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Dieter David Scholz
Porträts/Nachrufe
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Grande Dame der
Gesangskultur
mit brauner Vergangenheit

Elisabeth Schwarzkopf zum 90. Geburtstag am
9. Dezember
Eine kritische Würdigung von Dieter David Scholz
Sie ist, um es vorwegzunehmen und vorn
vornherein klarzustellen, die Grand Dame des deutschen Gesangs. Ein Idol an
Gesangskultur, das mehr denn je in den Zeiten des Nieder-gangs derselben als
Maßstab und Orientierungspunkt gelten sollte. Keine Frage: Elisabeth
Schwarzkopf ist die letzte noch lebende Legende der deutschen Gesangkultur!
Um so be-dauerlicher, dass sie seit Jahren einsam, verbittert und
überschattet von ihrer braunen Ver-gangenheit der Welt abhanden kam. Sie
lebt zurückgezogen und inzwischen gebrechlich in den Bergen Österreichs. Man
wünscht ihr für ihre letzten Jahre jenen Frieden, zu dem sie Jahrzehntelang
nicht fand.
Es wäre nicht nur ungalant,
sondern töricht, einer Neunzigjährigen die Fehltritte ihrer Jugend
vorzuwerfen. Vorausgesetzt, sie selbst hätte längst Rechenschaft abgelegt
und mit ihrer Ver-gangenheit aufgeräumt. Doch eben das hatte die große
Elisabeth Schwarzkopf leider nie getan. Dabei hätte sie es sich leisten
können! Daß vor gut zehn Jahren eine vorschnell als Ent-hüllungsbuch
gebrandmarkte, in England erschienene Biographie für nachhaltige
Schlagzeilen in den Feuilletons sorgte, ist verständlich.
Was versierten Elisabeth
Schwarzkopf-Kennern längst bekannt war, und was man von einigen ihrer
Kollegen, die mit ihr auf der Bühne standen, erfahren hatte, zumindest als
Ge-rücht, ist seit 1996 auch für die Öffentlichkeit schwarz auf weiß
dokumentiert: daß auch die große alte Dame des Liedgesangs, die Meisterin
subtilster Stimmfarben und maniriertester Gesangsperfektion, daß auch sie
verstrickt war ins schäbige Netzwerk der NS-Musikpolitik. Dabei ging es dem
Biographen Alan Jefferson, intimer Schwarzkopf-Kenner und langjähriger
Freund ihres Mannes Walter Legge, nicht im geringsten darum, ein Idol zu
zerstören oder ein lebendes Denkmal vom Sockel zu stoßen. Er wollte
lediglich darauf hinweisen, daß auch Elisabeth Schwarzkopf, noch 1992 von
der Queen zur "Dame of the British Empire" geadelt, eben kein Beispiel dafür
ist, daß die Musik eine hehre, eine unpolitische, eine "reine" Kunst sei.
Sie selbst hat in einem
temperamentvollen Gespräch mit mir die Musik einmal als „eine heilige Kunst“
bezeichnet und sich selbst gewissermaßen als keusche, aufopferungsvolle
Tem-peldienerin derselben. Gewiss, sie hat in schwerer Jugend – mitten in
Kriegszeiten – manches geopfert. Ganz sicher ihr privates Glück. Aber ihre
jugendliche Eitelkeit hat sich zum Mit-machen korrumpieren lassen. So
unverständlich ist das nicht. Anderen ging es damals nicht anders. Nur:
warum hat sie es nie bekannt?
In Alan Jeffersons fleißig
und gewissenhaft recherchierter Biographie kann man nachlesen, dass die
Schwarzkopf im Grunde nur ein besonders prominentes Beispiel dafür ist, daß
auch außerhalb jedes Verdachts liegende Künstler der Versuchung
opportunistischer Liebedienerei und politischer Mitläuferschaft im Dritten
Reich nicht widerstehen konnten, wenn es um die Karriere ging. Ein typischer
Fall von Karriereehrgeiz jener Zeit. Und die 25-jährige Elisabeth
Schwarzkopf war 1940 fest entschlossen, Karriere zu machen. Veranlaßt durch
den Medien-rummel seit Erscheinen der Biographie, hat sie selbst öffentlich
eingestanden, daß sie 1940 den Beitritt zur NSDAP beantragt habe, allerdings
nur, "auf Verlangen der Intendanz des Opernhauses Berlin" sowie auf Wunsch
Ihres Vaters, der seinen Beruf verloren habe, weil er nicht Parteimitglied
gewesen sei. Das ist jedoch nur die halbe Wahrheit, denn wie Jefferson hieb-
und stichfesten belegt (er wertet zahlreiche Interviews, Memoiren, Berichte,
historische Presseveröffentlichungen, wichtige Theaterarchive und Material
aus dem Berliner Document Center aus), war Elisabeth Schwarzkopf ein
durchaus engagiertes Mitglied der Hitler-Partei und offenbar eine ergebene
Dienerin Goebbels, der von ihrer Schönheit fasziniert war und ihr den Weg
ebnete an die großen Bühnen, vor allem an die Wiener Staatsoper. Als
Gegen-leistung spielte sie Hauptrollen in NS-Propagandafilmen, unterhielt
SS-Einheiten an der Ostfront und wurde Führerin in der
NS-Studentenvereinigung. Das geht ohne Frage über eine zu entschuldigende
"Formsache", die man als schlichte Überlebensnotwendigkeit abtun könnte,
hinaus. Der Parteieintritt, das weiß auch Jefferson, war ein naheliegender
Schritt für jeden Künstler im Dritten Reich, aber kein notwendiger! Als
Beispiel nennt er die 110 Musiker der Berliner Philharmoniker, von denen
lediglich acht in der Partei gewesen seien. Es ging eben auch anders!
