Dieter David Scholz 

 

 

Harry Kupfer zum 70. Geburtstag

Er galt in den Achtziger- und Neunzigerjahren  als einer der wichtigsten Opernregisseure der Gegenwart. Vielseitigkeit war immer sein Kennzeichen. Die Oper ist sein Leben. Er war Vor-zeigeregisseur der DDR, Reisekader West und machte - schon lange vor der Wende - eine erstaunliche internationale Karriere. Am 12. August 1935 wurde  Harry Kupfer in Berlin ge-boren. Eine kritische Würdigung.

 

1992 inszenierte Harry Kupfer im Theater an der Wien die Uraufführung des Musicals Elisa-beth von Sylveser Levay. Er hat sich nicht gescheut, neben Wagner und Mozart, Richard Strauss und Georg Friedrich Händel, Rimsky-Korssakov und Siegfried Matthus, Verdi und Puccini immer wieder Werke der sogenannten „Leichten Muse“ zu inszenieren. Und er hat sie genauso turbulent, ernsthaft, vitalitätsstrotzend, ja oft hyperaktiv in Szene gesetzt, wie ihm seine Kritiker oft vorwarfen. Ob Oper, Operette oder Musical: Harry Kupfer hat in seinen Inszenierungen - nicht nur an der Komischen Oper Berlin - stets den gesellschaftspolitischen, den theatralischen Auftrag in den Vordergrund gestellt. Oftmals auf Kosten der Musik und der Gesangskultur, auf die es ihm nie sonderlich ankam:

" Indem wir versuchen, diese Kunstgattung ernst zu nehmen als theatralische Kunstgattung und mit dieser Kunstgattung zu den Problemen unserer Zeit Stellung nehmen in interessanten, erregenden Interpretationen." (Kupfer)

Zu Zeiten der DDR hat Harry Kupfer  immer wieder erregendes, spannendes, auf einer Metaebene nicht selten sogar subversives Musiktheater zu inszenieren verstanden, das sich in kritischen Bezug setzte zur vorherrschenden gesellschaftlichen Realität und Musiktheater als Refugium der Freiheit begriff. -

Harry Kupfer gehörte zu den Regisseuren der DDR, deren Kindheit von Krieg und Nachkriegszeit geprägt wurden, von Existenzkämpfen, politischen Auf- und Umbruchsitua-tionen, von antifaschistischen Bekenntnissen und sozialistischen Hoffnungen. Schon als Kind gehörte Harry Kupfers ganze Leidenschaft der Oper. In Leipzig studierte er Theater-wissenschaft, 1957 erhielte er sein erstes Engagement in Halle an der Saale, über Stralsund kam er nach Karl-Marx-Stadt zu dem Felsenstein-Schüler Carl Riha und wurde Spielleiter. Dann wurde er 1966 in Weimar Operndirektor. In den folgenden sechs Jahren hat er am dortigen Deutschen Nationaltheater neben dem renommierten Schauspiel eine ebenso ernstzu-nehmende Musiktheatersparte an die Seite gestellt, in die ...

"...natürlich auch die Erfahrungen des Brecht-Theaters eingeflossen sind, das muß ich dazu-sagen, da ich eh in dem Verdacht stehe, ein heimlich verkappter Brechtianer der Opernbühne zu sein, dazu bekenne ich mich aber gern.“ (Kupfer)

Ab 1971 inszenierte Harry Kupfer auch an der Staatsoper in Ost-Berlin. Ein Jahr später wur-de er Operndirektor an der Semperoper in Dresden. Zu diesem Zeitpunkt hatte er  sich be-reits ein umfangreiches Repertoire erarbeitet Kupfer wurde Professor an der Musikhoch-schule in Dresden, 1978 durfte er ausreisen und inszenierte zum ersten Mal bei den Bay-reuther Festspielen, den Fliegenden Holländer. Er wurde Kupfers Einstand als Spitzenre-gisseur des internationalen Musiktheaters.

Er hatte es geschafft, Harry Kupfer war Reisekader West - wie man so sagte - und gehörte zu den Privilegierten der DDR. 1981 wurde er Chefregisseur an der Komischen Oper Berlin. Ein Lebenstraum hatte sich erfüllt. Er konnte sich vor Angeboten an Gastinszenierungen im Westen nicht retten, ob Wien oder Köln, München oder London, Amsterdam oder San Francisco. Sein Bayreuther „Ring“ unter Daniel Barenboims Leitung wurde gefeiert. Harry Kupfer wurde zu einer Ikone des DDR-Musiktheaters. Erstaunlich, daß bis heute die Rück-seite seiner Karriere ignoriert wurde. Immerhin wurde er wohl gezielt zum Gegenspieler der Regisseurin Ruth Berghaus aufgebaut, wie Corinna Holtz in ihrem jüngsten Buch über die Berghaus anhand von Auswertungen brisanter Stasi-Unterklagen ermittelte. Der staatstreue Harry Kupfer gehörte übrigens auch zu den Befürwortern der Biermann-Ausweisung 1976 und hatte sich - wie Peter Schreier, wie Theo Adam - mit einer Ergebenheitsadresse bei den Machthabern des Systems DDR angedient. Man dankte es ihm großzügig. Nicht zuletzt mit mehreren Nationalpreisen. Wie auch immer. In seinen besten Zeiten waren seine Produktionen, ob deutsches oder russisches Repertoire, Offenbach oder Mozart fesselndes, packendes Musiktheater jenseits konventioneller Oper oder Operette. Seit der Wende wurden seine vornehmlich schwarzen, stahlblitzenden Inszenierungen zunehmend austauschbar und blutleer. Sein Weltbild hatte einen Knacks bekommen, sein Künstlertum geriet in eine Krise. Was blieb war virtuoses Handwerk. Heute ist es still geworden um Harry Kupfer, ver-glichen mit dem früheren Rummel um seine Person und sein Theater. Nahezu unverändert blieb seine Physiognomie. Noch immer ist er der nette, freilich inzwischen wasserstoffblonde proletarische Junge vom Ost-Berliner Kiez nebenan. 

"Ich hab einfach vergessen, alt zu werden durch die Arbeit, und das hat sich ausgewirkt auf das Äußere, wobei, wenn ich müde bin und abgestresst und gucke in den Spiegel, dann sehe ich schon so aus, so alt wie ich bin. Aber eigentlich ist die Arbeit doch Freude und ich geh doch nicht morgens mit Grimm oder mit Ärger auf die Probe, sondern eigentlich mit ´nem großen Glücksgefühl und vielleicht wirkt sich das positiv auf Erscheinungsbilder aus.“ (Harry Kupfer)