Dieter David Scholz 

Porträts/Nachrufe

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"Kindertrompete" und Lolita

Der letzten noch aktiven "Neubayreuther" Tragödin,

Anja Silja, zum 65. Geburtstag

 

Sie steht seit 1956 auf der Bühne und ist noch immer eine der faszinierendsten Sängerdar-stellerinnen des Musiktheaters: Anja Silja. Am 17. April wird sie 65 Jahre alt. Als Zwanzig-jährige verblüffte sie die Opernwelt als kindliche Wagnersängerin. Über Jahrzente hindurch bewies sie sängerische Vielseitigkeit  und erstaunliche stimmliche Überlebenskunst. Heute ist sie noch immer eine der großen Interpretinnen gebrochener Frauencharaktere auf der interna-tionalen Opernbühne.

Fast ein halbes Jahrhundert steht die Silja nun auf der Bühne. Das "Wunderkind" gab schon im zarten Alter von zehn Jahren Opern-Konzerte in seiner Heimatstadt Berlin. Mit Sechzehn wurde Anja Silja ans Braun­schweiger Theater engagiert und sang die Zerbinetta in Richard Straus­sens „Ariadne“ und die Rosina in Rossinis „Barbier von Sevilla“.

Zwei Jahre später war sie an der Stuttgarter Staatsoper engagiert, wo sie Wieland Wagner kennenlernte. Sie war gerade zwanzig Jahre alt, als sie bei den Bayreuther Festspielen 1960 als Senta in Wielands Inszenierung des „Fliegenden Holländers“ debütierte: Der Auftakt einer einzigartigen Liebes- und Arbeitsbeziehung bis zu Wielands Tod im Jahre 1966:

"Es ist das prägende Erlebnis gewesen, für mein ganzes Leben. Und nicht nur als Sängerin, auch persönlich. Ich glaube, das war die dominierende Figur meines Lebens, neben meinem Großvater, der mich ja ausgebildet hat, sowohl im Singen als auch im Schulischen. Ich war ja nie in der Schule, durch dieses frühe Studium. Also diese beiden  waren wirklich bis zu meinem sechsundzwanzigsten Lebensjahr prägend."

 

Es waren von früh an die Männer, die das Leben Anja Siljas bestimmten. Da war zunächst ihr Großvater Egon Friedrich Anders, der ihr das Singen beibrachte – er war Maler und Sänger, ausgebildet übrigens bei demselben Lehrer, der schon Benjamino Gigli ausgebildet hatte - dann kam Wieland Wagner, der geniale Sproß des Wagnersohnes Siegfried, der nach dem zweiten Weltkrieg Neubayreuth initiierte. Sechs Jahre lang verkörperte Anja Silja, die „Kindertrompete“ wie er sie nannte, seine künstlerischen Träume auf der Bühne nicht nur Bayreuths: blutjunge, ganz und gar unheroinenhafte, eher lolitahafte Wagnerheldinnen. Anja Silja und Wieland Wagner verband eine heftige Liebesbeziehung, die damals am Grünen Hügel und in den Klatsch­kolumnen der Printmedien für Skandale sorgte. Die Silja hat darü-ber bereitwillig Auskunft gegeben in ihren Memoiren, die sie vor sechs Jahren veröffentlichte. Ein sehr persönliches Buch der Rückschau auf ein an Rollen, an Liebhabern, an Erfahrungen reiches und vielschichtiges Leben.

"Ich habe immer, nicht nur heute, die vielschichtigen Rollen gerne gesungen. Für mich sind jetzt die wichtigsten Figuren die Janacek-Partien, vor allem die Emilia Marti in der Sache Makropoulos. Das ist für mich eine Schlüsselrolle geworden, weil ich mir sehr verwandt vorkomme mit dieser Frau, mit mit meiner Endloskarriere. Und weil ich so viel Menschlickeit in dieser Rolle sehe, und das fasziniert.“

Wer die Silja je in dieser Rolle erlebte, weiß, wie sehr sie ihr auf den Leib geschrieben ist. Eine Rolle, die wie nur wenige andere Rückschau auf ein gelebtes Leben zum Thema hat. Für Anja Silja, ein zentrales Moment ihres heutigen Lebens. 

 „Na, ja, ich schaue immer nur zurück! Weil, wie gesagt, mein Theaterleben hat eigentlich mit dem Tod von Wieland Wagners aufgehört, wirklich zu sein. Wieland Wagner und sein Bayreuth waren mein eigentliches Leben. Und das war unglückseligerweise schon vorbei, als er 1966 starb und ich Sechsundzwanzig war. Das ist, wenn man so will, die Tragödie meines Lebens, und damit muß man fertig werden.“

Anja Silja ist damit fertig geworden! Und sie hat, allen Lippenbekenntnissen zum Trotz, auch nach Wielands Tod weiterhin Wagner gesungen, und nicht nur Wagner, sondern auch Verdi, Puccini, Berlioz, Richard Strauss, Alban Berg, und immer wieder und bis heute vor allem Partien von Leos Janacek. Die Küsterin und die Emilia Marti. Anja Silja ist bis heute eine der ausdrucksstärksten Persönlichkeiten des Musiktheaters. Nicht zuletzt, weil Singen für sie mehr ist als nur Schöngesang.

„Die ganze Singerei ist für mich völlig witzlos, wenn die Sprache und die Darstellung nicht in den Vordergrund gesetzt wird. Das Wort ist entschiedend, die Wortverständlichkeit! Und wenn man das gesungene Wort nicht nur illustriert, sondern überhöht durch Darstellung, dann wird Oper wirklich interessant.“      

Nach dem Tode Wielands hat die Silja übrigens noch einmal eine romantische Liebesgeschichte erlebt, mit dem Dirigenten André Cluytens. Er sei ihr bester Liebhaber gewesen, wie sie in ihren Erinnerungen freimütig bekennt. Dann kam die scheiternde Ehe mit dem Dirigenten Dohnanyi – die Silja ist nicht geschaffen für die "Nur-Mutter-und-Hausfrau-Rolle" - es kamen Theaterjahre in Frankfurt, in Hamburg, und nach ihrer Scheidung die große internationale Karriere. Noch heute, mit Fünfundsechzig, versprüht die offenherzige Anja Silja, einen jugendlich-spröden, vitalen Charme. Sie ist das Paradebeispiel  einer willensstarken wie sensiblen, selbstbewußten aber auch selbstkritischen Frau, die große Kunst mit großer Liebe zu verbinden suchte. In beidem war sie getrieben von der „Sehnsucht nach dem Unerreichbaren“. So hat sie auch ihre Memoiren überschrieben. Jeder ihrer Auftritte – sie singt derzeit in Hamburg wieder die Mutter Maria in Poulencs "Dialogen der Karmeliterinnen" -  ist noch heute ein sängerdarstellerisches Ereignis. Die Silja ist die letzte noch aktive "Neubayreuther" Musiktheater-Tragödin alten Schlages. Freilich: Ihre große Zeit liegt hinter ihr. Für sie aber kein Grund zur Trauer!

„Worüber ich wirklich traurig bin, daß ich in der Blüte meiner Jahre, wie man so sagt, eigentlich keine Wünsche mehr habe, weil ich alles gemacht habe. Und das ist wirklich ein großes Problem, das ist traurig!“

SWR 2 - Journal