Dieter David Scholz 

 

Magda Olivero - eine lebende Legende   

Zum Neunzigsten der großen alten Dame des veristischen Belcanto.

 

 

Francesco Cileas "Adriana Lecouvreur", die singende Schauspielerin der Comedie Francaise, die ihr der Kunst und der  Liebe gewidmetes Leben aushaucht, weil sie vom betörenden Duft eines Veilchensträußchens, das ihr ihre erotische Rivalin geschickt hatte, vergifteten wird, war eine Ihrer Glanzrollen. Es war zeitlebens auch ihre Lieblingsrolle. In ihr konnte sie die ganze Palette ihrer gesangstechnischen und -ausdruckskünstlerischen Raffinessen, Wunder und Zauberstücke demonstrieren. 1938 hat die Olivero die Adriana zum ersten Mal gesungen, gemeinsam noch mit Benjamino Gigli. Und immer hat sie mit ihrer intensiven Gestaltung der Partie das Publikum zur Raserei gebracht! So auch 1959 in einer Aufführung des Teatro San Carlo in Neapel (neben Giulietta Simionato, Franco Corelli und Ettore Bastianini), der ein unübertroffener Livemitschnitt entstammt. Ihre letzte "Adriana" auf der Bühne sang sie - fast ein halbes Jahrhundert nach ihrer ersten - am 4. November 1973, da war sie immerhin schon 63 Jahre alt. Zwei Jahre später gab sie übrigens ihr sen­sa­tionelles Debüt als "Tosca" an der New Yorker Met. Konzertant hat Magda Olivero die "Adriana" 1993 zum letzten Mal als Einundsiebzigjährige gesungen. Nur mit Klavierbegleitung. Auch davon gibt es einen beeindruckenden CD-Mitschnitt. 

Wohl 1912 in Saluzzo geboren, die biographischen Angaben widersprechen sich wie bei nicht wenigen „Primadonnen“, studierte Magda Olivero im nahegelegenen Turin Klavier, Gesang und Theorie. Schon mit 23 debütierte sie an der Mailänder Scala, wo sie Tulio Serafin unter seine Fittiche nahm. Als sie 1941 heiratete, verabschiedete sie sich für 10 Jahre vom Theater. Unvorstellbar fast, daß sie 1951 auf Wunsch des todkranken Komponisten Cilea auf die Opernbühne zurückkehrte und im Sturm die Opernhäuser Italiens eroberte - von Bozen bis Catania, von San Remo bis Venedig - keine Bühne war ihr zu klein oder zu groß. Furore machte sie vor allem in den Paraderollen des Verismo, darunter manche Ur- und Erstaufführung. Wenn Magda Olivero auftrat, hypnotisierte sie ihr Publikum. Ihre bloße Präsenz erregte die Zuschauer in einer Weise, wie es sonst nur noch Maria Callas oder Renata Tebaldi vermochten. Was selbst ihren Plat­tenaufnahmen noch jene unnachahmliche Magie verleiht, das ist die ausgepichte Raf­finiertheit ihrer Aus­drucksmittel: die gekonnten Über­treibungen, die ex­zes­siven Schluchzer, die in raffinierteste Schreie endenden Spitzentöne, die von leicht anti­quiertem Pathos getragene Deklamation, die bebende Intensität. Magda Olivero sang nicht nur, sie verwandelte Affekt-Posen in Klanggesten von verletzter Weib­lichkeit, wie sie filigraner und bewegender kaum zu hören waren in den letzten drei Generationen des Operngesangs. Etwas vom Geheimnis ihrer großen Gestaltungskunst versucht die 90 Jährige bis heute ihren Schülern in Meisterkursen an der Scala und in Barcelona zu vermitteln und weiterzugeben. "Stimme", so hat sie einmal gesagt, "Stimme macht nur vierzig Prozent einer Opern­aufführung aus. Die übrigen sechzig setzen sich zusammen aus zahllosen Winzigkeiten." Der wichtigste Ratschlag, den sie ihren Schülern mitgibt ist der folgende: „Das Wichtigste ist eine gute Stimme zu haben, dann einen guten Lehrer, der auf einen eingeht, auf die individuelle Stimme, der einem die wichtigen Dinge über Stil und die Präzision des richtigen Phrasierens, der über Atmung bescheid weiß, der über Muskulatur bescheid weiß, und der einem die richtige Technik beibringt. Und dann heißt es vor allem studieren, jeden Tag aufs Neue. Auch ich habe mein ganzes Leben hindurch immer studiert. Denn wenn man glaubt, man ist am Ziel, dann erreicht man das Ziel nie."

