Dieter David Scholz 

Porträts/Nachrufe

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Virtuose wider Willen
Arcadi Volodos: ein zweiter Horowitz?

 

Er ist erst Fünfundzwanzig und hat bereits nach wenigen Auftritten einige der renommiertesten Konzertpodien der Alten wie der Neuen Welt erobert. Seine Konzerte sind pianistische Events. Der Ruf eilt ihm schon jetzt voraus, als zweiter Horowitz in die Annalen einzugehen. Nach einem Orchesterkonzert in Dresden hat er sich im Berliner Kammermusiksaal der Philharmonie am 2. November 1997 dem deutschen Publikum mit einem Soloabend als einer der hoffnungsvollsten Nachwuchspianisten vorgestellt. Ein Porträt von Dieter David Scholz, der sich mit dem russischen Pianisten nach seinem Berliner Debüt unterhalten hat.

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Ruhig und behäbig, fast schwerfällig betritt ein kleiner, etwas gedrungener, durchaus beleibter und nicht eigentlich seinem Alter gemäß jugendlich wirkender Herr im grauen Anzug das Podium. Etwas Bürokratisches haftet ihm an. Er verbeugt sich steif, setzt sich rasch ans Klavier, sammelt sich ungewöhnlich lange, lehnt sich weit zurück, statt des Klavierhockers bevorzugt er einen bequemeren Stuhl mit Lehne, wirft den Kopf in den Nacken und beginnt mit ausgestreckten Händen zu spielen. Man denkt unfreiwillig an eine berühmte Brahms-Kari-katur. Arcadi Volodos, der fünfundzwanzigjährige St. Petersburger, spielt entspannt, gelas-sen, ohne sichtbare Anstrengung. Keine Showeffekte, keine großen Bewegungen. Äußerste Konzentration, kraftvoller Anschlag. Schon die ersten Töne von Skrjabins Enigme, Op. 52,2 offenbaren unmißverständlich, daß hier ein Ausnahme-Virtuose am Werk ist. Äußerste piani-stische Kontrolle, technische Brillianz, ungewöhnlicher Reichtum an abgestuften Ausdrucks-nuancen, artikulatorische Deutlichkeit, sonorer Klang, hohes Reflexionsniveau und er-staunliche Selbstsicherheit, gepaart mit einer unprätentiösen Ruhe, zeichnen Volodos´ Spiel aus. Robert Schumanns „Bunte Blätter“ Op. 90 beginnen unter seinen Händen in hundert Farben zu leuchten. Stücke von unterschiedlichsten Aromen werden mühelos und in anspre-chnden Tonlinien aneinandergereiht, jedes eine Trouvaille für sich. Ob Schumanns Geist getroffen wird, ist ein Anderes.  Sanfte Mittelstimmen, weicher, wenn auch kontrollierter und immer bestimmender Baß zeichnen die souverän atmende Gestaltung Volodos´ aus. Sein eher introvertierter Gestus läßt bei Schumann noch keineswegs an den brillianten und tempera-mentvollen Virtuosen denken, als der er sich im weiteren Verlaufe des Konzerts erwies, kaum daß er die Horowitzsche „Hochzeits­marsch“-Paraphrase aus Felix Mendelssohn Bartholdys „Sommernachtstraum“-Musik anspielt. Er spielt auch  Horowitzens Bearbeitung von Franz Liszts „Ungarischer Rhapsodie“ Nr. 19, dessen „Carmen“-Paraphrase. Zu schweigen von seiner eigenen, hochvirtuosen Paraphrase des „Türkischen Marsches“ aus Mozarts Sonate Nr. 11 in A-Dur.  Die Horowitz-Bearbeitungen, von denen übrigens keine Note existiert, hat sich Volodos von Platten-Aufnahmen abgehört. Er spielt sie mit aber-witziger Fingerfertigkeit. Kein Oktavenlauf ist ihm zu kompliziert, keine Sechzehntel-Roulade, kein Triller ist ihm zu unanständig, er ist um keinen Fingersatz verlegen. Seine kleinen Hände mit den kurzen Gliedmaßen vollbringen wahre Wunder an Tasten-Akrobatik und Kraft.  So gewandt und artistisch hat man lange keinen Pianisten mehr spielen gehört und gesehen. Ein junger Hexenmeister ohne Frage.

