Dieter David Scholz 

Porträts/Nachrufe

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Elisabeth Schwarzkopf

Musik ist eine heilige Kunst.

 

Der Grande Dame der vollendeten Gesangskunst des Artifiziellen
zum 85. Geburtstag

 

Ob als Liedsängerin, als Konzertsängerin oder auf der Opernbühne: Elisabeth Schwarzkopf ist eine lebende Legende der Gesangskunst. Und eine der letzten, unnachgiebigen Repräsen-tantinnen höchster Gesangskultur. Nicht nur an sich selbst, auch an die Leistungen ihrer Schüler legte die über zwei Jahrzehnte lang begehrte Gesangspädagogin schärfste Maßstäbe an. Nicht immer zum Vergnügen  der Unterrichteten. 1915 wurde sie in Jarotschin bei Posen geboren, als 17-Jährige kam sie nach Berlin, ihre Eltern hatten sie früh Klavier lernen lassen, sie studierte an der Musikhochschule bei der Altistin Lula Mysz-Gmeiner, die aus ihr eine Altistin machen wollte. Erst der Berliner Pädagoge Egonolf korrigierte den Fehlgriff. Und nach ihrem Debüt am Deutschen Opernhaus Berlin, wo sie 1938 als zweites Blumenmädchen erstmals auftrat, kam Elisabeth Schwarzkopf zur berühmten Sängerin Maria Ivogün. Von ihr lernte sie das Entscheidende, was sie für ihr weiteres Sängerleben benötigte:

„Den Klang! Meinen Klang, meinen persönlichen Klang. Der notwendig ist für die Laufbahn, die ich genommen habe. Wie alle meine großen Kollegen. Die haben alle persönliche Klänge. Und sie können sie alle an einem Ton, an zwei Tönen erkennen. Das erste, was wir lernten, war, den Kopfton kennenzulernen. Das war das erste, was die Ivogün mir sagte: ja bitte, mein Kind, Sie müssen selbstverständlich diesen Klang produzieren können. Das hat sie dann geübt und mir beigebracht und ich hab´s bemerkt: Aha, da kommt ein Klang, der ganz anders ist als alles, was ich bis jetzt gemacht habe. Das ist der Klang, was ich damals nicht wußte, der mir über mein ganzes Leben hinweghelfen wird, der meine Stimme zum Wachsen bringt und gesund erhält, und vor allen Dingen  tragfähig macht. Ich habe ja keine große Stimme gehabt. Es war eine kleine Stimme - im heutigen Sinne, denn heute schreien ja alle. Aber wir haben getragen! Ich versuche, diese Gesangskultur weiterzugeben und den jungen Sängern klar zu machen, daß es nicht auf die Lauststärke ankommt, sondern auf die Tragfähigkeit. Damit fängt alles an. Es fängt an bei der kleinsten Einheit, und das ist der Kehlkopf. Und sie müssen so singen können, daß Sie lange singen können, also gesund singen können. Und das Wort gesund singen können Sie gleich richten mit „am Schönsten“, was in ihrer Stimme drin ist, zu singen. Das ist beides dasselbe. Und damit hängen alle technischen Dinge zusammen, die sie dazu lernen müssen. Aber sie werden mich niemals dazu bereit finden, jemandem eine schreiende, helle, metallische Stimme - wie sie heute üblich sind - beizubringen!“

 

Nach ihren Anfängerjahren - in denen die Schwarzkopf eine Vielzahl kleiner und kleinster Opern- und Operettenrollen singen mußte, wurde sie als Soubrette mit Koloraturverpflich-tungen am Deutschen Opernhaus Berlin verpflichtet. Ihre Sängerlaufbahn war keineswegs von Anfang an auf Rosen gebettet.

Im Gegenteil! Ihre für jedes Sängerleben so entscheidenden ersten zehn Jahre waren überschattet von der Not des Zweiten Weltkrieges, also materieller Not, aber auch den Nötigungen und Versuchungen des Nationalsozialismus, denen die junge, enorm ehrgeizige Elisabeth Schwarzkopf nicht zu widerstehen vermochte. Leider hatte sie nie die Größe, dies in späterer Zeit zuzugeben. Weshalb sie immer von Gerüchten, Mutmaßungen, Unterstellungen, Befürchtungen und der Aura einer Unnahbaren umgeben war. Erst Alan Jefferson hat 1996 mit einer in London erschienenen Biographie der Sängerin den Finger an diese Wunde gelegt und die unrühmliche Nazi-Vergangenheit der unbezweifelbaren sängerischen Autorität offenelegt. Was die Schwarzkopf ihm bis heute nicht verzieh.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Das Ende des Zweiten Weltkrieges verbrachte Elisabth Schwarzkopf mit Tuberkulose in der Hohen Tatra, wo sie freilich in ihrem ungeheuerlichen Fleiß und Idealismus Partitur für Partitur studierte, denn an eisernem Erfolgswillen mangelte es der schon damals als außergewöhnlich in Erscheinung getretenen Künstlerin selbst in schwierigsten Situa­tionen nicht.

