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Dieter David Scholz
Porträts/Nachrufe ______________________________________________________________________
Mein Material ist das Jahrhundert Gespräch mit Ute Lemper Sie ist groß, blond und langbeinig, schlaksig wie eine Ballett-Elevin, dünn wie Twiggy und gelenkig wie eine Schlange, nicht eigentlich schön, aber interessant und apart anzuschauen. Ihr mit 37 Jahren immer noch mädchenhafter Charme, ihre physiognomische Wandlungsfähigkeit und natürliche Spontaneität nehmen vom ersten Augenblick ihres Auftretens an für sie ein. Ihr ausdrucksstarkes Gesicht kann Bände sprechen. Ihre romantischen Augen haben Feuer und Tiefe, Sinn-lichkeit und Verruchtheit. Ihre grell geschminkten, fein geschwungenen Lippen lassen ihr Gesicht zur Maske werden, die Leid und Sehnsucht, alles Glück und alle Abgründe des Banalen von einer Sekunde auf die nächste spiegelt.
Mit Zweiundzwanzig stand sie zum erstenmal auf der Musicalbühne, als Sally in Jérôme Savarys Pariser „Cabaret“-Inszenierung. Schon ein Jahr später begeisterte sie das New Yorker Publikum mit einer eigenen Kurt-Weill-Show. Mychael Nyman und Jacques Prévert haben für sie komponiert. Mit Kent Nagano und Luciano Berio hat sie in London und Mailand zusammengearbeitet. Als Marlene Dietrich-Kopie wird sie oft bezeichnet. Dabei hat sie die Lieder der Piaf min-destens ebenso oft gesungen. Als Lola im „Blauen Engel“ stand sie in Hamburg und Berlin auf der Bühne. Andrew Lloyd Webber holte sie für „Cats“ nach Wien. Sie spielte die Titelrolle in der Musikkomödie „Peter Pan“, bevor sie sich vom Musi-cal zurückzog. Das französische Chanson und die gesellschaftskritisch subversiven Kabarett-Schlager der Weimarer Republik sind seither die Eckpfeiler ihres Repertoirs. Die „Dreigroschenoper“ und „Die Sieben Todsünden“ hat sie für die CD aufgenommen. Mit ihren Weill-, Hollaender-, Nelson- und Spoliansky-Aben-den hat sie auf ihren vielen Gastspieltourneen im In- und Ausland Triumphe gefei-ert. Auch auf der Leinwand hat sie beträchtliche Erfolge zu verzeichnen: als Marie Antoinette in „L´Autrichienne“ von Pierre Granier-Deferre, als Ceres in Peter Greenaways „Prosperos Bücher“ und als hochschwangere Alberta in Robert Altmans “Pret a Porter“. Neuerdings ist die vielseitige Ute Lemper auch als Malerin mit Ausstellungen in Paris und Hamburg und als Autorin eines ersten Buches hervorgetreten. Ob in Mailand oder Tokyo, New York oder Jerusalem, Barcelona oder Hongkong: überall sind die Auftritte der Lemper gefeierte Events. Nur in Deutschland mußte die 1963 in Münster geborene, am Wiener Max Reinhardt-Seminar ausgebildete Schauspielerin, Kabarettistin, Chansonette, Diseu-se, Tänzerin und Sängerin nach ihrem jugendlichen Karrieresteilflug in Stuttgart und Hamburg immer wieder harsche Kritik und Ablehnung erfahren. In London wird sie derzeit als Musicalstar im Adelphi-Theatre gefeiert, wo sie als blonder Vamp namens Velma in John Kanders und Fred Ebbs „Chicago“ auf der Bühne steht, sieben Tage in der Woche, und das ein halbes Jahr lang.
