoanalytisch, vorfreudianisch, aufs Archaische, auf griechischen Mythos und "Reinmenschliches" hin, mit abstrakten Bühnenbildern und einer äußerst expressiven, konzentrierten Personen- und Lichtregie deute-te und durchleuchtete, prägten den internationalen Ruf und die ungebrochene Anziehungskraft, die Bayreuth bis heute genießt. Doch dieser Neuanfang war schwer. Es war Wolfgang Wagner, der sich sofort nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs aufmachte, die nötigen finanziellen Voraussetzungen zu schaffen und auf dem Motorrad durch Deutsch-land fuhr, um bei den wichtigen Stellen in Politik, Kultur und Industrie für Wagner und Bayreuth zu werben, um berechtigte Vorurteile abzubauen und Sponsoren zu gewinnen, um bürokratische Hindernisse aus dem Weg zu räumen und Public Relation zu betreiben. Der Start „Neubayreuths“ war - angesichts der bescheidenen materiellen Möglichkeiten - ein überragender Erfolg. Mit dem jungen Herbert von Karajan, mit Hans Knappertsbusch, mit André Cluytens und Karl Böhm, mit Rudolf Kempe und Eugen Jochum hatte man einige der besten Dirigenten der Zeit engagiert. Angeführt von Astrid Varnay, Martha Mödl und Birgit Nilsson hatte man damals eine ganze Riege ausdrucksstarker Sängerpersönlichkeiten zur Verfügung, die einen unverwechselbaren Stamm charaktervoller Sängerdarstellern bildeten. Sie gaben den Aufführungen der Bayreuther Festspiele Unverwechselbarkeit und Einmaligkeit. Unter den vielen Sängerpersönlichkeiten waren Hans Hotter, Hermann Uhde, Anja Silja, Leonie Rysanek, Gottlob Frick, Wolfgang Windgassen, Gerhard Stolze, Gustav Neidlinger und Paul Kuën, um nur die Wichtigsten zu nennen. Heute vermißt man, gerade in Bayreuth, solche künstlerischen Ausnahme-Konstellationen. Gute Dirigenten, die etwas vom Gesang verstehen, sind inzwischen ja weltweit Mangelware, so wie wirkliche Wagnersänger vom Kaliber einer Varnay, Mödl und Nilsson, oder auch eines Ramon Vinay, Bernd Aldenhoff, Hans Hopf, selbst Wolfgang Windgassen ausgestorben zu sein scheinen. Die Grundvoraussetzungen Wagnerscher Kunst, will sagen seiner prinzi-piellen künstlerischen Standpunkte und konkreten Erwartungen an Sänger und Dirigenten scheinen die meißten der singenden wie dirigierenden Interpreten Wagners heute nicht mehr zu kennen. In keiner der differenzierten Vortragsanweisungen Richard Wagners steht das Wort „Schreien“. Und von Dauer-Fortissimo liest man in seine Partituren auch wenigs. Dennoch schreien die heutigen Wagnersänger, dennoch dirigieren die meißten heutigen Dirigenten stets zu laut, zu langsam und zu breit. Ein grundsätzliches Problem heutiger Wagneraufführungspraxis, nicht nur in Bayreuth. In Zeiten deprimierender Erkenntnisse der Pisa-Studie gehören leider auch bei Regisseuren der "Turnschuhgeneration" Unkenntnis und Unerfahrenheit in der Sache zum guten Ton. Und alle applaudieren. Nicht selten wird fach-liche Dummdreistigkeit und persönliche Eitelkeit, die sich über Komponist und Werk, über Kenntnis der Inszenierungsgeschichte und Musik hinwegsetzt, als Heldentat des sogenannten Regietheaters gefeiert, auch wenn das Ergebnis noch so dilettantisch ist. Dieser Gefahr ist auch Bayreuth ausgesetzt, wenn es sich entschließen sollte, den Anschluß an den „Zeitgeist“ nicht verpassen zu wollen. In der Vergangenheit hat Wolfgang Wagner das Schlimmste vermieden. Was ihm oft als Konservatismus vorgeworfen wurde, erweist sich von diesem Standpunkt aus geradezu als kluge Voraussicht. Wobei erstaunlich ist, welche provokativen Irritationen er – man denke nur an den Chereau-"Ring", der einen Aufschrei des Entsetzens beim konservativen Publikum auslöste - immer wieder wagte und noch immer jedes Pro-duktionsteam seiner hundertprozentigen Loyalität versicherte. Fürsorgepflicht ist einer der sympathisch hervorstechenden Züge des Festspielleiters Wolfgang Wagner. Am 30. August feiert Wolfgang Wagner nun seinen fünfundachtzigsten Geburtstag. Er kann zurückblicken auf 38 Jahre alleiniger Festspielleitung. Bei allen Skandalen, Mißerfolgen und aller von verschiedenen Seiten geäußerten Kritik an seiner künstlerischen Leitung, in der manche in den letzten Jahren Anzeichen von Erstarrung, ja Stagnation erkennen wollen, ist seine Lebensleistung doch respektheischend. Seine Kompetenz in Sachen Finanzen, Technik, Organisation, Sponsoring, Management, komplizierter Rechtsfragen und künstlerischer Lei-tung, sein legerer, väterlich verantwortungsvoller Führungsstil, seine Unkompliziertheit im Umgang mit Künstlern, Angestellten und Gesprächspartnern gleich welcher Couleur sind beeindruckend. Doch der Neider gibt es viele. Mißgunst macht auch und gerade vor ihm nicht halt. Er muß sich immer wieder den Vorwurf, vor allem seitens einiger Familienmitglieder gefallen lassen, er hüte wie Fafner den Hort und residiere wie ein Patriarch auf dem Grünen Hügel. Er ist ganz gewiß der letzte patriarchalische Dinosaurier unter den Theaterdirektoren und Festspielunternehmern. Aber nötigt uns der Anblick einer vom Aussterben bedrohten Tierart nicht Respekt, Trauer und Rührung ab, zumal wenn es sich um das letzte noch lebende Exemplar einer Gattung handelt. Man sollte sie hegen und pflegen, diese aussterbenden Überlebenden einer zuende-gehenden Zeit. Radikale Schnitte machen keinen Sinn. Wolfgang Wagners Großvater Richard hat es im „Nibelungenring“ ja beispielhaft vor Augen geführt, daß Möchtegern-Revolutionäre wie Siegfried, die mit dem Kopf durch die Wand und mit dem Schwert in der Hand alles Alte zerhauen wollen, um eines um jeden Preis Neuen, zum Scheitern verurteilt sind. „Für das Neue sollen wir leben“, hat Theodor Fontane gesagt, „aber das Alte ehren, soweit es Anspruch darauf hat.“ Wolfgang Wagner hat gewiß Anspruch darauf. MDR, Triangel, Ausgabe Juli 2004, sowie Beiträge in: BR, MDR, NDR ...
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