Magda Olivero hat ihr Ziel ohne Frage erreicht. Sie wurde zur Verkörperung des manirierten Gesangs des Verismo. Schon zu Lebzeiten ist sie zur Legende geworden. Die Raubmitschnitte und Piratenpressungen ihrer Bühnenauftritte gehören zu den be­gehrtesten Rari­tä­ten auf dem CD-Markt. Darunter befinden sich singuläre Einspielungen veristischer Spezialitäten, die nur noch die Olivero sang, etwa Catalanis „Loreley“, Mascagnis „Lodoletta“ und „Iris“ oder Alfanos „Resurrezione“.

Mehr als siebzig Partien umfasste ihr Repertoire. Als Puccini-, Mascagni- und Cilea-Inter-pretin gehörte sie immer zu den hervorragendsten. Sie hat sehr klug mit ihren Mög­lichkeiten gehaushaltet, indem sie sich fast ausschließlich auf die Epoche des Verismo beschränkte. Nur wenige Ausflüge hat sie zu Wagner und Verdi, zu Tschaikowsky und Boito unternommen. Von Managern und Plattenfirmen hat sie sich nie abhängig gemacht, weshalb sie - verglichen mit der Mobilität heutiger Stars - außerhalb Italiens auch nur vergleichsweise wenige, wenn auch heiß begehrte Gastspiele gab: in Paris, Lissabon, Amsterdam, Kairo, Rio de Janeiro, New York, Dallas, Barcellona und Madrid. In Deutschland war sie nur fünfmal überhaupt zu hören: 1937 in Leipzig, 1941 in Berlin und dann noch einmal während einer Tournee in Stuttgart, Wiesbaden und München im Jahre 1958. In Italien hat sie indessen fast ein halbes Jahrhundert auf nahezu allen Bühnen des Landes gesungen, nicht nur auf den großen, auch für die kleinsten war sie sich nie zuschade. Weshalb sie - hochgeehrt - bis heute in ihrer Heimat im Bewusstsein der Öffentlichkeit präsent ist. 1981 hat sich Magda Olivero mit Poulencs „La voix humaine“ endgültig von der Opernbühen verabschiedet. Allerdings hat sie auch darüberhinaus bis in die Neunzigerjahre ihre Tradition beibehalten, alljährlich zu Mariä Himmelfahrt, am 15. August, im eher privaten Rah­men eines Gottesdienstes in der kleinen Pfarrkirche im südtiroler Sulden, einem malerisch gelegenen Dorf in 2000 Meter Höhe unterhalb des Ortlermassivs mit seinem ewigen Schnee, einem der wenigen Sommerskigebiete Italiens, für Freunde und Verehrer aus aller Welt einige Minuten zu singen. Daß die Olivero in ihrer alpinen Sommerfrische, den Rest des Jahres lebt sie im Zentrum  Mailands, noch einmal populäre Opernmelodien und -Intermezzi, die sie höchstselbst mit geistlichen Texten unterlegt hat, singen wird, ist eher unwahrscheinlich. Ihre Auftritte sind endgültig Legende. Sie hat die Liù in der ersten Schallplattenaufnahme von Puccinis Tosca gesungen. Sie ist die letzte noch lebende Sängerin, die mit den jüngeren Komponisten des Verismo zusammenarbeitete. Die Olivero ist orchideenhafte Ikone und letzte Repräsentantin eines zuendegegangenen Kapitels der Gesangskunst. Über drei Generationen hat sie das Opernpublikum verzaubert und zur Raserei gebracht. Ihre Schüler hat sie als eine der Wenigen noch gelelehrt, was „canto espressivo“ meint: Singen aus den Eingeweiden, mit Leib und Seele, hochexpressiv aber kultiviert, artifiziell (im besten Sinne des Wortes) und doch menschlich durch und durch, so wie sie Menschlichket in ihrem Privatleben aufs Bescheidenste und Liebenswürdigste vorlebt