Dieter David Scholz 

Porträts/Nachrufe

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Grandseigneur und Altmeister der Superlative 

Vollblutmusiker und chrismatischer Taktstockvirtuose

Lorin Maazel zum fünfundsiebzigsten Geburtstag am 6. März 2005                 

Lorin Maazel ist eine Ausnahmeerscheinung unter den Dirigenten und er ist das klassische Beispiel eines Wunderkinds. Mit Fünf begann er Geige zu spielen, als Elfjähriger dirigierte er bereits Toscaninis NBC-Symphony Orchestra und Leopold Stokowski lud den Knaben ein, in der Hollywood-Bowl zu dirigieren. Bei Paris geboren, wuchs Lorin Maazel in Los Angeles und Pittsburg auf und hatte keineswegs von Anbeginn seiner auf sich aufmerksam machenden musikalischen Begabung vor, Dirigent zu werden. Weder Stokowski, noch Toscanini, wie oft geschrieben wird, protegierten den Wunderknaben Lorin Maazel. 

Maazel: "Der, der mich wirklich beeinflußt hat, war Victor de Sabata...ich war von seiner Lei-denschaft und von seiner Liebe für seine Musik sehr beeindruckt, und ich habe ihn wahr-scheinlich nachgemacht als junger Dirigent. Danach habe ich meinen eigenen Weg gefunden. "

Auf Anregung Victor de Sabatas ging Lorin Maazel mit einem Stipendium in der Tasche nach Italien, um seine musikalischen Studien fortzusetzen. Dort bekam er die große Chance seines Lebens: er durfte  als Dirigent eines Konzerts einspringen für den erkrankten Pierre Derveaux. Dann folgte ein Angebot nach dem Anderen, die Entscheidung, Dirigent zu werden, war ihm abgenommen worden. 

Lorin Maazel war schon damals alles andere als ein Schmalspurdirigent. Er hatte mehrere Sprachen, Literatur, Philosophie und Mathematik studiert, wollte eigentlich Schriftsteller werden, nebenher als Geiger ein bißchen Musik machen. Das eben war es, das den ihm eige-nen geistigen Horizont bildete, der seiner Auffassung von Musizieren jene bezeichnende kos-mopolitische Weite gab.

Maazel: "Der Pianist Arthur Schnabel sagte, ein Musiker, der nur ein guter Musiker ist, ist kein guter Musiker. Weil die Musik doch eine Sprache ist, in der man zum Ausdruck bringt, was man mit Worten nicht zum Ausdruck bringen kann. "

Lorin Maazel ist einer der letzten Dirigenten großen Stils, die die Idee des überragenden Ka-pellmeisters, des Taktstockvirtuosen, des vom eigenen Genie überzeugten Pultheroen ver-körpern, ja die sich selbst über den Komponisten stellen, dessen Notenmaterial sie nur als Knetmasse eigenen künstlerischen Ausdruckswillens betrachten. Podiums-Glamour umgab den Perfektionsfanatiker schon, als er 1960 als jüngster und erster amerikanischer Dirigent in Bayreuth dirigierte, aber auch am Pult des Cleveland Orchestra, das er 1972 von George Szell übernahm. Als Chef der Deutschen Oper Berlin und des RSO machte er Herbert von Karajan einige Jahre Konkurrenz. Lorin Maazel war und ist die Verkörperung eines nicht un-eitlen, nicht ohne Selbstverliebtheit agierenden Vollblutmusikers und charismatischen Maes-trissimo .

Maazel: "Einer steht doch auf der Bühne und muß etwas übermitteln. Aber wenn er daran denkt, dann ist das Spiel schon verbei, es muß von der Natur der Sache her kommen, es muß einen inneren Imperativ geben."

Ob Bach oder Bruckner, Wagner oder Mozart, Gershwin oder Bartok: Lorin Maazel ist einer der vielseitigsten Dirigenten, der weder Tabus noch Hemmungen kennt, der das traditionelle Repertoire des Konzertbetriebs wie der Oper beherrscht, der sich immer aber auch für Neues einsetzte, ob an Covent Garden, an der New Yorker Met, an Mailands La Scala oder an der Wiener Staatsoper, wo er in den Siebzigerjahren kurzzeitig künstlerischer Direktor war.

Seine Karriere häuft Superlativ auf Superlativ: 5000 Opern und Konzerte hat er dirigiert, er hat mit 150 verschiedenen Orchesten gearbeitet, 300 CDs aufgenommen. An Virtuosität und höchster Beherrschung des dirigentischen Metiers haben ihn nur wenige übertroffen.  

Lorin Maazel ist vielleicht der letzte Vertreter eines dirigentischen Selbstbewußtseins, das sich über strenge Werktreue wie aufführungspraktische Bedenken, über Repertoirebeschränkung und eigene Grenzen souverän hinwegsetzt. Wie schon als Kind, teilt sich Lorin Maazel noch heute für drei Begabungen auf: er spielt professionell die Geige, er komponiert und er dirigiert.

Maazel: "Ich sehe mich als Musiker, mal so, mal so. Ich glaube, daß ich ein besserer Dirigent geworden bin, da ich  bei Gelegenheit eben selber musizieren kann und ich glaube, daß ich ein besserer Komponist geworden bin, da ich Erfahrungen als Dirigent und Instrumentalist ge-macht habe".

1993 wurde Lorin Maazel Chefdirigent des Symphonieorchesters des Bayerischen Rund-funks. Nebenher dirigierte er nach wie vor in Salzburg und in Wien, in Amerika und in Italien. Auch dem Berliner Philharmonischen Orchester, der Met und der Scala ist er nach wie vor eng verbunden. Seit  2002 ist er Chef der New Yorker Philharmoniker.   

Bei der jüngeren Generation gilt Maazel inzwischen als Altmeister und Grandseigneur einer vielleicht überholten, einer dem Geniekult und dem Taktstockvirtuosentum allzu sehr huldi-genden, bürgerlichen Musikkultur. Aber an Suggestivität des Musizierens macht ihm keiner etwas vor. Noch immer voll jugendlichen Elans weiß der nun 75-jährige Lorin Maazel aber auch, wann er abzutreten hat:

Maazel: "Wenn ich bemerke, daß ich nicht mehr in der Lage bin, dem Beruf zu dienen, wie man einem Beruf diesen sollte, dann werde ich ihn  aufgeben."

 

SWR, NDR 4.3.2005