Dieter David Scholz

Was bringt uns das Mozart-Jahr?

Nun hat es begonnen, das Mozartjahr. Am 27. Januar 1756 gedenkt die  Welt zum 250. Mal des Geburtstages des Salzburger Wunderkinde. Das Jubiläumsjahr 2006 mit seinen unüber-schaubaren Mozart-Veranstaltungen und –Huldigungen stellt alles Vergleichbare in den Schatten. Ein Überblick über die Mozartflut, die auf uns zurollt.


Mozarts Zauberflöte ist noch immer Spitzenreiter unter den populärsten Opern schlechthin. Vor zweihundertfünfzig Jahren wurde Wolfgang Amadé in der Getreidegasse in Salzburg ge-boren, der meistgespielte, meistgeliebte „Klassiker“ der Welt. Alle lieben Amadeus, den Ge-nius, das apollinische Wunderkind, den dionysische Rebell, den Urahn aller Popstars, auf deren Format er inzwischen vielfach reduziert wurde, im Film wie auf der Bühne. Dabei ist Mozart wie kein anderer Komponist missverstanden, verharmlost, beweihräuchert und zum Mythos erhoben worden. Die absurdeste Ikone dieser Popularisierung Mozarts ist die Mo-zartkugel. Seit der „Amadeus“-Welle und dem Musical „Falco meets Amadeus“ ist er vollends zur griffigen Kultfigur erstarrt.

Salzburg, Mozarts Geburtsstadt wird sich 2006 natürlich als Stadt der Mozartforschung prä-sen­tieren. Zahlreiche künstlerischen Projekte, Workshops und Ausstellungen sollen einen Einblick in das Leben, das Werk und das Wesen Mozarts geben. (So es denn überhaupt bestimmt werden kann. Die Wissenslücken über Mozarts Biographie und Charakter sind enorm!)  Schon jetzt sind die Kultur-Kaufhäuser überschwemmt worden von neuen Mozart-krimis, Mozart-Hörspielen, neue Biografien, Romanen und wissenschaftlichen Werken, auch mehrere Gesamteditionen sämtlicher, 600 Stücke umfassender Musiken Mozarts sind auf den Markt gekommen. Und auch an Lesungen von Mozartbriefen fehlt es nicht.

Auch an Mozart Ausstellungen wird nicht gespart 2006: in Wien, in Berlin und in Prag. In Salzburg zeigt der Regisseur Robert Wilson schon seit Anfang Dezember im Geburtshaus Mozarts eine eigenwillige Mozartinstallation als „texanische Geisterbahn“, wie der Spiegel titelte. Die Pariser Oper schmückt ihr Palais Garnier 2006 mit einer mehrere hundert Quadratmeter großen Reproduktion des neuaufgefundenen, sensationellen Berliner Edlinger-Mozartporträts. Hunderte von Mozart-Kongressen und –Symposien werden sich weltweit jagen. Die einen werden Mozart wieder in Sahnebergen ersticken, die anderen werden ihn in die Tonne treten.  Es darf gelacht werden.

Eine wahre Flut an Mozart-Neuproduktionen darf man in den Theatern erwarten. Nicht nur in Salzburg und Wien, Prag und anderswo. Fast alle kleinen und großen Theater widmen min-destens eine Neuproduktion dem Jubilar. Im Sendegebiet wird die Semperoper in Dresden Mozart eigene Festtage widmen und schon am 22. Januar einen neuen Figaro präsentieren. Augsburg, der Geburtsort des Mozartvaters Leopold, versteht sich als deutsche Mozartstadt und veranstaltet im Mai das Deutsche Mozartfest und eine Ausstellung über Mozart im Puppenspiel. Alle Mozart-Rekorde werden natürlich in Österreich gebrochen: Salzburg veranstaltet in der letzten Januarwoche eine Mozartwoche mit der Crème de la Crème an Dirigenten und Sängern. Auch Wien feiert vom 27.-29. Januar ein Fest für Mozart: eine monumentale Party mit Premieren, Konzerten und Fernseh-Übertragungen in die ganze Welt. Begleitet von einer Filmretrosopektive mit mehr als 30 Mozart­Filmen seit 1905.  
 

Auch an Mozartkitsch, an Mozart-Trash und an kuriosen und grotesken Veranstaltungen wird es nicht fehlen. Ein Mozart-Event jagt den nächsten im Jahre 2006. Im Berliner Varieté-theater „Wintergarten“ gibt es ab 19.Januar „Mozart am Trapez“. Das Münchner National-theater präsentiert pünktlich zum Geburtstag  gleich sechs Mozartopern innerhalb weniger Tage. Landauf, landab findet man Mozart-Radwege, Mozart-Lesungen, Mozart-Tanz- und Ballettabende, Mozartkonzerte: Mozart aller Orten. Den Superlativ haben die Salzburger Festspiele angekündigt. Sie wollen vom 21. Juli bis zum 31. August, also innerhalb von sechs Wochen alle 22 Opern, Singspiele und szenischen Fragmente des Komponisten auf die Bühne bringen - ein in der Musikgeschichte bisher einmaliges Unterfangen. - Auch wenn der österreichische Dirigent Nikolaus Harnoncourt in der Presse harsche Kritik übt am Hype um den Mozart-Rummel und gar von Voyeurismus spricht: auf das große Mozart-Geschäft möchte er doch auch nicht verzichten. Und so eröffnet er sogar den Salzburger Mozart-Rummel, mit einer Neuinszenierung des Figaro, mit der das „Haus für Mozart“ eröffnet wird, zu dem das bisherige Kleine Festspielhaus seit  2003 umgebaut wurde.

Mozart ohne Ende also im neuen Jahr. Die kommende Fülle und Vielfalt „in Sachen Mozart“ ist schier unüberschaubar. Es wird anstrengend werden für Mozartfreunde und –Verehrer, die up to date sein wollen! Und dabei stehen uns ja noch weitere Gedenktage ins Haus:  für Hei-ne, Beckett, Freud, Ibsen, Schumann, Schostakowitsch, Rembrandt und Brecht. Ein geseg-netes Jahr 2006, für Kulturbeflissene!
 

 siehe auch: Neue Mozartbücher