 

Mit seiner ersten, jüngst erschienenen CD (Sony Classical CD 64291, siehe Fono Forum 11/97) präsentiert sich Arcadi Volodos denn auch uneindeutig als Paraphrasen-Spezialist und Virtuose im Fahrwasser Cyprien Katsaris´ oder Leslie Howards. Wie ein Paukenschlag machte Volodos mit dieser CD die Musikwelt auf sich aufmerksam, auf der er sich, unge-wöhnlich genug, ausnahmslos mit Paraphrasen dem breiten Publikum vorstellt. Daß dieses Genre „second hand-Ware“ sei, hält er übrigens für unzutreffend: „es hängt von den Trans-kriptionen ab. Es gibt gute und schlechte, fade und solche, die das Original übertreffen! Ne-benbei gesagt, habe ich mehr originale als paraphrasierte Musik  gespielt bisher. Es war mein und natürlich auch das Anliegen der Plattenfirma, daß diese Transkriptionen zum ersten Mal veröffentlicht wurden. Und ich konnte neben dem Vorzeigen meines pianistischen Könnens auch ein bißchen als Bearbeiter, als Komponist gewissermaßen, auftreten. Auch hatte ich die Möglichkeit, mich gleich in einem breiten stilistischen Spektrum, von Bach bis Prokofiev vorzustellen.“

Seine Idole sind, natürlich, Wladimir Horowitz (den er mitnichten zu kopieren trachtet), aber auch Sergei Rachmaninow, Arthur Schnabel, Walter Gieseking, Alfred Cortot, deren Auf-nahmen sich der junge Pianist oft angehört hat. Aus der russischen Tradition haben ihn vor allem Sviatoslav Richter, Wladimir Sofronitzky und Samuel Feinberg, dessen Bach- und Tschaikowsky-Paraphrasen er auf seiner ersten CD wiederentdeckte, beeinflußt.

Arcadi Volodos kommt aus einer musikalischen Familie. Seine Eltern und sein Stiefvater sind alle Sänger gewesen. Im Alter von Neun hat er zum ersten Mal die Tasten eines Klaviers berührt. „Gott sei Dank hat das niemand aufgenommen!“ Er war alles andere als ein Wun-derkind.  „Mit Fünfzehn begann dann die Krankheit des Klavierspielen-Wollens. Da wußte ich, ich werde das Klavierspielen zu meinem Beruf machen.“ Er hat Gesang und Chor-dirigieren studiert, ohne daran zu denken, je dirigieren zu wollen. „Dazu ist mein Respekt vor den notwendigen organisatorischen Talenten eines Dirigenten zu groß, auch wenn, oder gera-de weil einige meiner Berufskollegen vom Klavier ans Pult wechselten“. Galina Eguizarowa in St. Petersburg, Jacques Rouvier in Paris und Dimitri Baschkirov in Madrid waren seine Kla-vier-Lehrer. „An Baschkirow, der über eine hohe musikalische Kultur verfügt,  habe ich be-sonders geschätzt, daß er jeden, auch noch den lernenden Klavierspieler als Individualität respektiert.“ 

1991 trat er zum ersten Mal öffentlich auf in New York, in einer Konzertreihe „New Names“. Schon das war ein beachtlicher Erfolg! Fünf Jahre später debütierte er in der Londoner Wig-more Hall. Da war er schon kein Unbekannter mehr. Im Dezember 1996 spielte er Rachma-ninows zweites Klavierkonzert mit dem Boston Symphony Orchestra unter Seiji Ozawa in der Carnegie Hall in New York. Mit dem Royal Concertgebouw Orchestra spielte er dasselbe Stück unter Leitung Riccardo Chaillys im August und September 1997 auch in Am-sterdam. Eine Europa-Tournee durch England, Deutschland (Dresden), Spanien und die Schweiz schloß sich an. Die Presse jubelte allerorts. Seither reißen sich die großen internationalen Orchester, Dirigenten und Konzertveranstalter um ihn. Eine USA- und Cana-da-Tournee steht bevor. Er wird beim nächsten Maggio Musicale in Florenz spielen, das Tonhalle-Orchester Zürich, das Dänische Radio Sinfonie Orchester, das San Francisco Symphony, auch das Israel Philharmonic haben ihn verpflichtet. Er wird außer mit Riccardo Chailly unter anderem mit Dirigenten wie Vladimir Fedosejef, Antoni Wit, Yan-Pascal Tortelier und Alexander Lazarev musizieren. Sein Terminaklender der nächsten Jahre ist bereits dicht gefüllt.