Ich habe mich in London mit Ute Lemper über ihr Musical-Comeback, über ihr Verhältnis zu Deutschland, über ihre bisherige Karriere und ihre Zukunftspläne unterhalten. ______________________________________________________________________ Frau Lemper, Sie sind viele Jahre lang in keinem Musical mehr aufgetreten. Was hat sie an „Chicago“ so gereizt, daß Sie auf die Musicalbühne zurückgekehrt sind? Es ist tatsächlich zehn Jahre her, daß ich zuletzt Musical gespielt habe, das war „Cabaret“ in Paris. Das war übrigens auch ein Kander & Ebb-Musical, da schließt sich vielleicht der Kreis. Nach „Cats“, „Peter Pan“ und „Cabaret“ kam für mich der Punkt, wo ich mir dachte, ich bin eigentlich mit meinem Herzen weit eher auf der Schauspiel- als auf der Musicalbühne zuhause. Außerdem sind die Musicals so oberflächlich. Die Charaktere in den Stücken waren mir auf die Dauer auch zu stereotyp. Und dann wollte ich erst einmal diese sehr viel anspruchsvolleren Stücke aus der Weimarer Zeit singen und meine eigenen Abende zusammenstellen, mit einer Auswahl jener Songs und Schlager, die mir am Besten gefallen. Und so hab ich dann mit Weill und Brecht, Eissler und Hollaender, den Piaf-Songs und Jacques Prévert einen neuen Weg gefunden. Warum ich nach soviel Distanz zum Musical bei „Chicago“ dann doch wieder schwach geworden bin, kann ich Ihnen eigentlich nicht genau sagen. Ich habe hin- und her überlegt, ob ich das Stück machen soll oder nicht. Vieles in mir rebellierte. Schließlich habe ich zwei Kinder, und wenn man sieben mal pro Woche abends auf der Bühne steht, ist das nicht einfach zu vereinbaren mit seinem Familienleben. Auch hat mich die Frage, ob Musical überhaupt noch richtig ist für mich, in meinem Alter, nach meiner Entwicklung weg von Musical, immer wieder beschäftigt. Aber dann hat es mich doch gereizt, noch einmal Musical zu spielen. Sie spielen in diesem Musical, in dem der Satz fällt „Mord ist Unterhaltung“, einen Vamp. Sie geben sich überhaupt gerne das Image eines Vamps. Sind Sie ein Vamp? Also ich habe sicherlich eine Vamp-Dimension. Nicht von Ungefähr sind die Charaktere und Figuren, die ich auf der Bühne spiele, immer eher auf der verwegeneren Seite. Das sind allerdings weit abgebrühtere Typen als ich einer bin in meinem Privatleben! Aber ich spiele einfach gern die Verrückten und Abgedrifteten, die Ausgekochten und mit allen Wassern Ge-waschenen. Jene, die etwas auf dem Kerbholz haben und sich gerade deshalb durch einen unglaublichen Überlebenswillen auszeichnen. Ich spiele das natürlich mit einer Portion Selbst-ironie und Humor, mich selbst nicht ernst nehmend, um am Schluß noch die letzten Lacher für mich zu haben. Das reizt mich einfach mehr als das Brave und Unschuldige. Wie beurteilen Sie, nach Jahren kritischen Abstands, das Musical in Deutschland? Warum hat es das Musical in Deutschland so viel schwerer als in Amerika oder in London, wo Auf-führungen, wie etwa jetzt im Falle von „Chicago“ monatelang im voraus ausgebucht sind und die Leute Schlange stehen wie bei uns nur vor dem „Tristan“ oder dem „Rosenkavalier“? Musical ist in Deutschland Importware! Es sind überwiegend geklonte englische und amerika-nische Produktionen. Es gibt kaum deutsche Musicals. Es gibt ja kaum nennenswerte deutsche Musicalschreiber. Und das Musical kommt ja auch ursprünglich aus Amerika. Es hat einen ganz bestimmten kulturellen Hintergrund. Jazz, Slapstick, Comedy, die Vorliebe für grelle Übertreibung, der Hang zu Ironie im Seichten, das sind amerikanische Fertigkeiten und Erwartungen. Vor allem aber ist das Musical nicht im mindesten intellektuell. Die „Message“ kommt entschieden zu kurz. Und das ist für die Deutschen schwer verdaulich, sie wollen ja immer ´ne richtig griffige Aussage! Das Musical-Publikum aber ist doch eigentlich ein breites, anspruchsloses TV-Publikum. Ich glaube nicht an eine besonders rosige und