Dieter David Scholz 

 

 

Mittler des Mittelalters

Peter Wapnewski zum Achtzigsten
(Gesendet am 7. September 2002 in: SWR & Radio 3 (ORB/NDR)

Der Germanist Peter Wapnewski gilt nicht nur in der akademischen Welt, sondern auch darüber hinaus als einer der bedeutendsten Vertreter seins Fachs, zumal er nicht  nur bedeu-tende wissenschaftliche Bücher über die Literatur des deutschen Mittelalters geschrieben hat, sondern auch populärere, beispielsweise über Richard Wagner. Er hat sich in den Print-medien, im Funk und im Fernsehen als brillianter Gesprächspartner, kluger Essayist und engagierter Kritiker einen Namen gemacht. Und er war der Gründungsrektor des Berliner Wissenschaftskollegs. Heute, am siebten September, feiert Peter Wapnewski seinen 80sten Geburtstag. 


Er ist der renommierteste "Mittler des Mittelalters". Ein Ausdruck, den er selbst  für Richard Wagner ins Leben rief, seinem Alters-Steckenpferd. In der Tat ist Peter Wapnewski, der 1949 an der Hamburger Universität bei Ulrich Pretzel promovierte, der vier Jahre später sich schon habilitierte und 1959 das Ordinariat für Mediävistik in Heidelberg übernahm, einer der ungewöhnlichsten Vertreter seines Faches, der Wissenschaft von der Sprache und Literatur des deutschen Mittelalters. Sie galt  geradezu als eine epochemachende Habilitationsschrift, die Peter Wapnewski 1955 vorlegte: "Wolframs Parzival. Studien zu Religiösität und Form". Zum ersten Male schreibt da ein Professor der alten Germanistik mit Stil und Eleganz, klar und unakademisch. Er schnitt seiner  Zunft sprachlich den Bart ab.


Peter Wapnewski:

"Die Germanistik stand Generationen lang unter dem Verdacht, sie missachtete Glanz und Eleganz der Form, mit meiner Generation hat sich das, glaube ich, geändert. Wir alle, von Bumke bis Killy, um nur zwei Namen herauszugreifen, haben gelernt, dass auch der gele-gentlich trockene und spröde Stoff der Germanistik sprachlich bewusster verfasst auf die angemessene Weise zum Ausdruck kommt."


Auch in seinem 1972 publizierten Buch über "Die Lyrik Wolframs von Eschenbach" hat es Peter Wapnewski, wie in vielen anderen seiner forschungsgeschichtlichen Aufsätze, Bücher und Essays in heutiger, leicht lesbarer, eleganter Prosa verstanden, Mittelalter zu aktualisieren, und die Formen und Themen, Probleme und literarischen Schönheiten des Mittelalters uns Heutigen zu vermitteln.


Peter Wapnewski:

"Also ich glaube schon, dass im Mittelalter mit seinen Denk- und Gefühlskategorien man-cherlei große Schönheit mit einer Intensität, Schärfe und Gedankenklarheit ausgedrückt ist, die uns treffen kann, sagen wir es mit einem Modewort, die uns betroffen macht."

 


Betroffenheit nicht nur von mittelalterlicher, sondern auch von neuerer Literatur, aber auch die Leidenschaft, über den Tellerrand seiner akademischen Disziplin hinauszublicken, die er nach Heidelberg, in Berlin an der Freien Universität 1966-69, dann von 1970-80 in Karlsruhe und noch einmal in Berlin an der Technischen Universität, von 1980 bis zu seiner Emeritierung als Hochschulprofessor 1990 vertrat, hat ihn immer wieder in den bedeutendsten überregionalen Tages- und Wochenzeitungen Essays und Anmerkungen zur neueren Literatur schreiben las-sen. Ob  Goethe, Rilke, Thomas Mann oder Joseph Roth, Ernst Jünger, Günter Grass, Max Frisch oder Peter Handke, zu allen hat Peter Wapnewski allerhand zu sagen, jenseits pro-fessoraler Gelehrtheit. Daß Gedichte genaue Form und Literatur Zumutung ist, gehört ebenso zu seiner Grundüberzeugung wie die Verachtung all derer, die Kunst als nur spaßiges Freizeitvergnügen, als lässigen Event oder Genuß pur "besinnungslos in sich hineinschlürfen" wollen. Daß ausgerechnet er, der geschätzte und gefragte Zeit- und Kulturkritiker Peter Wapnewski sich als junger Mensch, mitten im Krieg, vom Lazarett aus, wohin ihn eine Ver-wundung mehr als ein Jahr verbannte, studierte und sich der älteren Germanistik, einer als Elfenbeinturm verschrieenen Disziplin zuwandte, erklärt sich eben aus seinem Hang zu gedanklicher Präzision und sprachlicher Klarheit.