 „Ich hatte natürlich ein "Muß", das ist ja klar. Und das war nicht das Geld...  Das war mir gar nicht wichtig. Wichtig war, daß ich es richtig machte, daß es das Beste war, was ich geben konnte. Das war mein Motor! ...Es waren, wenn ich es heute bedenke, Wahnsinnsbeding-ungen! Aber jeder hat unter diesen Bedingungen versucht, das beste, was möglich war, zu geben. Wir waren nicht vom Leben verwöhnt. Wir hatten kein Geld, wir haben uns eigentlich nur mit  dem Beruf beschäftigt, für uns gab´s keine Restaurants, kein Ausgehen, kein Tanzen, schon gar nicht Freundschaften, oder was die Leut´ sonst noch so meinen, also ich will´s gar nicht aussprechen. Das war alles uninteressant für uns. Wir haben wirklich nur für die Musik gelebt, gelernt  und gearbeitet. Ich muß da Ariadne zitieren: Musik ist eine heilige Kunst. Und ich bin keine Frömmlerin. Bitte denken Sie das nicht! Und das hat nichts mit Religion zu tun. Aber das ist einfach der Platz, an dem Musik steht.“ 

Die Liste der Partien, die sich Elisabeth Schwarzkopf in ihren Anfängerjahren am Deutschen Opernhaus erarbeitet hatte, spricht für sich: nicht weniger als 37 Rollen hatte die hochbegabte junge Sängerin quasi über Nacht einstudiert und gelernt. 1942 holte sie Karl Böhm an die Wiener Staatsoper,  wo sie auch nach dem Krieg verblieb, und wo sie Walter Legge ent-deckte, einer der bedeutendsten und mächtigsten Plattenproduzenten derNachkriegsge-schichte. Sofort hatte Legge die überragenden Qualitäten der schönen Sängerin erkannt und nahm sie unter seine Fittiche. Er machte sie zum internationalen Star, der inzwischen die englische Staatsbürgerschaft angenommen hatte, was vieles erleichterte. Ob bei den Salz-burger oder (einmal wenigstens) bei den Bayreuther Festspielen, an Covent Garden, an der MET, der Pariser Opéra oder an der Mailänder Scala: Die Schwarzkopf war nun inter-national ganz oben. Wie Herbert von Karajan, auch er zunächst Legge-Schützling. Mit ihm verband die Schwarzkopf damals eine fruchtbare künstlerische Zusammenarbeit, die auf unzähligen Schallplatten bzw. CDs dokumentiert ist. Doch der „Fall Karajan“ war - wie bei vielen anderen Sängern, mit denen er zusammenarbeitete - auch im Falle Elisabeth Schwarz-kopfs nicht völlig ungetrübt:

„Ein Fall, der immer ganz falsch dargestellt worden ist, und den ich eigentlich nicht berichtigen will, weil er so schrecklich ist, daß ich es gar nicht veröffentlichen kann. Immerhin habe ich ja einige sehr schöne Dinge unter von Karajan gesungen. ...diesen Eindruck möchte ich nicht so vernichten, wie er eigentlich von mir, wenn ich in dem Fall die Wahrheit sagen würde, ... zumindest würden sich die Leute sehr wundern! Aber der Teil der Arbeit, die wir  gemein-sam geleistet haben, ist so gültig, daß man das nicht beschmutzen soll, auch durch die Wahrheit nicht.“ 

Ob Operette, Mozart oder Richard Strauss: unter Herbert von Karajans Leitung hat Elisabeth Schwarzkopf eine Vielzahl von Konzerten, Opernaufführungen und Schallplatteneinspielung-en gesungen. Nicht zuletzt produzierten beide im Jahre 1956 - unter der Aufsicht Walter Legges - jene legendäre „Rosenkavalier“-Einspielung, deren Marschallin zur Schicksalspartie der Schwarzkopf wurde. Wohl kaum eine Sängerin ist seither derart mit einer Partie identi-fiziert worden wie sie. Aber auch kaum eine hat sie derart kunstvoll und beseelt gesungen. Es war kein Zufall, daß sich Elisabeth Schwarzkopf 1972 mit der Marschallin in Brüssel von der Bühne verabschiedete, bevor sie 1979 ihren letzten Liederabend in Zürich gab, wo sie bis heute in ihrem gepflegten Haus lebt.