lukrative Zukunft des Musicals in Deutschland. Ich halte es übrigens auch gar nicht für notwendig oder wichtig. Ich bin ohnehin kein Musical-Fan, auch wenn ich jetzt ganz zufällig in einem Musical mit-mache. Sie habe lange in Paris gelebt, jetzt wohnen Sie mit ihrer Familie in England. Überall sind sie von Anerkennung. Erfolg und Zuspruch verwöhnt. In Ihrer Heimat ist Ihnen allerdings immer wieder Ablehnung, Kränkung und Kritik entgegengebracht worden. Hat das ihr Verhältnis zu Deutschland getrübt? Deutschland ist meine Heimat. Ich habe schon eine innige Beziehung zu diesem Land. Aber manchmal weiß ich nicht recht, ob ich englisch oder deutsch reden soll. In meinem prak-tischen Alltag spielt das Deutsche ja seit Jahren keine Rolle mehr, obwohl es meine Mutter-sprache ist. Natürlich denke ich deutsch, und es ist immer noch die Sprache, in der ich mich am besten ausdrücken und am genausten reflektieren kann. Aber durch das jahrelange deut-sche Kritiker-Gezeter an meiner Person ist mir natürlich die Lust vergangen, in Deutschland noch viele Emotionen zu investieren. Überall sonst auf der Welt habe ich es so viel leichter und werde viel positiver auf- und angenommen. Ist doch wohl verständlich, daß ich diesem Land auch künstlerisch nicht mehr so viel Aufmerksamkeit widme, oder? Sie haben in den zurückliegenden Jahren ihre Aktivitäten immer mehr auf das Singen von Schlagern und Songs der Weimarer Republik verlagert. Was reizt sie so sehr an dieser Epoche? In der Kultur der Weimarer Zeit fand ich mein Repertoire, ein wirkliches Feuerwerk an Liedern an Literatur, an Malerei und Musik. Alles war so aufregend und revolutionär und aufwieglerisch in dieser Zeit. Und gerade diese Lieder und Kabarettschlager sind so frech und verwegen, so frisch geblieben, sie haben immer noch Biß. Die Themen sind bis heute aktuell, ob es um Homosexualität und Frauen-Emanzipation, Abtreibung und Demokratie, sexuelle Freiheit oder Kritik am Machtstaat geht. Und es macht ungeheueren Spaß, in meinen eigenen Shows daran anzuknüpfen und improvisierend die Fäden weiter zu spinnen. Glauben Sie denn, daß Sie mit diesem Repertoire etwas bewirken oder verändern können? Nein, das glaube ich nicht. Dazu sind die Dinge, die ich vortrage, nicht präzise genug. Aber man kann sicher das Bewußtsein der Leute im Zuschauerraum etwas schärfen. Das ist zwar nicht mehr als eine kleine Geschichtslektion für das Publikum, aber immerhin! Für viele ist es überraschend, daß solche Dinge überhaupt geschrieben wurden. Viele Spoliansky- und Tu-cholsky-, auch manche Hollaender-Texte sind ja überhaupt nicht bekannt. Hier in London zum Beispiel habe ich deshalb die Texte auch auf Englisch vorgetragen, damit sie genau verstanden werden. Das bewirkt dann schon einen Aha-Effekt beim Publikum. Und darauf setze ich noch ´ne Portion Comedy! Das lieben die Leute. Außerdem ist das Genre „One-Women-Show“ eine Nische, die ich für mich entdeckt habe. Es gibt nicht viele auf der Welt, die das machen. Leben Sie eigentlich eher aus der Vergangenheit oder aus der Gegenwart? Aus beidem! Ich möchte künftig mehr Zeitgenössisches kreieren, ohne allerdings mein Reper-toire der Zwanziger bis Fünfziger Jahre aufzugeben, denn das ist auch meine Welt! Aber mein Material ist dieses ganze Jahrhundert. Haben Sie Vorbilder, Idole, Leitfiguren? Na ja, als ich jung war, hatte ich viele. Sehr bewundert habe ich die schwarzen Sängerinnen, aber auch Janis Joplin, Barbara Streisand und Lisa Minelli. Lotte Lenya stand für mich natürlich ganz oben auf dem Altar der Anzubetenden, was die Weill-Interpretation angeht. Da ist sie unübertroffen bis heute. Aber richtige Vorbilder hatte und habe ich keine. Einen Namen haben Sie erstaunlicherweise nicht genannt, den Namen einer Sängerin und Schauspielerin, mit der Sie häufig in einem Atemzug genannt werden als deren Nachfolgerin oder Imitatorin: Marlene Dietrich.
