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Dieter David Scholz
Porträts/Nachrufe ______________________________________________________________________
Abschied eines Grandseigneurs
Moderator: Gestern, am 1. Juli 2005 war es soweit. Herbert Blomstedt, der in Amerika geborene schwedische Dirigent, seit sieben Jahren Gewandhaus Kapellmeister, nahm seinen Abschied. Ein großes Ereignis. Nun könnte man sagen: GH-Kapellmeister kommen und gehen. Herbert Blomstedt war der achtzehnte? Was ist das Außergewöhnliche an ihm? _______________________________________________________________________
Einmal die Persönlichkeit Blomstedts, die so ganz anders ist als die seines Vorgängers Kurt Masur, der ja ein sehr eitler Machtmensch mit Hang zur Politik war. Ein polternder, tempera-mentvoller Repräsentant, der den Apparat beherrschte und nicht ganz konfliktfrei sein Or-chester verlassen hat. Blomstedt ist das ganze Gegenteil. Er ist ein außerordentlich beschei-dener, völlig uneitler, ein bei aller Ernsthaftigkeit doch sehr humorvoller, ein zurückhaltender, ein feiner und tiefreligiöser Mensch, was auf seine Art zu musizieren natürlich Auswirkungen hat. Er begreift Musizieren, also in seinem Falle Dirigieren als ein Dienen. Und er ist - im Ge-gensatz zu Masur - sehr unautoritär mit den Musikern des Leipziger Gewandhauses umgegangen. Verständlich, daß die Musiker ihn sehr lieben. So einen umgänglichen, in sich ruhenden und deswegen vielleicht so unexzentrischen Menschen werden sie so schnell als Chef nicht wieder finden. ______________________________________________________________________ Moderator: Nun ist die Menschlichkeit die eine Sache. Die künstlerischen Leistungen sind die andere. Viele Leipziger sind Herbert Blomstedt, als er mit 71 Jahren sein Amt antrat, zunächst mit Skepsis entgegengetreten. Ein Alter, in dem die meißten seiner Vorgänger den Taktstock bereits aus der Hand gelegt hatten. Gestern wurde Herbert Blomstedt gerade wegen seiner besonderen Verdienste gewürdigt und gefeiert, nicht zuletzt mit einem großen Festakt im Alten Rathaus. Welches sind die Verdienste von Herbert Blomstedt? ______________________________________________________________________ Er hat für alle Skeptiker schon in seiner ersten Spielzeit deutlich gemacht, was er für Einer ist: er hat allein in dieser ersten Spielzeit 19 Stücke gespielt, die man im Gewandhaus noch nie gehört hat, darunter zwei Uraufführungen. Und wenn man seine sieben Jahre seit 1988/89 im Rückblick betrachtet, dann sind sie rekordverdächtig. Blomstedt hat nicht weniger als 486 Konzerte in Leipzig selbst dirigiert. Er hat 182 Tourneekonzerte in 18 Länder gegeben, darunter zum ersten Mal Konzerte dieses Orchesters im fünften Kontinent, also in Australien, auch in Malaysia und Singapur. Blomstedt hat aber auch das das Repertoire enorm ausge-weitet, beispielsweise ins Skandinawische und ins Französische. Und er hat aber auch viel Bach gespielt mit seinem Orchester. Und er hat für regelmäßige Auftritte von Gastdirigenten aus der Riege der historischen Aufführungspraxis gesorgt. Nicht zu vergessen, die Orchester-kademie, die er gründete - in Sachen Nachwuchs nicht zu unterschätzen -. und das publicityträchtige Management Symphony Orchestra, ein Laienorchester aus Führungskräften der Wirtschaft, Industrie, Politik und Wissenschaften, das er ins Leben rief. Die Platzaus-nutzung der Großen Konzerte hat Blomstedt übrigens auf fast 100 Prozent gesteigert. Das ist schon sehr beachtlich. Aber nicht nur Quantitativ ist seine Zeit als Gewandhaus-Kapellmeister beeindruckend. Er hat das Orchester, das zu Abgangszeiten von Kurt Masur ziemlich lediert und mit Verlaub gesagt, in Routine erstarrt war, war zu einem außerordentlich biegsamen, brillianten und jungen Spitzenorchester umgeformt. Auf der Grundlage der großen vorhan-denen Tradition seit Mendelssohn hat Blomstedt das Orchester seinen alten, so prägnanten Klang - den man ja auf den