Arcadi Volodos hat bisher vergleichsweise wenige Konzerte gegeben. Obwohl er erst am Anfang einer verheißungsvollen Karriere steht, beherrscht der Spätstarter bereits ein statt-liches Repertoire, das er denn auch mit Selbstbewußtsein aufzählt: „Ich beherrsche fast alle Sonaten von Schubert, ich spiele den ganzen Mozart, auch Clementi. Schumann spiele ich auch sehr viel, und Brahms natürlich, auch seine Sonaten.“ Daß er die russische Klavierlite-ratur bei der Aufzählung seines Repertoirs nicht nennt, erstaunt einigermaßen. „Es ist doch nur ein kleiner Teil meines Repertoirs. Natürlich spiele ich viel Skrjabin, Rachmaninow, Tschaikowski, aber das ist nicht mein Zentrum.“

Der russischen Schule allerdings fühlt er sich ausnahmslos verpflichtet. „Alle meine Lehrer wa-ren Russen, ich bin Russe und ich bin aus der russischen Pianistentradition hervorgegangen.  Deshalb fühle ich mich geradezu verpflichtet, gelegentlich auch die weniger bekannten russischen Autoren außerhalb Rußlands vorzustellen. Ich hatte nie Ambitionen, immer nur die altbekannten Evergreens meiner Kollegen nachzuspielen, Mondscheinsonate oder Me-phistowalzer, das ist doch langweilig.“  

So ungewöhnlich wie sein Konzertrepertoire ist der bisherige Lebensweg des Nachwuchs-virtuosen. Paris, wo sein Vater lebt, und St. Petersburg, der Wohnort seiner Mutter, markieren die existenziellen Pole, zwischen denen seine künstlerische Identität sich entfaltet hat. In St. Petersburg hat er sein pianistisches Handwerk gelernt, in Paris holte er sich den Feinschliff, in Madrid hat er die Meisterschaft erworben. Frankreich hat für ihn ohne Frage eine große biograhische Bedeutung. Schon sein Vater  lebt bereits 15 Jahre in Frank-reich und hat die französische Staatsbürgerschaft. In Paris, wo Arcadi Volodos drei Jahre studierte, hat er sich sehr wohlgefühlt. „Aber auch in Spanien habe ich mich schnell eingelebt.“ Bei der Frage, wo er sich zuhause fühle, lacht er „eine komplizierte Frage, die ich nicht beant-worten kann. Wenn ich nach Frankreich komme, denke ich, dort bin ich zuhause, komme ich nach Spanien und treffe dort meine Freunde, fühle ich mich dort ebenfalls geborgen und heimisch.“ Arcadi Volodos, der Kosmpolit, sitzt gewissermßen zwischen den Stühlen, biographisch und pianistisch wohl einstweilen auch.

Die Vorstellung, daß er aufgrund seines CD-Debüts naheliegenderweise als neuer Stern am Virtuosen-Himmel etikettiert werden könne, gefällt ihm ger nicht. „Was heißt denn schon die Tatsache,  daß Einer als virtuos bezeichnet wird, und der Andere nicht? Auch Rubinstein und Horowitz waren Virtuosen, aber sie waren mehr, waren vor allem sehr große Musiker. Sie als bloße Virtuosen abzutun, ist einfach dumm. Der Begriff ‘Virtuose’ meint doch nicht mehr als die technisch brilliante Beherrschung des Klaviers, oder? Aber Technik hat nie eine Rolle für mich gespielt. Sie ist die notwendige Voraussetzung, mehr nicht. Ich betrachte sie nie abge-koppelt von der Musik. Wenn ich ein neues Stück erarbeite, denke ich zunächst überhaupt nicht an die Technik,  oder an die technische Umsetzbarkeit. Ich übe auch nicht unmäßig viel. Was auf Konzertreisen ohnehin schwierig ist. Es hat mich auch nie in Verlegenheit gebracht, als bloßer Virtuose eingeschätzt zu werden. Kritik war für mich im übrigen nie eine Autorität. Ich höre allenfalls auf meine Freunde, meine Berufskollegen und meine Lehrer. Was die Kritiker schreiben und befinden, geht mich nichts an!“ 

An Selbstsicherheit mangelt es dem Fünfundzwanzigjährigen nicht. Man merkt es auch seinem Spiel an. Selbst bei anspruchsvollsten Piècen verrät allenfalls die auffällig bewegte Mimik sei-nes Gesichts so etwas wie Leidenschaft. Aus der Reserve gerät Arcadi Volodos nur gele-gentlich. Bei den atemberaubendsten Paraphrasen schimmert sogar hin und wieder etwas Sportliches, Tänzerisches bei dem ansonsten so behäbig wirkenden Jungpianisten durch. „Es ist aber gar nicht meine Absicht, als virtuos betrachtet zu werden. Und mit Sport habe ich überhaupt nichts am Hut. Es ist eher die Polyphonie, die mich an solchen virtuosen Bravour-stückchen begeistert. Der virtuose Effekt hat für mich keinerlei eitlen Selbstzweck. Ich möchte eher etwas vom originalen Charme der Stücke und ihrer Urheber mitteilen. Und ich möchte mit diesen expressiven Paraphrasen auch ein wenig Humor, Ironie und kritischen Abstand dem Ernst der Originale gegenüber demonstrieren. Wenn ich in den Verdacht eines neuen Salonvirtuosen gerate, bitte schön! Sollen sie mich doch mit Etiketten bekleben, wie sie wollen, ich lasse mich davon nicht beeindrucken. Ich habe mir meinen Weg vorgenommen, und da bin ich unbeirrbar. Ich bin Musiker, bin Pianist, und ich will mich entwickeln. Ich betobe noch einmal: die Paraphrasen und Transkriptionen nehmen keinen größeren Stellen-wert in meinem Repertoire ein.“

