Dieter David Scholz 

Porträts/Nachrufe

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Stern des Nordens

Die schwedische "Alleskönnerin" Anne Sofie von Otter wird 50

 Sie ist ein neuer Typ von Opernsängerin: undivenhaft, burschikos, ja „cool“ könnte man sie nennen. Sie spricht sachlich, nüchtern, selbstbewußt über sich und ihre Kunst. Sie baute um-weglos und zielbewußt ihre Karriere auf. Uns sie ist alles andere als eine Diva. Die schwe-dische Mezzosopranistin Anne Sofie von Otter ist eine Sängerin mit erstaunlich breitem Repertoire-Spektrum und wird gefeiert auf den internationalen Opernbühnen und Konzert-häusern. Ob Opern von Händel, Gluck, Rossini und Richard Strauss oder Lieder von Brahms, Korngold und Weill: Ihre Vielseitigkeit ist ihr Markenzeichen, ihre Erfolgskarriere auf dem Höhepunkt angekommen. Heute, am 9. Mai 2005 feiert sie ihren 50sten Geburtstag.

  

 Sie hat inzwischen viele hochvirtuose Händel-Partien gesungen, neben Bach und Haydn, Gluck, Mozart und Rossini. Sogar die Carmen hat sie in Glyndebourne gegeben, die vielleicht klischeebeladenste aller Mezzosopranpartien. Hätte sie nicht einen hartnäckigen Bogen ge-schlagen um Verdi und die Verismopartien, man würde sie für eine Alleskönnerin halten. Egal welche Partie sie auch singt: perfekte Beherrschung der Gesangstechnik, intelligent durch-dachte Ausdrucksgestaltung und stilistische Souveränität sind ihre Kennzeichen.

Anne Sofie von Otters Mezzosopran ist einer der vielseitigsten und zuverlässigsten in ihrer Generation. Wenn ihm etwas fehlt, ist es vielleicht etwas mehr Wärme, Leidenschaft und Spontaneität des Emotionalen. Man kann sich nicht vorstellen, daß diese kühle Blonde aus dem Norden jemals aus Ergriffenheit ihre Beherrschung verliert.  Dazu ist sie einfach zu professionell.

Angefangen zu singen hat die Diplomatentochter am Konservatorium ihrer Geburtsstadt Stockholm, dann ging sie an die Guildhall School of Music and Drama nach London zu Vera Rosza. Bei Geoffrey Parsons und schließlich bei Erik Werba in Wien holte sie sich in Sachen Lied den letzten Schliff. Liedgesang ist eine der tragenden Säulen ihrer Karriere, die sie in Einklang zu bringen versucht mit Haushalt und Familie in ihrem Wochenendhaus in Schweden, wo sie Gemüse pflanzt und kocht. Die Otter überrascht gleichermaßen als Weill-Diseuse wie als Korngold-Enthusiastin oder Offenbach-Chanteuse.

 

 Ob Korngold, ob Richard Strauss, Stravinsky oder Monteverdi:  die Bandbreite des Reper-toirs Anne Sofie von Otters in Sachen Lied wie Oper ist erstaunlich. Begonnen hat sie ihre Opernlaufbahn 1983 am Stadttheater von Basel. Auch Montserrat Caballé fing dort einmal an. An Covent Garden debütierte die Otter fünf Jahre später unter Colin Davies mit dem Cherubino in Mozarts Hochzeit des Figaro. In den folgenden Jahren sang sie dort Partien  wie Sesto in Mozarts Titus, Idamante im Idomeneo und die Titelpartie in Rossinis Cenerentola.

 

Anne Sofie von Otter ist längst auf den ersten Bühnen und bei den bedeutendsten Festival-orten der internationalen Opernwelt ständiger Gast, sie ist mit Preisen und Auszeichnungen überhäuft worden, alle namhaften Dirigenten der Historischen wie der modernen Auffüh-rungspraxis arbeiten mit ihr zusammen, ob Harnoncourt oder Abbado, Minkowski oder Boulez, um nur einige zu nennen. Eine Bilderbuchkarriere, die kaum mehr zu steigern scheint. Aber man wird gewiß noch manche Überraschung erleben bzw. hören dürfen von Anne Sofie von Otter, die im Vollbesitz ihrer Stimme die strenge Trennung von U- und E-Musik für sich aufgehoben und schon jetzt  manches Crossover-Abenteuer – zum Beispiel mit  Elvis Costello -  gewagt hat.  

 

 Beitrag für NDR-Kultur, 9.5.2005