Das Überragende der Gesangskultur Elisabeth Schwarzkopf wird gerade in dieser Aufnahme zum Ereignis: sie hat mit subtilsten Wortnuancierungen und einer breiten Palette von psychologisierenden Klangfarben gesungen, hat bis in feinste Verästelungen zu charak-terisieren und zu gestalten vermocht. Ihre Phrasierungskunst ist atemberaubend, mit ihre Stimmführung wagt sie sich bis an den Rand des Flüsterns. Keiner hat ihr das nachgemacht bis heute. Sie ist die Meisterin einer Kunst des Artifiziellen, immer an der Grenze zum Manirismus lavierenden, aber durch und durch beherrschten, in jedem Tone reflektierten Singens. Was Wunder, daß sie zur Kultfigur vollendeter Gesangskultur avancierte. 

„Aber es ist nicht meine wichtigste Partie. Mein Mann hat immer gesagt, man braucht für die Marschallin eine Liedersängerin aller erster Ordnung. Weil das so komponiert ist. Ich hab Glück gehabt, daß die Partie in einer Zeit kam für mich, wo ich dem Aussehen nach, der Schauspielkunst nach, dem Gefühl nach, der Technik nach und der Musikalität nach, sie so bringen konnte, wie sie meiner Meinung nach es Gültigkeit gehabt hat.“

Gültigkeit, das ist ein Schlüsselwort für Elisabeth Schwarzkopfs Kunst- und Musikauffassung als Interpretin, so wie Präzision und Schonungslosigkeit ihre Arbeitshaltung kennzeichneten. Ihre Möglichkeiten und Grenzen kannte sie genauestens. Sie wußte, was sie sich zumuten durfte und dem Publikum schuldig war. Um so imposanter das Fazit ihrer mehr als 41 Jahre währenden Sängerlaufbahn: 453 Orchesterkonzerte, 984 Liederabende und 1223 Opern-auftritte.

Ihr Opernrepertoire beschränkte Elisabeth Schwarz­kopf im Gegensatz zu ihrem uferlosen Liedrepertoire in kluger Ökonomie, die freilich zu einem Gutteil auf dem Rat ihres Mannes gründete. Nur wenige Strauss- und Mozartpartien sang die Schwarzkopf in den Blütejähren ihres Sängerlebens.

„Ich hab früher viel mehr gesungen. Aber er hat gesagt, sing du nur diese paar Sachen, aber die so, wie man es eigentlich nur von Dir hören kann und hören möchte, er war sehr stolz und hat vielleicht auch ein bißchen übertrieben, denn man konnte sie auch von anderen sehr gut hören. Aber er hat mit Recht gesagt, sing Du diese paar Partien, so gut wie es geht und nichts anderes."

Was sie ihrer eigenen Energie, ihrer künstlerischen Besessenheit, ihrer herausragenden Aneignungsfähigkeit abgeschauter Fähigkeiten und ihrem in hohem Maße intellektgesteuerten Singen während der Erfahrungen ihrer ersten zehn Jahre als Opernsängerin verdankt, hat Elisabeth Schwarzkopf in Sachen Liedgesang zweifellos ihrem Ehemann Walter Legge zu verdanken, der sie nicht nur zu einer der führenden Schubert und Schumann-, sondern vor allem zu einer beispiellosen Hugo Wolf-Interpretin machte.

„Er hat mit mir Nuancen herausgearbeitet, die ich vorher nicht hatte. Wozu ich auch erst meine Stimme finden mußte: Was kann ich, was darf ich als Farbe geben. Habe ich die Farbe überhaupt? Manchmal habe ich sie gar nicht gehabt. Und früher, so in den ganz frühen Jahren war ich eine sehr weiße Stimme und die Leute waren sehr nett und haben gesagt, das ist eine Silberstimme. Und eine Silberstimme geht ja nicht für alle Hugo-Wolf-Lieder. Sprich es mal, so, wie du es sagen würdest, hat Walter gesagt. Der Ausdruck liegt nämlich meißtens in der Sprechstimme. Aber mit der Sprechstimme dürfen wir nicht singen. Und wir Frauen singen ja ungefähr anderthalb Oktaven höher, als wo auch unsere Spechstimme zu finden ist“.

 

MDR u.a.