Bei aller Betroffenheit
über die Enthüllungen der Mesaliance einer Karrieristin mit den Nazis, darf
nicht übersehen werden, daß dieses braune Kapiel nur eines von vielen ist im
Leben der großen Sängerin. Die künstlerische Entwicklung, aber auch die
internationale (kommerzielle) Karriere Elisabeth Schwarzkopfs, die vor allem
durch den EMI-Produzenten Walter Legge initiiert wurde, der die bis heute
unübertroffenenen discographischen Schätze anlegte und die Sängerin, die
seine Frau wurde, vom Koloraturfach, das sie in Berlin vor allem sang, zum
Lyrischen und zum Liedgesang hinführte, ist bewundernswert. Man lese die
minutiöse Auf-listung sämtlicher Auftritte der Sängerin, von ihrem
Bühnendebüt an der Deutschen Oper Berlin im Jahre 1938 als Blumenmädchen in
Wagners "Parsifal" bis zu ihrem letzen Lieder-abend im Jahre 1979 in Zürich
bei Jefferson nach. Sie nötigt Respekt ab, auch vor der harten
Selbstdisziplin, die Elisabeth Schwarzkopf auszeichnete. Die Zahl ihrer
monatlichen Büh-nenauftritte, aber auch ihrer Rollendebüts in den
Vierziger- und Fünfzigerjahren ist schlicht-weg enorm.
Bei aller Betroffenheit
über die unbewältigten braunen Schatten in der Biographie dieser
Jahr-hundertsängerin, bleibt am Ende doch Hochachtung vor der beispiellosen
Härte gegen sich selbst und der bewundernswerten Leistungsfähigkeit einer
Sängerin.
Es wäre ebenso töricht, als
Hörer ihrer CDs die unangenehmen Entdeckungen Jeffersons, die Schwächen und
Schattenseiten, die Fehltritte und oppoortunistischen Seiten der
Neunzig-jährigen ignorieren zu wollen. Zumal sie selbst an Kritik gegenüber
ihren Kollegen und Schülern nicht sparte. Sie selbst hat in öffentlichen
Meisterklassen Sänger nicht selten per-sönlich derart gekränkt und
fertiggemacht, dass sie vor Publikum weinend vom Podium ging-en.
Andererseits hat, auch das muß gesagt werden, Elisabeth Schwarzkopf manchen
jungen Sängen unbezahlbare wie unentgeltliche – und öffentlich verschwiegene
- Hilfestellung ge-geben. Daß sie ausgerechnet Herbert von Karajan (mit dem
sie in den Fünfzigerjahren einige bis heute unübetroffenen
Platteneinspielungen aufnahm), keine übermäßige Wertschätzung
entgegenbrachte, verblüfft, wenn es auch nicht verwundert. Mir selbst
vertraute sie einmal an: „Würde ich in seinem Falle die Wahrheit sagen, wäre
er vernichtet“. Und in ihrem Falle? Antinomien einer großen Sängerin.
Der Mythos Elisabeth
Schwarzkopf bedarf ganz sicher einer Korrektur. Dazu bedarf es aller-dings
des Abstandes. Daß die in künstlerischen Fragen durchaus selbstkritische
Elisabeth Schwarzkopf nach dem Krieg vor den alliierten Spruchkammern jede
politische Ver-strickung mit den Nazis abstritt, durch Anwälte diese
Falschaussage zwar entschuldigen ließ, aber bis heute ihr wahre
Vergangenheit verschleiert, gereicht der großen alten Dame nicht zum Ruhme.
Sie selbst hätte durch unheroisches Bekennen ihrer Zeitverstrickung, die so
untypisch ja nicht war, allen biographischen Enthüllern ihrer "Jugendsünden"
schon vor Jahrzehnten den Wind aus den Segeln nehmen und sich den
menschlichen Imageverlust ersparen können. Ihre künstlerische Singularität
wäre dadurch kaum in Frage gestellt worden. Nun ist sie 90 Jahre alt
geworden und kein bißchen weiser.
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