Ich sehe zwischen ihr und mir kaum Parallelen. Sie ist doch eine gigantische Hollywood-Filmdiva gewesen, mit der ich mich überhaupt nicht vergleichen kann. Aber Sie singen auch ihr Repertoire. Für Viele ist das übrigens reine Nostalgie. Was ist es für Sie? Auf keinen Fall Nostalgie. Ich versuche mich ja nicht, in eine andere Zeit zurückzuversetzen. Ich kopiere auch keinen Stil, keine Sängerin, ich betreibe keine „historische Aufführungs-praxis“. Ich interpretiere diese Lieder, Schlager und Songs ganz zeitgenössisch, mit meinem eigenen Stil und ganz persönlichem Ausdruck. Sie haben mit Michael Nyman, Luciano Berio und Jacques Prèvert Musik gemacht. Wie weit wollen sie noch gehen in Sachen zeitgenössische Musik? Ich möchte auf jeden Fall mehr mit zeitgenössischen Komponisten arbeiten und ganz neue Songs kreieren. Nach „Chicago“ möchte ich unbedingt mehr in diese Richtung vorpreschen. Aber zunächst werde ich erst mal meine nächste CD aufnehmen mit Stücken von Brecht und Eissler. Sie singen französisches Chanson und deutschen Kabarett-Schlager. Welche Unterschiede sind für Sie entscheidend? Das französische Chanson hat eine ganz andere Ebene des Ausdrucks und der Darstellung als das deutsche Kabarett. Es ist näher an den Emotionen als deutsches Material. Es ist auch viel näher an der realistischen Situation, die besungen wird. Die Identifizierung mit den Charakteren ist auch viel intensiver. Und das kann man mit der französischen Sprache auch viel schöner gestalten. Außerdem ist Chanson in Musik gesetzte Literatur. Es gibt wun-derbare Texte. In Deutschland brach die Chanson-Tradition ja in den Zwanzigerjahren ab und ist eigentlich nie wiederauferstanden. Das deutsche Kabrett dagegen ist viel gedachter, viel intellektueller. Da ist immer vorrangig der Kopf beteiligt. Was für ein Publikum sprechen sie am Liebsten an? Welches ist Ihnen das Wichtigste. Ich möchte im Grunde gar nicht selektieren. Wer zu mir kommt, der kommt und ist will-kommen. Ich finde es wunderbar, wenn das Publikum breit gefächert ist, von groovigen, punkigen bis hin zu Business-Leuten, quer durch alles Schichten und Generationen. Aber na-türlich sind es überwiegend die aufgeweckteren zwischen Mitte Zwanzig und Fünfzig, die zu mir kommen, die Theatergänger, Musikkenner und Literaturliebhaber. Sie sind im wohlanständigen, katholischen Münster geboren. Woher kommt eigentlich ihre Vorliebe für Weill, Hollaender, Spoliansky et cetera? Ich war schon immer ein schwer erziehbarer Mensch, der sich nur schlecht anpassen konnte an Moral und Sitte. Ich habe mir meinen ersten Weill-Abend mit Zweiundzwanzig selbst zu-sammengeschrieben. Und ich habe ihn als Off-Produktion des Stuttgarter Staatstheaters in einer kleinen Turnhalle aufgeführt, um Leuten meiner Generation den Lebensweg Weills zu schildern, die unheimliche Denunzierung, die furchtbare Ausgrenzung durch die Nazis. Aber auch Weills französische und amerikanische Zeit, seine Stilwandlungen und sein Privatleben, ja den Holocaust, soweit man das kann. Damit wollte ich der Geschichte ins Auge blicken. Und das sollten auch die Zuschauer. Das war für mich als junger Mensch damals sehr wichtig. Ich war der Meinung, daß das in meiner Jugend nicht genügend behandelt wurde, weder in der Schule noch in der Gesellschaft! Und die Beschäftigung mit der Kultur der Weimarer Re-publik öffnet einem die Augen. Sie haben in den 15 Jahren seit ihrem ersten Weill-Abend eine internatioanle Karriere gemacht. Und doch ist sie nicht vergleichbar mir der Karriere einer Marlene Dietrich oder einer Madonna. Was haben die beiden, was Ihnen fehlt? Die Besessenheit! Auf Teufel kommm raus, alles zu tun, um ein Star zu sein. Man wird durch den Film oder mit der Popmusik schnell zum Star. Ich bin aber eigentlich ein Theatermensch. Am Wohlsten fühle ich mich auf der Bühne mit meinen eigenen, sehr persönlichen Abenden. Ich brauche keinen Star-Ruhm, keinen Glamour, keinen Talmiglanz um mich herum, um glücklich zu sein. Ich habe genug Erfolg, der reicht mir. Ich ziehe mich ansonsten lieber ins Private zurück. Beruf und Karriere sind also nicht ihr Ein und Alles? Mein Beruf ist schon ein großes Glück. Er gibt mir meine Unabhängigkeit, meine Selbst-sicherheit, enorme Erfülltheit, zugegeben, aber Zentrum meines Lebens ist er nicht! Das sind meine Kinder. Aus ihnen schöpfe ich unendlich viel Kraft und positive Energie, Lebenslust und Humor. Wie sehen ihre beruflichen Zukunftspläne aus? Ich würde gerne noch mehr Filme drehen, gerne mit Oliver Stones und Steven Frears. Aber was konkrete Pläne gibt es noch keine. Sicher ist, daß ich neue CDs mit Film-Songs der Weimarer Zeit machen werde. Außerdem will ich eng mit einem zeitgenössischen ameri-kanischen Komponisten zusammenarbeiten. Den Namen will ich aber noch nicht verraten. Und ich denke, ich werde „Chicago“ nach London doch wohl auch drei Monate am Broad-way spielen, im nächsten Herbst. Ich will ohnehin mit meiner Musik nach Amerika ziehen. Aber nach dem Londoner Musicalmarathon will ich erst einmal zwei Monate Urlaub machen. Ich muß mich selbst wieder finden an freien Abenden, nach 180 Abenden in „Chicago“. Ich will einfach mal eine Zeit lang nichts tun.
Fono Forum, 1998
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