Festlegen will sich Arcadi Volodos noch nicht. Wie sollte er auch, mit Fünfundzwanzig? „Lieblingskinder“ hat er, natürlich. „Jedesmal, wenn ich Skrjabin spiele, denke ich, der ist mir der Liebste, dann spiele ich Schumann und es geht mir genauso. Wieder denke ich: das ist mein Komponist. Im Grunde halte ich jeden Komponisten, wenn ich mich gerade in ihn vertiefe und ihn spiele, für meinen Lieblingskomponisten. Gibt es ihn überhaupt wirklich? Ich bin vielleicht noch auf der Suche nach ihm. Und das ist doch ganz normal und richtig so. Oder nicht? Ein Mensch sollte doch immer auf der Suche sein, auch mit Fünfundsiebzig noch.“

Man wird gewiß noch viel von Arcadi Volodos erwarten dürfen. Seine Karriere im Kon-zertsaal und auf CD scheint vorherbestimmt. Weitere CD-Pläne verrät er allerdings noch nicht. Er möchte aber bald einen Lifemitschnitt eines Rezitals veröffentlichen. Studiopro-duktiuonen sind nicht seine Sache. „Wenn ich jetzt an weitere CD-Produktionen denke, dann auf jeden Fall in Sachen romantischer Musik, Schubert und Schumann möchte ich gerne einspielen. Als Zugabe vielleicht ein paar Paraphrasen, natürlich, das erwartet man ja von mir, aber nur als Humoresken. Ich möchte ja doch als ernsthafter Pianist verstanden werden, und nicht als pianistisches Zirkuspferd.“ Neue Transkriptionen zu schreiben, reizt ihn wenig, ob-wohl er sie auch, wie er freimütig eingesteht, auf seinen kommenden CDs nicht aussparen möchte. Er ist sich ihrer Wirkung  eben nur zu bewußt. „Meine bisherigen Transkriptionen entstanden alle in den Pausen zwischen den Übungen und Proben, sie sind als spontane Improvisationen entstanden, nicht als gezielte, ausgetüftelte Kompositionen. Ich habe schon immer leidenschaftlich gern improvisiert. Es macht mir großen Spaß und entspannt mich.“

Entspannt wirkt der junge Pianist Volodos durchaus, jedenfalls wenn er am Klavier sitzt. Im Solistenzimmer trinkt er eine Flasche Coca Cola nach der anderen, sein Handy liegt immer eingeschaltet griffbereit. Zeitgeist obwaltet. Sinnlichkeit geht von Arcadi Volodos nicht eigentlich aus. Nicht die Spur von Bohème-Aura. Umgeben von Verehrern und Autogramm-jägern wirkt er schon heute eher wie ein in die Pflicht genommener, gestreßter Geschäftsmann. Seine Physiognomie und sein Auftreten verraten denn auch strengste Arbeits-Disziplin und eisernen Kunst-Willen. Immerhin haben ihn die Studien-Jahre in Frankreich zumindest kulinarisch verwöhnt und geprägt. Zu dieser einen Genußform bekennt er sich ungeniert. „Essen und Trinken spielen für mich eine große Rolle. Sieht man mir das nicht an?“ In seiner Freizeit hört Volodos viel Jazz, er liest viel, wandert gerne. Doch viel Zeit für ausgedehnte Spaziergänge in freier Natur wird ihm kaum mehr bleiben angesichts seines Erfolges.

Von der Liebe mag er nicht reden. Kaum zu glauben, sie spiele für ihn, den Fünfund-zwanzigjährigen, keine Rolle. Woraus er seine Energie schöpft? „Aus der Liebe zur Musik!“. In naher Zukunft hat er sich übrigens viel vorgenommen: „Ich möchte in der nächsten Zeit die Beethoven-Sonaten spielen im Konzertsaal, jedenfalls die meißten. Ob ich jemals alle 32 werde spielen können, weiß ich nicht. Ich weiß ja auch nicht, wie das weitere Leben so spielt mit mir.“

Fono-Forum 1997