Vor-Masur-Aufnahmen so wunderbar hört - wieder zurück-erobern lassen. Rund 50 Stellen hat er neu besetzt, also fast ein Drittel des Orchesters. Er übergibt seinem Nachfolger Riccardo Chailly heute ein Orchester, das von der Repertoire-kenntnis her, also stilistisch, aber auch technisch in Top-Form ist. ______________________________________________________________________ Moderator: Das Stichwort Nachfolger ist gefallen. Selten ist ein Amtswechsel, eine Nachfolge so reibungslos, ja harmonisch und einträchtig in der Geschichte des Gewandhauses vonstatten gegangen wie zwischen Herbert Blomstedt und Riccardo Chailly. Im Abschlußkonzert gestern abend saß in der ersten Reihe Riccardo Chailly. Am Pult Herbert Blomstedt. Am Ende um-armten sich beide und das Publikum tobte vor Begeisterung.... ______________________________________________________________________ Ja, es war eine unglaubliche Stimmung im Gewandhaus gestern abend, eines jener Konzerte, die man nicht vergessen wird. Dieser Gestus des Weitergebens der Stafette ist schon sehr un-gewöhnlich, Sie haben recht. Aber das hat natürlich auch mit dem Generationsunterschied Blomstedt-Chailly zu tun. Die beiden kommen sich nicht ins Gehege, respektieren sich, achten sich gegenseitig. Beide haben sie viel geleistet, gehören sie zu den Besten im internationalen Vergleich. Und der verdiente Ruhm der zurückliegenden sieben fetten Jahre Blomstedts in Leipzig ist nicht minder gewichtig als die Vorschußlorbeeren, die Riccardo Chailly zurecht - wie ich meine - bereits heute genießt beim Publikum. Blomstedt hat schon in Dresden und San Francisco Furore gemacht, bevor er nach Leipzig kam, Chailly in Amsterdam und in Mailand. Die beiden sind so gegensätzlich, wie sie gegensätzlicher nicht sein könnten. Blomstedt ist bekennender Vegetarier und Nichtalkoholiker, Chailly hat eine naturgemäße Affinität zu Trüffeln, Gänseleber und Champagner. Und er bekennt sich mit Leidenschaft dazu. Es wird ein neues Kapitel anbrechen in der Geschichte des GH-Orchesters. Und das ist gut so. Nur eine konträre Persönlichkeit kann nach dieser Ära Blomstedt die Geschicke dieses traditions-reichen Orchesters in die Hand nehmen. Blomstedt bleibt dem Orchester als Gast sicher erhalten, und nicht nur das: Er wurde gestern abend, am Ende des Konzertes zum Ehren-dirigenten des Leipziger gewandhauses ernannt, was er mit offensichtlicher Rührung und mit Freude entgegennahm. _______________________________________________________________________ Moderatoor: Noch ein Wort zum Konzert vielleicht. Mit Bruckners Dritter begann Blomstedt, und er hat sich verabschiedet mit Bruckners Achter.... _______________________________________________________________________ Ja, Bruckner ist natürlich einer seiner Leib- und Magen-Komponisten. Die Bruckner-Sin-fonien sind für Blomstdet Kathedralen-Architekturen. Blomstedt hat einmal gesagt: Mahler sei ein Komponist auf der Suche nach Gott. Bruckner, habe ihn bereits gefunden. Da gilt dann natürlich der Satz: Der Glaube macht selig. Blomstedt attestierte in seiner Rede beim Festakt gestern vormittag schon, daß kaum ein anderes Orchester auf der Welt so gläubig, so prädestiniert sei für Bruckner wie das Gewandhausorchester. Nicht zuletzt weil sich von den Gewandhaus-Bruckner-Uraufführungen natürlich der Ruhm und der Erfolg dieses Kompo-nisten verbreitet hat. Das Gewandhaus ist das Bruckner-Orchester schlechthin. Gestern Abend hat es dies einmal wieder eindrucksvoll demonstriert. Das Orchester war einfach himmlisch, um im Vokabular Blomstedts zu bleiben. Blomstedt war in seinem Element und über alle Maßen souverän. Man hat nur selten Bruckners Achte so schlüssig, so überwältigend, so einleuchtend gehört. Das Publikum war außer Rand und Band vor Begei-sterung. Verständlich, und so war dieses an sich traurige Ereignis des Abschieds doch noch ein großes Fest der Freude. MDR-Figaro, 2.7.2005
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