Dieter David Scholz 

Porträts/Nachrufe

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Renée Fleming – eine Diva?

 

Die US-Amerikanische Sängerin Renée Fleming gehört zu den Top Ten der internationalen Opernbühnen. Ob an der Metropolitan Opera, in Covent Garden oder am Pariser Palais Garnier, die Fleming gehört zu den am begehrtesten, am teuersten gehandelten und am besten vermarkteten Diven. Eine Hommage an die grossen Diven der Vergangenheit ist ihr vor wenige Tagen erschienenes CD-Rezital. Darin bekennt sie sich zu den Diven der Vergangen-heit und dem zum Repertoire der Mary Garden, Maria Jeritza, Emmy Destinn, Rosa Ponselle und Magda Olivero. 

 

 

Seit nunmehr 15 Jahren ist sie im Olymp der Opernwelt ansässig, seit sie ihr Debüt an der New Yorker Metropolitan Opera gab. Renée Fleming zählt zu den Superstars der Opern-szene. „The most beautiful voice“ Amerikas wird sie genant, und sie ist eine bildschöne Frau, deren Optik auf CD-Covers, auf DVDs, in den Magazinen und Werbebroschüren der Schall-plattenindustrie glamourös, verführerisch, geradezu divenhaft vermarktet wird. Auch wenn René Fleming auf ihrer neusten CD eine Hommage an die grossen Diven der Vergangenheit singt, sie selbst will mitnichten als Diva betrachtet werden: 

"Na Danke! Ich hoffe, auf der Bühne wird man mich divenhaft finden,  vielleicht sogar göttlich, denn das bedeutet das Wort ja im Grunde. Und von so einer Diva wird das Publikum einfach auf ein gewisses Niveau erhoben in einer Vorstellung Aber was man nach der Vorstellung macht, das sollte meines Erachtens alles andere sein, als Diva zu spielen. Ich bin privat nicht divenhaft. Dafür habe ich weder Zeit noch Energie. Unser Lebensstil als Sänger ist schwierig genug, dieses ständige Reisen. Und ich reise ja sogar mit Kindern! " 

René Fleming, die stets hypergestylte Opernsängerin mit dem immer perfekten Outfit, die im privaten Umgang so sympathisch unkompliziert ist, gibt allerdings offen zu, dass heute zu einer schönen Stimme auch ein schönes Gesicht gehören muss, um in die Liga der Superstars zu gelangen.

 "Ja, Sie haben recht. Ich weiss, dass das wichtig geworden ist. Die Gefahr ist natürlich, dass man dabei die besten Stimmen vergisst, weil manche guten Sänger vielleicht nicht schön und schlank sind. Das finde ich sehr schade, denn für mich ist die Hauptsache nun mal die Stimme. Ich sage meinen Schülern bei Meisterkursen, die ich gelegentlich mache, ganz ehrlich:  Leider ist das Aussehen eines Sängers sehr wichtig geworden. Die Opernintendanten machen manchmal die Besetzungen mehr mit den Augen als mit den Ohren!"

Jeder Auftritt von Renée Fleming, der 1959 in New York geborenen, unter anderem an der Juliard School ausgebildeten Sopranistin, ist ein Event, der beinahe so gefeiert und begehrt wird wie ein Auftritt von Anna Netrebko, dem jungen, russischen Shootingstar unter den Opernsängerinnen. Dass man Renée Fleming gelegentlich  als ihr reiferes amerikanisches Gegenstück bezeichnet, bringt die souveräne Amerikanerin nicht aus der Fassung. Sie lacht, darauf angesprochen...

"Oh danke, sie ist so jung und so schön, ich finde das sehr  süss, wenn man mich als ihr Ge-enstück bezeichnet. Und sie ist auch eine wunderbare Kollegin, das muss ich wirklich sagen. Und das bedeutet sehr viel für mich. Wir waren neulich zusammen in  Japan und auch in Los Angeles."

Anna Netrebko setzt eher auf Pinup-Girl-Qualitäten. René Fleming wurde von Anfang an als Diva vermarktet. Dabei ist die Mutter zweier 11 und 14 Jahre alter Töchter eine sehr realis-tische Persönlichkeit, die den Spagat zwischen Privatleben und Karriere selbstsicher meistert. Schon aus Selbstschutz, denn der Beruf  - zumal auf dem internationalen Top-Level, hat seinen Preis:

"Der Druck , das Niveau wird immer höher, und  manchmal  hat man das Gefühl, dass man ganz einsam ist auf der Bühne."

Renée Flemings Rezept, wenn es denn eines gibt, den Anforderungen ihrer Starposition auf den ersten Opernbühnen der Welt gerecht zu werden, und den Erfolg Jahr für Jahr zu halten, heißt schlicht und ergreifend: Disziplin.

"Disziplin ist alles! Ffür jeden Musiker. Ich bin begeistert  von meinen Pianisten-Freunden, Evgenyi  Kissin und Jean-Yves Thibaudet, weil sie immer so viel üben. Aber wir Sänger müs-sen auch unsere Technik ständig überprüfen und wir müssen auf unsere Stimmen aufpassen. Und dazu braucht  man ebenfalls Disziplin. Ich wäre ja  lieber jeden Abend in einer Kneipe mit meinen Freunden, und würde zum Abendessen gern ein schönes Glas Wein trinken, und tagsüber gern viel Kaffe. Und ich würde auch gern darauf verzichten, so viel schlafen zu müssen. Aber diese Disziplin ist Notwendig!"   

Ob Selbstdisziplin oder Spontaneität, Inszenierung oder Marketingstrategie: René Fleming – die Vielseitige – ist eine Sängerin, die sich ungeniert zum Starkult bekennt:

"Starkult hat immer existiert. Man sagt natürlich immer: Vor 20 Jahren hatten die Stars noch ein ganz anderes Format als heute. Das ist menschlich. Aber vielleicht wird es in 20  Jahren ja ein paar junge Leute geben, die sagen werden: Wie schade, dass die Fleming nicht mehr da ist. "

(Beitrag für SWR Journal, 25.10.2006)