Dieter David Scholz

Opernjahresrückblick 2005

Der Wirbel um Anna Netrebko  in diesem Sommer bei den Salzburger Festspielen illu-strierte es eindrucksvoll: Mehr denn je dreht sich der gegenwärtige Opernbetrieb um einzelne Stars. Das ist Chance und Gefahr zugleich. Chance, weil sich in Zeiten knapper Kassen möglicherweise ein breiteres Publikum für die Oper gewinnen lässt - Gefahr, weil die künstlerische Leistung in den Hintergrund zu treten droht. Das Spiel mit bekannten Namen kann auch gründlich schief gehen. Zumal bei der gegenwärtigen Tendenz des Musiktheaters, Quereinsteiger, etwa Filmregisseure inszenieren zu lassen. Filmregisseurin Doris Dörrie erfuhr das mit ihrem absurderweise auf dem Planeten der Affen angesiedelten «Rigoletto» in München ebenso wie ihr Kollege Bernd Eichinger mit einem science-fictionhaften «Parsifal» an der Staatsoper Unter den Linden in Berlin. Prominente Namen, das gilt auch für Schauspielregisseure,  sorgen zwar für rege Publicity, aber we-der für neue Zuschauerschichten, volle Häuser oder plausible Deutungen. Das gilt auch für Bayreuth.

Ich bin kein Messias Ich hoffe, ich muß das auch nicht sein. Wir wollen mit großer Freude  hier etwas anzünden. Wir wollen wirklich einfach interessantes Theater mache." (Christoph Marthaler)

Es war alles andere als interessantes Theater, das  Christoph Marthaler  in seinem dies-jährigen Bayreuther „Tristan“ in einem  wie immer schäbigen 60er-Jahre-Bühnenbild von Anna Viebrock darbot. Eine der langweiligsten Deutungen des Musikdramas überhaupt. - Und an der Deutschen Oper Berlin setzte Volker Schlöndorff Janaceks Oper „Aus einem Totenhaus“ in den märkischen Sand. Am gleichen Haus hat, konzertant immerhin, der Nachfolger des ausgeschiedenen Chistian Thielemann, der neue Musikchef Renato Pa-lumbo mit dem geisterhaften Opernerstling „Le Villi“ von Giacomo Puccini Neugier auf unausgetretene Wege und musikalischen Feinsinn bewiesen, in einem Haus, das leider seit dem Amtsantritt von Intendantin Kirsten Harms, die von Kiel in die Hauptstadt wechselte, die Spree hinab geht, um es salopp zu agen.

Personelle Wechsel und Weichenstellungen prägten den Betrieb an einigen großen Häusern, in München, in Stuttgart,  und in Hamburg. Dort verabschiedete sich General-musikdirektor Ingo Metzmacher. Seine Nachfolgerin Simone Young hat im September mit einem vielbelobten Dirigat einer Neuinszenierung von Hindemiths „Mathis der Maler“ ih-ren Einstand in der Hansestadt gegeben.

"Was mir wichtig ist, ein Zeichen zu setzen: so wird die Hamburgische Staatsoper für die nächsten fünf Jahre. " (Simone Young)

Heftige Turbulenzen gab es zeitweise an der Bayerischen Staatsoper in München. Der Freistaat löste den Vertrag mit dem ursprünglich als neuer Intendant vorgesehenen Christoph Albrecht nach Problemen mit dem neuen Opernmusikchef Kent Nagano über-raschend auf. Opernintendant in der Nachfolge von Sir Peter Jonas soll nun der Wiener Burgtheaterchef Klaus Bachler werden. Mit Jonas wird auch Generalmusikdirektor Zubin Mehta München verlassen. Auf Neubeginn stehen die Zeichen auch an der seit Jahren sehr erfolgreichen Staatsoper Stuttgart: Intendant Klaus Zehelein geht nach der laufenden Spielzeit 2005/06, aus Hannover kommt Nachfolger Albrecht Puhlmann. Mit Busonis «Doktor Faust» gelang Stuttgart nach Auffassung von Fachkritikern die «Aufführung des Jahres».

Kontinuität wird in Frankfurt am Main groß geschrieben: Intendant Bernd Loebe, der antrat, die künstlerische Qualität des Hauses zu steigern, verlängerte bis 2013. Als neuen Generalmusikdirektor ab 2008 holte Loebe den Dirigenten Sebastian Weigle. 

