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Dieter David Scholz
Porträts/Nachrufe ______________________________________________________________________
Riccardo Chaillys Amtsbeginn Heute wird der international gefeierte Dirigent Riccardo Chailly in sein Amt als neuer Ge-wandhauskapellmeister und Generaldirektor der Oper Leipzig eingeführt. Mit einem Festakt im Alten Rathaus und einem Konzert im Neuen Gewandhaus zu Leipzig. Viele Debatten und Kontroversen, Unwägbarkeiten und Unsicherheiten gab es im Vorfeld. Die Einen beklagten, Leipzig könne sich den teuren Dirigentenstar eigentlich nicht leisten. Die Anderen versprechen sich mit hochgesteckten Erwartungen den Beginn einer neuen Ära des Gewandhausor-chesters. Eine Kolumne:
Nun tritt er also offiziell sein Amt als 19. Gewandhauskapellmeister an. Der Zeitpunkt könnte nicht günstiger sein. Wäre Riccardo Chailly vor 9 Jahren nach Leipzig gekommen, als Kurt Masur, der langjährige Gewandhaus-Platzhirsch in Zorn und Unfrieden abgetreten war, hätte er womöglich das Orchester überfordert und sich selbst einen Bärendienst erwiesen. Zu lange, 26 Jahre, hat das Orchester im eigenen Saft geschmort und privilegierte Nabelschau betrieben, unter künstlerisch nachteiligen Bedingungen politischer Abnabelung vom Rest der Welt. Und der Publikums- wie Politikerliebling Kurt Masur war – mit Verlaub gesagt – nicht mehr als ein gediegener Kapellmeister, aber auch nicht weniger. Man höre sich nur einmal Aufnahmen des Gewandhausorchesters aus der Ära vor Masur an, etwa der Beethoven-Sinfonien mit Franz Konwitschny aus dem Jahre 1959. Solche Brillianz, Klangschönheit und technische Raffinesse war unter Masur abhanden gekommen. Eines der traditionsreichsten bürgerlichen Orchester Europas war an einem Tiefpunkt angelangt. Da kam Herbert Blomstedt, der schwedisch-amerikanische Präzisionsfanatiker gerade recht. Er hat mit Präsenz und Fleiß, Repertoireerweiterung und Verjüngung der Pulte um etwa ein Drittel das bei Masurs Abgang ledierte und in Routine erstarrte Orchester seinen alten, so prägnanten Klang und seine hohe Spielkultur wieder finden lassen. Man kann ihm nicht genug dafür danken. Heute präsentiert sich das Gewandhausorchester in Bestform. Die Zeit ist reif für einen Neuanfang, man könnte auch sagen für einen Kurswechsel, wie es ihn ja immer wieder gab in der mehr als 260-jährigen Geschichte des Gewandhauses. Auf die Weltoffenheit Felix Mendelssohns, des berühmtesten Gewandhauskapellmeisters, folgte eine Phase der Provinzialität. Arthur Nikisch hat dem Orchester dann zu internationalem Re-nommee verholfen. Dann kamen Wilhelm Furtwängler und Bruno Walter, Hermann Abendroth und Franz Konwitschny, Vávclav Neumann und Kurt Masur. Äußerst konträre Persönlichkeiten wechselten sich ab und warfen das Ruder auf der Fahrt zwischen Erstarrung und Erneuerung, Tradition und Aufgeschlossenheit gegenüber Neuem, mal in diese, mal in jene Richtung herum. Nach den sieben erfolgreichen Aufbaujahren des Orchestererziehers Blomstedt ist das Ge-wandhausorchester heute in der Lage, einem internationalen Pultvirtuosen wie Chailly stand halten, mit ihm renommieren, und den angekündigten Spagat zwischen Klassik und Avant-garde wagen zu können. Chaillys Antrittskonzert ist geradezu Programm: Mendelssohns Lob-gesang-Symphonie-Kantate, die Sommernachtstraum-Ouvertüre und eine Uraufführung von Wolfgang Rihm. Weiter könnte die Spannweite nicht reichen. Eine neue Ära bricht ganz sicher an in Leipzigs Neuem Gewandhaus. Auch die Leipziger Oper verspricht sich mit Riccado Chailly einen kräftigen Innovations- und Qualitätsschub. Sie hat ihn auch nötig! Und nicht nur in der Messestadt an der Pleiße wird Riccardo Chailly, der schon in Berlin und London, Mai-land und Amsterdam Maßstäbe setzte, künftig Aufsehen erregen. nicht Nicht nur die musikalische Weltöffentlichkeit wird künftig ´gen Leipzig blicken, das sich diesen teuren Pultheroen leistet. Das Außergewöhnliche war noch nie preiswert. Und in Kultur zu investieren, ist zumal in Mitteldeutschland, identitätsstiftend und wirtschaftsfördernd. Ganz sicher wird auch für die Musikkultur in den Neuen Länder überhaupt, man muß nicht nur an Dresden denken, das nun aufgeschlagene Kapitel Riccardo Chailly Konkurrenz und Ansporn sein.
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