Peter Wapnewski:

"Die alte Germanistik war für mich in dem Augenblick anziehender als die neue, als ich in ihr eine Insel sah, deren Eigentümlichkeit mich schützte vor dem Geschwätz, vor er Brandung des unverbindlichen und ausufernden Geschwätzes, wie es nun einmal in der Beschäftigung mit neuerer Literatur denkbar ist und auch praktiziert wurde."


Peter Wapnewski hat aus der germanistischen, vor allem der mediävistischen  Literatur den akademischen Staub geblasen und er hat aus der Wagner-Literatur jeglichen ideologischen Qualm verscheucht. Seine wissenschaftlichen Verdienste sind fast schon Legende. Er ist der Grandseigneur der Alt-Germanistik der Nachkriegszeit. Gegen Ende seiner akademischen Karriere, als Professor an der Berliner Technischen Universität, noch zu Mauerzeiten, hatte Peter Glotz die Idee, im eingemauerten West-Berlin eine internationale akademische Elite zu versammeln und  mobilisierte die Gründung des "Wissenschaftskollegs" zu Berlin, einer in Deutschland einzigartigen Institution. Peter Wapnewski, der große alte Herr der Alt-Ger-ma-nistik in der 2. Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts, mit seinem Sinn fürs Ungewöhnliche, seiner Grandezza, seinem ungewöhnlichen Fremd-Sprachtalent, seinem Integrationsvermögen  und seiner kosmopolitischen Weitsicht, wurde zum wohl denkbar bestgeeigneten Grün-dungsrektor berufen.


Peter Wapnewski:

"Es war sicherlich das Bedeutendste, das mir zu tun überhaupt erlaubt war innerhalb des pragmatisch-wissenschaftlich akademischen Tuns. Das ist in der Tat etwas, was ich zu den großen Aktivposten meins Lebens rechnen möchte nicht im Sinne von Verdienst, sondern im Sinne von Gelingen."


Mit Stolz kann der nun achtzigjährige Peter Wapnewski zurückschauen auf seine Pionier-leistung am nicht zuletzt durch ihn zu internationalem Renommee gekommenen Berliner Wissenschaftskolleg wie auf seine  fruchtbare wissenschaftliche Arbeit als akademischer Lehrer, Mittelalter-Forscher und vielseitiger Publizist. Er gilt heute auch als gefragter Vorleser und Kommentator des Mittelalters auf CD im Hörverlag wie in diversen ARD-Lesereihen. Zwischen seinem Landhaus in der Toscana und seiner geschmackvollen bürgerlichen Wohnung im Berliner Grunewald pendelt "Wapi", wie seine Freunde ihn liebevoll ironisch nennen, hin und her, erhebt in Wissenschaft wie Medien immer wieder sein geschliffenes Wort, aber doch mit Rücksicht auf seine Gesundheit weit zurückhaltender als früher. Man versteht, wenn er jetzt vor allem einen Wunsch hat:


Peter Wapnewski:

"Ich wünsche mich zu befreien von dem Druck, der mein ganzes erwachsenes Leben mich gequält hat: Ich hatte immer das Gefühl, ich werde dem nicht gerecht, was ich machen musste. Ich habe mich nie  wirklich frei gefühlt, etwas zu tun, was ganz und gar nur mir gehört. Also, um es konkret zu sagen, ich möchte gerne meine Lebenserinnerungen schreiben und hoffe, dass ich sie im Lauf eines Jahres fertig bringen kann. Und dann möchte ich unendlich viel lesen und mir den Luxus leisten, den ich, das klingt jetzt etwas pathetisch, aber es ist die Wahrheit, den ich mir nicht ein einziges Mal in den letzten 50 Jahren geleistet habe, tagsüber mich in den Sessel zu setzen und ein Buch der schönen Literatur aufzuschlagen und stundenlang zu lesen."