In Dresdens Semperoper, die sich mit Millionenschulden herumschlagen muß, huldigte man 2005 dem lokalen Barockopernkomponisten-Star Johann Adolf Hasse mit einer „Cleofide“, in Leipzig mit „Temistocle“ des unterschätzten Bachsohn Johann Christian. Riccardo Chaillys mit Spannung erwartetes Antrittsdirigat als neuer GMD der Oper Leip-zig war ein großer Erfolg. Die Inszenierung allerdings dieses Verdischen „Maskenball“ war eher ein künstlerisches Menetekel. Aber immerhin: in der Opernstadt Leipzig verspricht man sich mit Chailly Aufwind, und er ist – trotz bedenklicher Finanzprobleme in der Pleißestadt – noch zuversichtlich:

"Das Opernhaus ist kompliziert, unter vielen Aspekten  und  aus organistorischen Gründen. Aber ich merke: alles hat Potenzial, hat Qualität und will auch! Aber mit einer Vision für die Zukunft ohne Geld geht ein solches Opernhaus nicht weiter! (Riccardo Chailly)

Besonders die kleinen Bühnen haben in diesem Jahr erstaunlichen Mut bewiesen, eine Reihe von selten gespielten Opern  auf die Spielpläne zu setzen, beispielsweise das Mittel-sächsische Theater in Freiberg im Erz­gebirge, das Lortzings Oper „Rolands Knappen“ ausgrub und, man hörte und staunte, auch wenn es ein musikalischer Grenzgang war, die bürgerliche Musikkomödie „Intermezzo“ von Richard Strauss. Und im Mainfranken-Theater Würzburg hat Christian Pöppelreiter eine hochinteressante Inszenierung der ju-gendlichen Wagneroper „Die Feen“ gewagt. Wer also außer dem üblichen Repertoire-Mainstream selten oder nie gesehenes Musiktheater erleben will, der muß vor allem in die sogenannte Provinz reisen. Daß auch kleine Häuser mit Gastspielen sogar im Ausland Furore machen können, bewies das Staatstheater Nürnberg: Es exportierte seine kom-plette Produktion von Wagners Nibelungenring nach China. In Peking erregte diese  erste «Ring»-Aufführung im «Reich der Mitte» großes Aufsehen. – Überhaupt erlebte man – mit Verlaub gesagt - die faszinierendsten Opernaufführungen im Jahre 2005 im Ausland. Im wiederaufgebauten Teatro La Fenice in Venedig beispielsweise dirigierte Gabor Ötvös einen geradezu sensationellen „Parsifal“ wie man ihn so nicht einmal in Bayreuth hören konnte. Im südfranzösischen Festspielort Aix-en-Provence gelang Patrice Chéreau eine Jahrhundertinszenierung von Mozarts „Cosi fan tutte“.

In Athen, das zwar inzwischen zu Europa gehört, dessen reges Opernleben aber hierzulande sträflich ignoriert wird, konnte man im Oktober die mehr als respektable grie-chische Erstaufführung von Bergs „Lulu“ erleben in einem funkelnagelneuen zweiten, großen und schönen Opernhaus der Stadt, im Megaron, und in opulenter Ausstattung von Gottfried Pilz. Und ausgerechnet im slowakischen Ljubljana kam die Ausgrabung des Jahres 2005 schlechthin auf die Bühne: Die seit 1864 zum ersten Mal wieder gespielte große romantische Oper „Die Rheinnixen“ von Jacques Offenbach, die nun peu a peu auch von  deutschen  Opernhäusern wiederentdeckt wird.

Natürlich hat, laut Deutschem Bühnenverein, auch in diesem Jahr wieder einmal Mozart die Statistik der meistaufgeführten Opern angeführt. Eine wahre Flut an Mozart-Neu-produktionen darf man 2006 erwarten. Den Superlativ haben bereits die Salzburger Festspiele angekündigt, die als Vorspiel bereits in diesem Jahr eine neue „Zauberflöte“ und einen „Mitridate“, eine der verkannten Jugendopern Mozarts, herausbrachten. Sie wollen im Mozartjahr innerhalb von sechs Wochen alle 22 Opern, Singspiele und szenischen Fragmente des Komponisten auf die Bühne bringen.  Man darf gespannt sein!