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Dieter David Scholz
Porträts/Nachrufe ______________________________________________________________________ Kommentar für SWR 2 – Journal, 6.10.2005: Renato Palumbo wird neuer GMD der Deutschen Oper Berlin Nun ist es endlich soweit, ein Nachfolger für den im Unfrieden aus Berlin abgegangenen Chri-stian Thielemann ist gefunden. Die Deutsche Oper Berlin, immerhin das größte Opernhaus der Hauptstadt, hat einen neuen Generalmusikdirektor. Der 42-jährige Renato Paulumbo ist zwar kein "Shootingstar" wie Thielemann, er hat auch (noch) keinen weltumspannenden Schall-plattenkonzern im Rücken, aber er ist doch auch kein Unbekannter. Beim renommierten Ros-sini-Resival in Pesaro hat er im vergangenen Jahr eine fulminante "Elisabetta" dirigiert, an der Mailänder Scala hat er mit Lucrezia Borgia auf sich aufmerksam gemacht, und das Teatro Massimo in Palermo, eines der größten Italiens, stand Kopf, als er dort Madama Butterfly dirigierte. Palumbo ist regelmäßiger Gast an allen großen Opernhäusern Italiens, Spaniens, dirigiert auch in Chicago und Nizza, Köln und Cagliari. Festivals wie die Arena zu Verona oder das Martina Franka Festival zählen auf ihn. An den Staatsopern von München und Wien dirigiert er Verdi und auch an der Deutschen Oper Berlin hat er sich in der vergangenen Spielzeit mit einer mitreißenden Aufführung von Verdis Troubadour vorgestellt. Palumbo hat Klavier, Chorleitung, Komposition und Dirigieren studiert. Er ist ein hervorragender Hand-werker, ein gewissenhafter Dirigent und ein vielseitig erfahrener, zudem hochgebildeter Musiker, der an vielen Orten der Opernwelt geschätzt wird. Alles Eigenschaften, die ihn als Musikchef eines so traditionsreichen und großen, aber eben nicht leicht zu führenden Hauses wie der Deutschen Oper Berlin qualifizieren. Ein Haus, das ja mit dem kürzlich erfolgten In-endantenwechsel vor großen Herausforderungen steht. Es muß sein Publikum wieder finden, sich in der Operntrias Berlins behaupten, sich neu profilieren und politisch durchsetzen. Man mag die Wahl von Renato Palumbo pragmatisch nennen, aber es ist sicherlich eine denkbar gute Lösung nach Christian Thielemann, der ja vor allem mit Starallüren, Glamour, Prozessen und Abwesenheit glänzte. Was man jetzt braucht an der Deutschen Oper Berlin: einen zuver-lässigen, grundsoliden Musikchef, der das Vakuum, das Christian Thielemann hinterließ, füllen kann. Und man braucht eine Persönlichkeit, die mit Präsenz und Kontinuität das Haus wieder auf das hohe musikalische Niveau bringt, das ihm angemessen ist. Und der es herausreißt aus einer leider seit Udo Zimmermanns Intendantenzeit obwaltenden Lethargie und Glücklosigkeit. Renato Palumbo, ein vielseitig versierter Exot unter den Dirigenten seiner Generation, der fünf Jahre Musikdirektor an der Oper von Istambul und ständiger Dirigent der Italienischen Oper in Tokyo war, auch Opernchef in Kapstadt, wird an der Spree ganz sicher schon aufgrund seiner bezaubernden Persönlichkeit und Italianità eine Faszination ausüben, die künstlerisch animierend und ansteckend wirkt. Seine Repertoire-Kenntnisse sind übrigens denen von Chri-stian Thielemann weit überlegen: Von Mozart und Haydn, Meyerbeer und Rossini reicht seine künstlerische Bandbreite über Verdi, Wagner, Puccini und Umberto Giordano bis ins zwan-zigste Jahrhundert. Auch die russische Oper kennt er gut, und im Konzertbereich reicht sein Repertoire von Berlioz über Brahms bis hin zu Richard Strauss. Renato Palumbo ist ein All-round-Dirigent, den man sich an einem Haus wie der Deutschen Oper Berlin nur wünschen kann. Er ist kein VIP, er ist kein Star, aber er bringt weit wichtigere Voraussetzungen mit, die ein Kapitän dieses auf mittelschwerer See treibenden Ozeanriesens mitbringen muß, um das große Schiff wieder auf Kurs zu bringen, gemeinsam mit der Intendantin Kirsten Harms.
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